NS-Geschichte in Erding:Den Vergessenen ein Gesicht geben

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NS-Geschichte in Erding: Eine kolorierte Ansicht des Lagers Eichenkofen nach dem Krieg. Nach den Zwangsarbeitern wurden in den Holzbaracken Flüchtlinge untergebracht.

Eine kolorierte Ansicht des Lagers Eichenkofen nach dem Krieg. Nach den Zwangsarbeitern wurden in den Holzbaracken Flüchtlinge untergebracht.

(Foto: Gerhard Grimm/OH)

Pax Christi startet eine Spendenkampagne für ein Erdinger Zwangsarbeiter-Denkmal. Begleitend dazu erscheint eine Video-Dokumentation über das Lager Eichenkofen.

Von Florian Tempel, Erding

An diesem 8. Mai, der nicht nur Muttertag ist, sondern auch der jährlich wiederkehrende Tag der Befreiung von der NS-Diktatur, startet die Pax-Christi-Gruppe Erding-Dorfen eine Spendenkampagne für ein Denkmal in der Nähe des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Eichenkofen. Die Stadt Erding übernimmt einen Teil der Kosten, lässt etwa das Fundament für das Denkmal vom Bauhof errichten, auf dem die vom Oberdinger Bildhauer Wolfgang Fritz entworfene Stele aus Stahl und Glas stehen wird. Für die weitere Finanzierung braucht es aber Spenden. Das Denkmal wird das erste Erinnerungszeichen für die vielen Tausend Zwangsarbeiter, die in den Landkreis verschleppt und hier ausgebeutet wurden, damit die Deutschen den von Adolf Hitler entfachten Zweiten Weltkrieg führen konnten. Die Einweihung ist für Ende Oktober geplant.

Der Erdinger Historiker Giulio Salvati hat in den vergangenen Jahren mit einem Ehrenamtlichen-Team eine öffentlich zugängliche Datenbank auf www.erding-geschichte.de aufgebaut und so den mehr als 8000 Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus im Landkreis Erding Zwangsarbeit leisten mussten, bereits ein digitales Denkmal gesetzt. Zwangsarbeit war ein unerlässlicher Faktor für die deutsche Kriegswirtschaft, auch im Landkreis Erding. Bis 1941 waren es einige hundert französische Kriegsgefangene und belgische Vertragsarbeiter. Von 1942 an waren es immer mehr Menschen aus Osteuropa, ganze Dörfer und Familien mit Kleinkindern. Sie waren im ganzen Landkreis tätig, vom Friseursalon in der Erdinger Innenstadt über die Ziegelei Meindl in Dorfen bis zur Moosbahn im Erdinger Moos. Salvati wurde für seine wegweisende Arbeit im vergangenen Jahr mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet.

800 Menschen hausten in dem Lager unter elenden Umständen

Das Aktionsbündnis "Gesicht für Gesicht", dem neben dem Team von Salvati die Pax-Christi-Gruppe und die Geschichtswerkstatt Dorfen angehören, hat die Erweiterung der Zwangsarbeiter-Datenbank unterstützt und im vergangenen Jahr mit mehreren Aktionen öffentlich an die NS-Zwangsarbeiter erinnert. Nach einer Gedenkveranstaltung am 8. Mai 2021 auf dem Schrannenplatz, im Herzen von Erding, führte eine Woche später ein Erinnerungsgang an den Rand der Stadt. Nördlich von Eichenkofen mussten im dortigen Lager etwa 800 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unter elenden Umständen hausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in denselben Baracken Vertriebene.

NS-Geschichte in Erding: Beim Erinnerungsgang vor einem Jahr präsentierte Wolfgang Fritz am Gedenkplatz den Entwurf des Denkmals, das nun in Cortenstahl und Glas ausgearbeitet wird.

Beim Erinnerungsgang vor einem Jahr präsentierte Wolfgang Fritz am Gedenkplatz den Entwurf des Denkmals, das nun in Cortenstahl und Glas ausgearbeitet wird.

(Foto: Renate Schmidt)

Bilderhauer Wolfgang Fritz erläuterte damals seinen Entwurf für ein Denkmal, eine Stele aus dunklen Brettern, ähnlich denen der Lagerbaracken. Nachdem der Stadtrat dem Projekt zugestimmt hat, läuft mittlerweile die konkrete Ausarbeitung. Das etwa zwei Meter hohe Denkmal wird in Cortenstahl ausgeführt. Auf jeder Seite werden Fenster auf Glas gedruckte Karteikarten von Frauen und Männern zeigen, die als Zwangsarbeiter im Lager Eichenkofen waren. Auf weiteren Glasplatten sind Informationstexte, Zeitzeugen-Zitate und Gedanken von Max Mannheimer zu lesen. Das Denkmal wird mit einem PV-Modul abends sanft beleuchtet. Neben dem Denkmal wird auf Anregung von OB Max Gotz ein Baum gepflanzt. Auf Wunsch finden Spender und Spenderinnen auf einer Tafel an der Stele Erwähnung.

Begleitet wird die Spendenkampagne mit einer neuen vierteiligen Video-Dokumentation. An diesem Sonntag wird auf www.erding-geschichte.de und in Youtube die erste Folge freigeschaltet. Harald Krause, der Leiter des Museums Erding, wird die archäologischen Funde und die Landschaft im Bereich des Lagers Eichenkofen beleuchten. Immer sonntags folgen weitere Videos. Im zweiten Teil erzählt der ehemalige Eichenkofener Ortssprecher Lenz Hellinger seine Erinnerungen zum Reichsarbeitsdienst und zur Kriegszeit. Die dritte Folge enthält ein Interview mit dem Heimatvertriebenen Gerhard Grimm, der nach 1945 im Lager aufwuchs. Im letzten Video illustriert Giulio Salvati anhand von bislang unveröffentlichten Luftaufnahmen und Fotos das tragische Schicksal der mehr als 800 ausländischen Frauen, Männer und Kinder, die im Zwangsarbeiterlager Eichenkofen leben mussten.

Weitere Informationen auf www.erding-geschichte.de.

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