Auf dem Weg nach Oberbierbach steht plötzlich ein großer Bus quer auf der Straße. Eben waren weit und breit nur Felder, grüne Wiesen und schmale Landstraßen ohne weiße Markierungen zu sehen. „Was hat der denn vor?“, sagt Anna Gfirtner, die am Steuer ihres Autos sitzt. Jetzt leuchten die Rückfahrlichter auf, der Bus setzt rückwärts in eine kleine Nebenstraße zurück. Dabei wird der Name des Unternehmens aus dem Nachbarort deutlich sichtbar.
Anna Gfirtner winkt dem Mann am Steuer zu. Natürlich kennt sie ihn – so wie alle Autofahrer, denen sie auf den kleinen Straßen hier begegnet. Das leichte Heben der rechten Hand vom Lenkrad als nachbarschaftlicher Gruß gehört zur Fahrt durch das Gemeindegebiet von Fraunberg hinzu. Oberbierbach ist einer von 42 Ortsteilen dieser Gemeinde im Landkreis Erding.
Anna Gfirtner, 74, saß von 1996 bis 2026 für die Wählergemeinschaft Maria Thalheim im Gemeinderat. In den vergangenen zwölf Jahren war sie zudem als dritte Bürgermeisterin im Fraunberger Rathaus tätig, von 2002 bis 2026 auch als Kulturreferentin. Zusammen mit anderen Autoren hat sie die Chronik von Fraunberg geschrieben, die 2016 erschienen ist. Nicht nur deshalb weiß sie, dass „Bierbach nichts mit Bier zu tun hat“. Da die Unterscheidung in Ober- und Unterbierbach erst Anfang des 19. Jahrhunderts auftauchte, sprechen die Bewohner beider Orte bis heute immer noch von „Bierbach“.

Diese Namensform existiert jedoch erst seit etwa 1820. 1570 wurde der Ort noch „Pierpach“ genannt, um 1400 „Pürpach“, ab dem 12. Jahrhundert tauchten jedoch verschiedene Varianten auf, etwa „Puripach“, „Burinbach“ oder „Buerbach“. „Gedeutet wird der Name als ‚Bürg am Bach‘“, weiß Gfirtner. Damit gemeint sei jedoch keine Burg im eigentlichen Sinne, sondern nur eine kleine Befestigung, die man allgemein „Bürg“ genannt habe. „Trotz genauer Geländeuntersuchungen wurden aber bisher keine Spuren davon gefunden.“
Bei der letzten Kommunalwahl trat Gfirtner auf eigenen Wunsch nicht mehr an. „Irgendwann ist’s ja mal genug“, sagt sie, „ich wollte auch wieder frei über meine Zeit verfügen.“ Am wichtigsten ist jedoch, dass Anna Gfirtner seit ihrer Geburt – mit einer kurzen Unterbrechung in München – in Oberbierbach lebt und sich in ihren politischen Funktionen dafür stark gemacht hat, dass der Ort bis heute genauso idyllisch, familiär und vertraut geblieben ist.



