Naturschutz in Erding:"Schlecht für den Zünsler, gut für den Buchs"

Das große Buchsbaumsterben bleibt 2021 noch aus. Die Zünsler-Population könnte sich in den nächsten Jahren langsam einpendeln

Von Charlotte Nachtmann, Erding

Es könnte sich ausgezünselt haben. Diese Hoffnung hegen derzeit Hobbygärtner, deren Buchsbäume in den vergangenen Jahren noch nicht dem Buchsbaumzünsler zum Opfer gefallen sind. Heuer ist eine große Masseninvasion noch ausgeblieben. Biologe Manfred Drobny sieht darin ein Anzeichen dafür, dass sich die Zünslerpopulation möglicherweise langsam einpendelt. Die Gründe dafür können vielfältig sein: ein geringeres Futterangebot, der kalte, verregnete Mai sowie das zunehmende Interesse durch natürliche Feinde.

Wie schon 2020 beobachtet Brigitte Murla, Vorsitzende des Kreisverband Erding für Gartenbau und Landschaftspflege, wie ihr Vögel im Kampf gegen den Zünsler zur Hilfe flattern. Gerade jetzt in der Brutzeit ergänzten die bis zu fünf Zentimeter langen Raupen den Speiseplan für den Nachwuchs ideal. Zumindest hat Murla noch keinen einzigen Zünsler in ihren 50 Buchsbäumen entdeckt: "Nur ein paar Gespinste, Zünsler waren aber nicht drin." Auch der Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt, Michael Klinger, hat noch keinen einzigen Anruf wegen Buchsbaumzünslerbefalls bekommen.

Naturschutz in Erding: Brigitte Murla, Vorsitzende des Kreisverband Erding für Gartenbau und Landschaftspflege, hat heuer noch keinen einzigen Zünsler in ihren 50 Buchsbäumen entdeckt:

Brigitte Murla, Vorsitzende des Kreisverband Erding für Gartenbau und Landschaftspflege, hat heuer noch keinen einzigen Zünsler in ihren 50 Buchsbäumen entdeckt:

(Foto: Renate Schmidt)

2019, als der Zünsler erstmals flächendeckend über die Erdinger Buchsbäume hergefallen ist, haben sich die Vögel allerdings noch nicht für das reichliche Nahrungsangebot direkt vor ihren Schnäbeln interessiert. Das habe mit der Anpassung an die neue Futterquelle zu tun, erklärt der Biologe und Geschäftsführer vom Bund Naturschutz Erding Manfred Drobny: "Die Vögel haben erst lernen müssen, dass sie die Raupen fressen können." Die anfängliche Vermutung, Vögel würden die Zünslerraupen aufgrund ihrer giftigen Nahrung - den Buchbaumblättern - verschmähen, hat sich nicht bewahrheitet, bemerkt Klinger.

Drobny sieht in den neuen Fressfeinden allerdings nur einen Erklärungsansatz für die bisher ausbleibende Zünslerplage. "Ich kann nur Hypothesen aufstellen, aber es ist so, dass die meisten Insektenpopulationen stark schwanken. Krankheiten, das Klima und das Nahrungsangebot sind dabei die Hauptgründe." Beim Buchsbaumzünsler handelt es sich um eine invasive Falterart aus Ostasien. 2006 wurde sie vermutlich über Containerschiffe zunächst in das Umland von Rhein-Binnenhäfen eingeschleppt. "Wenn solche Arten ein neues Terrain besiedeln, kann ihre Population erst einmal explodieren, wenn genug Nahrung, aber noch keine natürlichen Feinde vorhanden sind."

Naturschutz in Erding: Die Gründe für das Ausbleiben können vielfältig sein: ein geringeres Futterangebot, der kalte, verregnete Mai sowie das zunehmende Interesse durch natürliche Feinde.

Die Gründe für das Ausbleiben können vielfältig sein: ein geringeres Futterangebot, der kalte, verregnete Mai sowie das zunehmende Interesse durch natürliche Feinde.

