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Oberding:Ausgebrannt

Die längst stillgelegte Brennereigenossenschaft Oberding hat wieder Ethanol produziert. Doch jetzt ist schon wieder Schluss

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die Brennereigenossenschaft Oberding eine zündende Idee: Die Mitglieder aktivierten vor wenigen Wochen die 2013 stillgelegte Destillerie und produzierten Ethanol, die Grundlage für die dringend benötigten Desinfektionsmittel. Innerhalb von zwei Tagen lief die Herstellung von Alkohol aus heimischen Kartoffeln wie am Schnürchen. Doch jetzt wird die Produktion wieder eingestellt, sagt Anton Nußrainer von der Genossenschaft. Es bestehe kein Bedarf mehr, sei ihm vom bayerischen Wirtschaftsministerium mitgeteilt worden. Das hat die Oberdinger dann doch verwundert und auch ein wenig geärgert. Im Tank stehen bis auf Weiteres 20 000 Liter.

Für Fritz Müller, Vorstand der Oberdinger Brennereigenossenschaft, wurde am 20. März ein Traum wahr: "Ich hab immer gesagt: Einst kommt der Tag, an dem wir wieder brennen", hatte er damals gesagt. Der Anlass für die Wiederaufnahme der Produktion Mitte März war freilich traurig. Im Kampf gegen das Coronavirus wurde mit dem in Oberding produzierten Alkohol im Erdinger Feuerwehrservicezentrum dringend benötigtes Desinfektionsmittel für Kliniken und Pflegeeinrichtungen hergestellt. Auch benachbarte Landkreise waren froh um die Oberdinger Produktion.

Die Maschinen, links der Maischekessel wurden wieder gebraucht, aber nur kurz. Die Oberdinger würden gerne weiterbrennen.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Wiederbelebung der Brennerei, Baujahr 1971, war die Idee von Kreisbrandinspektor Lorenz Huber, der aus Oberding stammt und im Katastrophenschutz im Einsatz ist. Mit voller Begeisterung mit an Bord waren auch Werner Ippisch, Oberdings Brennmeister von 1997 bis 2013, und Brennmeister Stefan Hofmann, der als Brauer vom Erdinger Weißbräu für den Dienst freigestellt wurde.

Und jetzt, fünf Wochen später, soll schon wieder Schluss sein? "Für die von uns produzierte kleine Menge gibt es keinen Bedarf", hat Anton Nußrainer von Seiten des Wirtschaftsministeriums erfahren. Oberding ist aus der zentralen Lieferkette gefallen. Über die Gründe können Lorenz Huber und Anton Nußrainer nur Vermutungen anstellen. Es sei eben so, dass große Unternehmen, zum Beispiel Farbenhersteller oder Chemiekonzerne, aktuell große Bestände an Ethanol abgeben könnten. Ob es am Preis liegt, darüber wollen die beiden nicht spekulieren. Nur so viel: "Wir sind eine Genossenschaft und zumindest auf unsere Unkosten wollen wir kommen", sagt Anton Nußrainer. Also die Ausgaben für die angelieferten Kartoffeln und natürlich die Heizkosten. Beide loben den Landkreis: Dieser sei bislang für die Unkosten aufgekommen. Überhaupt habe sich Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) sehr für die Genossenschaft eingesetzt und sei sogar im Innenministerium vorstellig geworden, weiß Lorenz Huber. Genutzt hat es offensichtlich wenig.

2000 Liter Alkohol kann die Oberdinger Brennerei täglich liefern. Mit dieser Menge könne die Genossenschaft allerdings nicht mit großen Konzernen mithalten, weiß Anton Nußrainer. Eines will er aber doch betonen: Woher die internationalen Unternehmen ihre Rohstoffe für den Alkohol beziehen, das könne er nicht sagen - aber der Alkohol von Oberding stamme aus heimischen Kartoffeln. "Regionaler geht es nicht."

Ein wenig enttäuscht und verärgert sei er schon, gibt Anton Nußrainer zu. "Wir waren mit die ersten, die mit der Produktion von Ethanol angefangen haben. Und jetzt haben wir das Gefühl, dass wir kleinen Produzenten vergessen worden sind." Das sieht auch Lorenz Huber so: "Wir Kleinen sind aus der Lieferkette gefallen." Er habe an Wirtschaftsminister Huber Aiwanger (Freie Wähler) persönlich geschrieben, sei dann auf dessen Planungsstab verwiesen worden. Es ging ein bisschen hin und her. "Dann hieß es: Es werde noch geprüft." Auf weitere Informationen warte er seit 14 Tagen.

Die Maschinen, links der Maischekessel wurden wieder gebraucht, aber nur kurz. Die Oberdinger würden gerne weiterbrennen.

(Foto: Renate Schmidt)

Immerhin: Von Seiten des Landkreises gibt es noch eine Abnahmegarantie von 14000 Litern. Und kürzlich habe Oberding circa 700 Liter geliefert, mit denen Desinfektionsmittel für Erdinger Schulen angemischt wurde, so Lorenz Huber. Nach seinen Angaben lagern aktuell 20000 Liter Ethanol in Oberding. Anton Nußrainer erklärt: "Ab kommender Woche steht die Produktion still." Die Oberdinger hätten gerne weiter gemacht.

© SZ vom 02.05.2020

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