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Musik :Brasilia-Bavaria

Ottersberg, Stadlkultur

"Bavaschôro" am Freitagabend im fast restlos besetzten Ottersberger Kulturstadl (von links): Ludwig Maximilian Himpsl, Marcio Schuster, Xaver Maria Himpsl, Henrique de Miranda Rebouças und Luis Maria Hölzl.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Ottersberger Kulturstadl erlebt das Publikum einen bemerkenswerten Auftritt der Band "Bavaschôro". Dem bunt besetzen Ensemble gelingt die Kreuzung aus südamerikanischen und süddeutschen Klängen

Von Wolfgang Langsenlehner, Pliening

Bei brasilianisch anmutenden Temperaturen, strahlendem Sonnenschein und bayerischem Gartenfestambiente hat die Band Bavaschôro vor dem idyllisch gelegenen Ottersberger Kulturstadl zwischen Poing und Pliening ein Open-Air-Konzert der Extraklasse gegeben. Zwei musikalische Kulturen, das Bayerische (Bava-) und das Brasilianische (-schôro), mitsamt ihren Traditionen trafen hier am Freitagabend zusammen und vereinigten sich mit großer stilistischer Bandbreite. Im Stadl war so gut wie jeder Platz besetzt.

Fünf professionelle, erfahrene und virtuose Instrumentalisten spielten eine Musik, für die der schon etwas abgegriffene Begriff "Weltmusik" völlig unzureichend ist. Hier wurde nicht Fremdes angeeignet, nachgespielt oder irgendwie eingebaut. Mit größtmöglicher Originalität, Behutsamkeit und Bewusstsein für die Wurzeln der dargebotenen Musik, mit ihren eigenen musikalischen Ursprüngen und dem Hang zu Grenzüberschreitungen boten Bavaschôro eine reizvolle Zusammenschau der beiden so unterschiedlichen Welten.

Sowohl der Gitarrist Henrique de Miranda Rebouças als auch der Saxofonist Marcio Schuster stammen aus Brasilien, der Gitarrist Luis Maria Hölzl vereinigt portugiesische mit bayerischer Herkunft und die Brüder Ludwig Maximilian und Xaver Maria Himpsl sind gebürtige Bayern. Alle fünf Musiker beteiligen sich in unterschiedlichsten Formationen, sind universitär ausgebildet und zeigen eine unbändige Lust über den eigenen Tellerrand zu blicken.

Einen Grundpfeiler ihrer Musik bildet der brasilianische Choro, ein Musikstil aus den 1870er Jahren, der in Brasilien europäische Einflüsse wie beispielsweise Walzer und Polka mit afrikanischen Rhythmen zusammenbrachte, also eigentlich ein typischer Prozess für das vielfältige Land, das seine unterschiedlichen Einflüsse stets positiv zu nutzen wusste. Dieser Grundaspekt der Verknüpfung von Stilen macht diese Musik, seine Darbietung und Interpretation offen für weitere Einflüsse, wie in diesem speziellen Fall bayerische Musik und Sprache. So wurde im ersten Stück, das übersetzt mit "Mir is' wurscht" angekündigt wurde, als Zwischenstück "Drunt in der greana Au" eingebaut, textlich spontan an die Situation angepasst.

Henrique de Miranda Rebouças spielt wie selbstverständlich auf seiner außergewöhnlichen siebensaitigen Gitarre neben komplexer Harmonie und vertrackten Rhythmen auch den Bass mit. Luis Maria Hölzl wechselt zwischen der portugiesischen Gitarre, der Violine und der Cavaquinho, einer kleinen viersaitigen Gitarre, einer Vorläuferin der Ukulele. Marcio Schuster spielt meist ein Sopransaxofon, aber je nach Bedarf auch Alt- oder Tenorsaxofon, die ungewöhnliche Soprillo, ein hohes Minisaxofon, die Querflöte, Trommel oder das Pandeiro, eine Rahmentrommel mit Schellenkranz. Dieses Instrument beherrscht vor allem auch Xaver Maria Himpsl, ein weiterer Multiinstrumentalist der Gruppe, der alles, was rhythmisch und klanglich möglich ist, aus dem Pandeiro rausholt. Daneben wechselt er zum Waldhorn, Schlagzeug oder zur Tuba, in einem Stück bedient er zwei gleichzeitig. Sein Bruder Ludwig Maximilian Himpsl beherrscht neben der unterhaltsamen Moderation Trompete und Flügelhorn, dessen präziser, weicher Klang bei dem Choro-Klassiker Santa Morena von Jacob de Bandolim trotz rasanten Tempos zur Geltung kam.

Die musikalische Reise von Bayern nach Brasilien und zurück beschert unerschöpfliche Klangerlebnisse mit ausgefuchsten Akkorden, romantischen Melodien und feurigen Rhythmen. Ob schmalzig mit brasilianischem Saudade, temperamentvoll mit spanischen Klängen oder modern mit jazzigen Eigenkompositionen - Bavaschôro musizierten mit Hingabe, Witz und Selbstironie und boten ein inspirierendes und abwechslungsreiches Programm.

Bei Titeln wie "Doce de coco", "Receita de Samba" oder "Lamentos do morro" fühlt man sich gleich versetzt in das so vielfältige wie wunderschöne Land Brasilien. Bei "Nivaldo war ein Ritter", Original von Pixinguinha, wird das Choro-Stück mit den "Alten Rittersleut'" zusammengeschraubt und mit mehrstimmigem Gesang und halsbrecherischen Rhythmenwechseln dargeboten, bis hin zu choralen "Bier her, Wein her, Schnaps her"-Rufen.

Jeder Musiker kam auf seine Kosten und jedem wurde Raum gegeben, sein Können in Vollendung darzubieten. Bei "Vola mosca", das als "Antwort auf den Hummelflug von Rimski-Korsakow" angekündigt wurde, zeigte Marcio Schuster, wie er beim Spiel des Sopransaxofons die ausgefeilte Technik der Zirkulationsatmung beherrscht. Nicht nur ein wunderbares Solostück für die siebensaitige Gitarre bekam das begeisterte Publikum zu Gehör, sogar das Schlagzeug und das Pandeiro wurden von Xaver Maria Himpsl solistisch in Szene gesetzt.

Diese Kreuzung zweier musikalischer Kulturen ist nicht nur geglückt, sondern wurde auch mit so einer bewundernswerten Spielleidenschaft und überschäumender Improvisationslust dargebracht, mit so viel ironischem Augenzwinkern, Leichtigkeit und gleichzeitiger Präzision, dass der lang anhaltende Applaus mehr als verdient war. Für die bereitete Lebensfreude an diesem gelungenen Abend kann man Bavaschôro nur dankbar sein.

© SZ vom 03.08.2020

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