(Foto: Renate Schmidt)

2008 trat der erste Zünsler-Befall im Landkreis Erding auf Wartenberger Gemeindegebiet auf. Problematisch wurde der Buchsbaumzünsler dann zehn Jahre später. 2019 fraßen sich seine Raupen erstmals durch den gesamten Landkreis und hinterließen massenweise Buchsbaumskelette.

Da haben sich die Zünsler aber wohl ein Eigentor geschossen: Viele Gartenbesitzer haben ihre kahl gefressenen Buchse entsorgt und sich auch keine neuen mehr angeschafft. Brigitte Murla bestätigt, dass viele inzwischen vom klassischen Kiesbett mit drei Buchsen Abstand genommen hätten. Weniger Futter für die Zünsler bedeutet, dass sie weniger Nachwuchs produzieren können.

Auch der kalte und nasse Mai könnte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass sich die Falter - wie viele Insektenarten - heuer noch nicht so stark vermehrt haben. "Man muss sich nur einmal den natürlichen Lebensraum von Buchsbäumen anschauen. Zum Beispiel das bergige Grenzgebiet zwischen Griechenland und Bulgarien. Dort herrschen härtere Klimabedingungen," erläutert Manfred Drobny. Diese Witterungsverhältnisse mögen Zünsler als wechselwarme Tiere gar nicht.

Naturschutz in Erding: "Nur ein paar Gespinste, Zünsler waren aber nicht drin", sagt Brigitte Murla.

"Nur ein paar Gespinste, Zünsler waren aber nicht drin", sagt Brigitte Murla.

(Foto: Renate Schmidt)

Dass der Zünsler dieses Jahr noch nicht zugeschlagen hat, zeigt sich auch in Gärtnereien. "Wir merken, dass viele ihre Buchse verloren haben und weniger Spritzmittel gekauft werden," berichtet Andrea Hagel, Inhaberin der Gärtnerei Hagl in Erding. Buchsbäume bietet sie gar keine mehr an und rät Kunden auch vom Kauf ab. Alternativen seien Spindelsträucher, Stechpalmen oder Koniferen. Einen hundertprozentigen Ersatz für die einst beliebten und pflegeleichten Buchse gebe es jedoch nicht, sagt Stefan Strohmeier, Chef der Gärtnerei Strohmeier und Hirsch. Sein Geschäft führt zwar noch Buchsbäume, allerdings nur Restbestände und die Nachfrage gehe gegen null.

Zu früh freuen sollten sich Buchsbaum-Besitzer jedoch heuer nicht. Auch letztes Jahr hatte es so ausgesehen, als würde eine so verheerende Masseninvasion wie 2019 ausbleiben. Brigitte Murla war es dank des Einsatzes von Niemöl - einem pflanzlichen Schädlingsmittel - und der Unterstützung durch hungrige Vögel zunächst gelungen, die erste Generation Zünsler im Frühjahr soweit zu dezimieren, dass auch die zweite schwach ausfiel. Gegen Herbst sei dann jedoch eine dritte Generation geschlüpft. Insbesondere diese hat in den vergangenen Jahren "zur immensen Verbreitung und zum allgegenwärtigen Kahlfraß der Buchsbäume geführt", sagt auch Klinger.

Naturschutz in Erding: Ein Buchsbaum, der im Garten von Brigitte Murla steht.

Ein Buchsbaum, der im Garten von Brigitte Murla steht.

(Foto: Renate Schmidt)

Da ein Weibchen 100 bis 150 Eier legt, könnten auch heuer bereits wenige Tiere noch ein exponentielles Wachstum auszulösen. Und die Brutzeit der Vögel ist auch irgendwann vorbei. Verschwinden wird der Buchsbaumzünsler wohl nicht mehr aus Erdinger Gefilden. Manfred Drobny gibt aber Grund zur Hoffnung: "Jetzt wird sich wahrscheinlich alles einpendeln. Es wird mal gute und mal schlechte Jahre geben." Dieses Jahr ist bisher jedenfalls "schlecht für den Zünsler, aber gut für den Buchs", fasst Murla zusammen.

© SZ vom 24.07.2021
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