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Bundeswehrstandort Erding:Fliegerhorst im Zugzwang

Die Aussetzung der Wehrpflicht beschert auch dem Erdinger Bundeswehrstandort Nachwuchssorgen. Die unbesetzten Stellen sollen mit Freiwilligen gefüllt werden. Ob und wann die kommen, ist allerdings noch unklar.

Nach der Aussetzung der Wehrpflicht soll der Nachwuchs der Bundeswehr aus Freiwilligen rekrutiert werden. Doch wer sich für den Dienst an der Waffe interessiert, hält sich offenbar noch zurück. "Weil die Eckdaten für die Zukunft der Bundeswehr nicht klar sind, herrscht eine große Unsicherheit. Ich befürchte ein großes Loch in der Personaldecke", sagt Michael Rethmann, Kommandeur am Standort Erding.

Gutes Renommee: Den Azubis der Ausbildungswerkstatt im Erdinger Fliegerhorst stehen in der Industrie viele Türen offen

(Foto: Peter Bauersachs)

Der Fliegerhorst gilt eher als Instandsetzungsbetrieb, denn als Standort mit Gefechtssoldaten. "Deshalb geht es uns ein bisschen besser", so Rethmann. Dennoch bereite ihm der Nachwuchsmangel große Sorgen.

Weil in Erding hauptsächlich Flieger zerlegt und wieder zusammengeschraubt würden, gebe es dort eine Menge an hoch technisierten Berufen. "Für die lässt sich leichter Personal finden", sagt Rethmann. Wer sich für zwölf Jahre verpflichte, erwerbe in dieser Zeit in jedem Fall so viel an Zusatzqualifikationen, dass er danach in der Luftfahrtindustrie problemlos unterkomme.

"Das ist bei reinen Gefechtssoldaten nicht so einfach." Das Ausbleiben der Wehrpflichtigen hat aber auch für Erding Folgen. "Wer früher als Wehrpflichtiger zu uns gekommen ist, dem haben wir gezeigt, welche Berufe es bei uns gibt. Einige sind uns so hängengeblieben, diese Quelle fällt jetzt weg." Ein weiterer Umstand bringt auch den Fliegerhorst in Zugzwang.

"Die letzten 140 Wehrpflichtigen, die uns im Juni verlassen, verrichten ja gewisse Arbeiten. Diese Dienstposten wollten wir durch Freiwillige wieder besetzt haben. Doch bisher gibt es kein Signal, ob, wie viele, und wann wir welche bekommen", so Rethmann.

Die Folgen davon seien ganz leicht abzuleiten: "Haben wir weniger Personal, können wir weniger Teile instand setzen. Das muss dann die Industrie übernehmen, und das wiederum ist deutlich teurer."

Die Besetzung vakanter Stellen ist nicht die einzige Unbekannte in der Fliegerhorst-Gleichung. "Es ist zwar einigermaßen gesichert, dass die Gesamtstärke der Bundeswehr von 250.000 auf 185.000 Mann reduziert werden soll. Völlig offen ist aber, wie viel Geld für das Personal da ist. Meiner Meinung nach ist die Umsetzung der Reform auch nicht ohne eine Anschubfinanzierung zu bewerkstelligen. Schichte ich Personal um, von Standort zu Standort, muss die Infrastruktur verändert werden. Schon die Verlegung von Telefonanschlüssen kostet in der Summe viel Geld." Auch zum Fortbestehen der 400 Standorte in Deutschland sei noch nichts bekannt.

Geht es nach Rethmann, müsste die vom zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg eingeleitete Reform von dessen Nachfolger Thomas de Maizière möglichst zügig weiter entwickelt werden. Sowohl unter den Beschäftigten als auch in der Bevölkerung - und damit bei potenziellen Freiwilligen - herrsche große Unsicherheit.

"Ein Paket zur Steigerung der Attraktivität der Bundeswehr hat die Regierung zwar geschnürt. Sie umfasst rund 70 Maßnahmen, wie eine Verpflichtungsprämie oder bessere Besoldung. Aber wann die umgesetzt werden, weiß keiner." Dazu sei gesagt worden, dass auch Freiwillige nach Afghanistan versetzt würden. "Das schreckt natürlich ab", sagt Rethmann.

Die Werbung um Mitarbeiter sei nicht direkte Aufgabe des Regiments, spiele aber durchaus eine wichtige Rolle, so der Oberst. Wie bisher würden auch heuer Schulklassen eingeladen, um sich über die Berufsmöglichkeiten zu informieren. Die Ausbildungstage, die alle zwei Jahre auf dem Gelände der Kaserne stattfinden, seien für 2012 bereits ein geplant.

Es gebe auch 50 Praktikumsplätze im Jahr zu vergeben und die Ausbildungswerkstätte sei ohnehin eine "Bank" bei der Rekrutierung neuer Soldaten. "Aber all das wird das Hauptproblem nicht lösen. Das Schwimmen dauert jetzt schon ein Jahr und geht weiter. Es müssen dringend Entscheidungen her", sagt Rethmann.