Naturschutz:Gefährdete Flusslandschaft

Die Gewässer Hammerbach und Strogn sind ein besonderer Lebensraum im Landkreis Erding. Dieses Ökosystem wird von der ED 99 und der Walpertskirchener Spange bedroht

Von Adam Smoleń, Erding

Libellen schwirren durch die Luft, Koppen verstecken sich im Bachgrund und Laubheuschrecken springen durch die Gräser. Zwischen Wolfswinkel im Süden und Wartenberg im Norden sind die Gewässer Hammerbach und Strogn ein besonderer Lebensraum im Landkreis Erding. Die geplanten Schienen- und Straßenbauprojekte Walpertskirchener Spange und ED 99 bedrohen dieses Ökosystem.

Das 254 Hektar umfassende Areal ist als Flora-Fauna-Habitat Strogn mit Hammerbach und Köllinger Bächlein geschützt. Es zieht sich östlich von Erding am Ufer der Strogn und des Hammerbachs über ungefähr 20 Kilometer Luftlinie von Süden nach Norden entlang.

Die ED 99 und die Walpertskirchner Spange als Ostanbindungen zum Flughafen München würden Schneisen in das Gebiet schlagen. Das Planungsfeststellungsverfahren zur Spange ist bereits abgeschlossen. Laut er deutschen Bahn (DB) ist nun das Genehmigungsverfahren im Gange. Als "Maßnahme des vordringlichen Bedarfs" wird das 145 Millionen Euro teure Schienenprojekt vom Bund finanziert. Der Biologe Manfred Drobny, Kreisgeschäftsführer des Bund Naturschutz (BN), sagt, dass die beiden Schneisen eine "extreme Belastung und Veränderung" für den Lebensraum und seine Arten wären.

Naturschutz: Schwarzerlen säumen die Ufer und spenden dem Bach Schatten.

Schwarzerlen säumen die Ufer und spenden dem Bach Schatten.

(Foto: Renate Schmidt)

Dabei ist die gewundene halboffene Flusslandschaft charakteristisch für den landwirtschaftlich geprägten Erdinger Landkreis, wie der Biologe erläutert. Die Landschaft sei ein Ergebnis der extensiv betriebenen Landnutzung unter flussnahen Bedingungen. Damit solcherlei Lebensräume auch für die Zukunft erhalten bleiben, wurde die europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie eingeführt.

Die deutschen Bundesländer sind dafür zuständig, besonders schützenswerte Gebiete auszuweisen. Durch diese Ausweisung verpflichten sich die Bundesländer nach EU-Recht den Zustand der betroffenen Gebiete zu erhalten und gegebenenfalls zu verbessern. Das Europa durchziehende Band an zusammenhängenden Schutzgebieten soll gewährleisten, dass typische Tier- und Pflanzenarten überleben.

Ausschlag für die Ausweisung des Erdinger FFH-Gebiets Strogn mit Hammerbach gab laut dem Managementplan der Regierung von Oberbayern die hier vorkommende Fischart Koppe, Cottus gobio, sowie der Schmetterling Dunkler Wiesenknopf Ameisenbläuling.

Einige Tiere sind existenziell von anderen Arten und bestimmten Umweltbedingungen abhängig. So ist der Schmetterling "dunkler Wiesenknopf Ameisenbläuling" in seiner Fortpflanzung auf den großen Wiesenknopf, eine rot blühende Blume, angewiesen. Die Schmetterlingsweibchen legen ihre Eier an die Knospen dieses Gewächses. Anschließend fressen die geschlüpften Raupen die Blütenköpfe der Futterpflanze auf und lassen sich nach einiger Zeit fallen um auf ihre Pflegerinnen zu warten. Das Sekret der Schmetterlingsraupen zieht Knotenameisen an, die die Raupen regelrecht adoptieren. Nachdem die Ameisen die Raupen in den Ameisenbau getragen haben, ernähren sich die Raupen räuberisch von den Larven und Eiern der Ameisen und werden bis zu ihrer Verpuppung wie die eigene Brut gepflegt. Der Ameisenbläuling habe eine besondere Rolle für das Ökosystem inne, so Drobny, er beeinflusse die Population der Knotenameisen und das Vorkommen des Wiesenknopfs. Diese Blume kommt kaum mehr im FFH-Gebiet vor. Deshalb wurde auch der letzte Dunkle Wiesenknopf Ameisenbläuling laut aktuellem Managementplan der Regierung von Oberbayern zuletzt im Jahr 2009 gesichtet. Der Plan sieht deshalb vor, den Großen Wiesenknopfs und damit auch den Schmetterling zu fördern.