Ein Anruf von Anna Gfirtner genügt, um den Schlüssel zur kleinen Privatkapelle zu bekommen, die sie zeigen möchte. In den elf Häusern des Ortes leben ausschließlich alteingesessene Familien mit insgesamt 43 Personen. Das ist nur ein geringer Zuwachs seit 1820, als Oberbierbach aus fünf Häusern und 32 Bewohnern bestand. Im Nachbarort Unterbierbach gibt es laut Gfirtner heute zwölf Häuser und 50 Einwohner.
Im Gasthof Strasser fühlt sich Anna Gfirtner wie zu Hause, denn hier war sie schon als Kind oft zu Gast. Ihre Tante Maria hatte in den Gasthof geheiratet und dort als Köchin gearbeitet. Heute wird er von Sebastian Strasser junior, 47, geführt. Er widmet sich der regionalen bayerischen Küche in seinem Heimatort, hat aber schon oft in die gehobene Gastronomie hineingeschnuppert. So lernte er bei Käfer in München und war lange als Koch bei Karl Ederer in den Fünf Höfen beschäftigt. Sein Sohn „Sebi“ Strasser wiederum hat seine Lehre bei Dallmayr gemacht und ist derzeit im „Alois“ in München tätig. Danach wird er einige Zeit bei Sternekoch Alexander Huber im „Huberwirt“ in Pleiskirchen wirken. Dementsprechend gibt es jedes Jahr im November einen Gourmetabend. „Da zeigen wir, was wir noch können“, sagt Strasser. Seine Wurst- und Fleischwaren bezieht Strasser von seinem Cousin, dem Metzger Manfred Rampf in Thalheim. Die Gäste des Gasthofs kommen mitunter auch von weit her, etwa wenn sie auf dem neun Kilometer langen Marienweg um Maria Thalheim gewandert sind, der an Oberbierbach vorbeiführt. Im Winter wird der Festsaal des Gasthofs zur Theaterbühne, dann gibt es einige Vorstellungen der „Reimeringer Theatermanufaktur“ mit Stefan Voglhuber, seiner Frau Teresa Sperling und ihrem „Bayerischen Boulevardtheater“.
Dafür, dass in Oberbierbach ein wenig die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, haben die Bewohner selbst gesorgt – mithilfe eines Gemeindeentwicklungsvereins. „Das ist einmalig in ganz Deutschland“, sagt Anna Gfirtner, „bis heute gibt es nirgendwo etwas Ähnliches.“ Die Mitglieder dieses Vereins – also die Bewohner der Ortschaften – können ihre Interessen einbringen. Der Gemeinderat setzt die Ziele anschließend in die Tat um, etwa durch die Entwicklung entsprechender Konzepte. „Das ist eine sehr gute Art der Bürgerbeteiligung“, so Gfirtner. „Man hat dadurch viel Gemeindefrieden.“ Der allerdings durch Einflüsse von außen durchaus gefährdet werden kann.
„Hier im Einzugsgebiet des Flughafens sind wir vielen Begehrlichkeiten von Immobilienhaien ausgesetzt“, sagt Gfirtner. Diese versuchen immer wieder, alte Anwesen aufzukaufen und durch Neubauten zu ersetzen. In Fraunberg selbst und in Ober- und Unterbierbach konnte das weitgehend verhindert werden, indem die Gemeinde selbst Anwesen gekauft hat und sie als soziale Einrichtungen nutzt – etwa einen Dorfstadl mit Spielplatz.

„Wir sind oft belächelt worden“, sagt Gfirtner. Während in anderen Ortsteilen von Fraunberg oft Filetstücke mitten im Ort verkauft werden, auf denen dann Mehrfamilienhäuser mit Wohnungen entstehen, befinden sich in dem kleinen Oberbierbach noch alle Häuser in Familienbesitz.
Die besagten elf Häuser stehen übrigens nicht dicht beisammen. Zwischen allen Anwesen breiten sich große Wiesen und Felder aus, sodass ein „kleiner Rundgang“ durchs Dorf eher einer größeren Wegstrecke entspricht. Ausgangspunkt ist die Kirche St. Martin mit dem kleinen Friedhof, von dort aus geht es hinüber zum Gasthof Straßer. Den Weg nehmen auch die „Hochzeitszüge“, die hier noch häufig stattfinden. Paare können sich auf der großen Wiese zwischen Gasthof und Kirche bei schönem Wetter unter freiem Himmel trauen lassen.


Wer möchte, kann in der Gemeinde Fraunberg und ihren 42 Ortschaften nicht nur heiraten, sondern auch nahezu alle Dinge des täglichen Lebens erledigen, sagt Gfirtner. Ein Auto ist jedoch unerlässlich, allein um sich zwischen den weit entfernten Häusern und Ortschaften zu bewegen, da es keine bequeme Busverbindung gibt. Trotzdem muss man die Gemeinde Fraunberg nicht verlassen, darauf ist Gfirtner stolz. „Ein Einkaufszentrum wollten wir bewusst nicht“, sagt sie. Zum einen, weil es im sieben Kilometer entfernten Wartenberg eines gibt, zum anderen, weil im Ortsteil Maria Thalheim in der Gemeinde Fraunberg noch ein Bäcker und ein Metzger aktiv sind. Dort könne man Obst, und Gemüse und weitere „Waren des täglichen Bedarfs“ kaufen, sagt Gfirtner.

Dass die Zeit in Bierbach doch nicht ganz stehengeblieben ist, daran erinnern die röhrenden, grummelnden Geräusche am Himmel, die sich je nach Windrichtung auch mal zu einem ausgewachsenen Gedröhne steigern können. Die Geräusche des nahegelegenen Flughafens im Erdinger Moos kann auch eine heimatverbundene Gemeinderätin nicht verhindern.