Naturschutz: Libellen lieben solche Habitate.

Libellen lieben solche Habitate.

(Foto: Renate Schmidt)

Die sich im Wasser tarnende Koppe kommt dagegen im Gebiet vor, auch wenn Drobny dieses Mal keine Koppe unter den Steinen am Bachgrund entdecken konnte. Der nachtaktive Fisch mit schlechten Schwimmfähigkeiten stellt besondere Anforderungen an die Wasserqualität und den Flussuntergrund. Kühle und schattige Flüssen oder Seen mit hohem Sauerstoffgehalt und ohne große Hindernisse wie Dämme oder große Gefälle sind daher die Lebensräume der Koppe. Durch die zunehmende Verbauung und Begradigung der Flüsse in Westeuropa ist der natürliche Lebensraum der Koppe geschrumpft.

Geographische und klimatische Bedingungen sind für diese Fischart also entscheidend. Baustellen im Gebiet führen jedoch zu Kahlschlägen und großer Verschmutzung, so Drobny. Eine "chemische und strukturelle Veränderung des Gebietes" wäre die Folge der Infrastrukturprojekte ED 99 und Walpertskirchener Spange. Die Rodungen der umliegenden Flusswälder würden zu größerer Sonneneinstrahlung und dadurch zu einer Erhöhung der Wassertemperatur führen. Zudem würde laut Drobny der Gummiabrieb der Autoreifen und das versickernde Öl den Fluss verschmutzen und die Wasserqualität vermindern.

Naturschutz: Manfred Drobny fängt zur Demonstrationein paar Exemplaremit dem Kescher.

Manfred Drobny fängt zur Demonstrationein paar Exemplaremit dem Kescher.

(Foto: Renate Schmidt)

"Neben den Koppen sind auch die Libellen auf den Schatten der Gehölzarme angewiesen", sagt Drobny und deutet auf die Bäume am Flussrand. Bei zu viel Hitze würde der Sauerstoffgehalt des Wassers sinken und mehr Algenwachstum hervorrufen. Diese Algen würden das feine Kieslückensystem so verändern, dass die Koppe ihren Eiern keinen Laichgrund mehr bieten könne.

Unterschiedliche Insekten, Pflanzen, Fische, Säugetiere und Vögel finden an und in der Strogn ihre Heimat und Schutz. Neben Prachtlibellen und Feuerfaltern stechen die Schwarzerlen und Silberweiden am Ufer hervor. Die Gräser am Ufer der Strogn beherbergen summende und zirpende Insekten. Neben Baldrian und Gold Hahnenfuß blühen hier unter anderem auch Braunwurzen und Brennnesseln.

Diese vielfältigen Pflanzen- und Tierwelten sind miteinander verflochten. Durch ihr Zusammenleben erhalten sie den Lebensraum. Doch auch die Menschen können zu seinem Bestehen beitragen. Das Weiden von wenigen Rindern auf großen Flächen in Nähe des Flussufers, könne laut Manfred Drobny zur Erhaltung beitragen.

Für den Bund Naturschutz basiert die Planung der Projekte auf veralteten Annahmen, nach denen die Zahl der Flüge am Münchener Flughafen steigen würde. Durch die Corona-Pandemie ist der Flugverkehr jedoch stark eingebrochen. Das ist erfreulich für die Arten des FFH-Gebiets, denn so fällt weniger Verkehr und Infrastruktur im Gebiet um den Flughafen an.

© SZ vom 17.07.2021
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