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Museum:Reise in die Vergangenheit

Schon vor 6000 Jahren haben sich Menschen im Landkreis Erding niedergelassen. Das belegen neueste Ausgrabungs- und Forschungsergebnisse. In einem Vortrag will die Archäologin Barbara Limmer ihren Zuhörern das Leben in der Jungsteinzeit nahe bringen

Wenn von der Geschichte Erdings die Rede ist, meint man meistens die Zeit nach Gründung der Stadt. Und die beginnt um das Jahr 500 auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils Klettham. Bereits zu dieser Zeit lässt sich hier eine Ansiedlung nachweisen. Doch erste Besiedlungen datieren Jahrtausende zurück. Denn vor rund 5700 Jahren bestand bereits am Fuchsberg rund um die Gärtnerei Ippisch am Rennfeldweg eine ausgedehnte, jungsteinzeitliche Siedlung. Sie ist Thema eines öffentlichen Vortrags am Montag, 9. Dezember, um 20 Uhr im Museum Erding

Christoph Hausner rekonstruierte in seinem Bild das Leben der Menschen in einer Siedlung am Fuße des Fuchsbergs vor knapp 6000 Jahren. Zeichnung: Christoph Hausner

Hauptreferentin ist die Archäologin Barbara Limmer aus Pesenlern. "Zurück in die Steinzeit. Neue Ausgrabungs- und Forschungsergebnisse rund um die Siedlung am Fuchsberg in Altenerding", ist ihr Vortrag überschrieben. Die 42-Jährige ist beim Kelten Römer Museum Manching angestellt, wo sie hauptsächlich über die Kultur der Altheimer forscht, die sich auch bei Grabungen in Erding findet lässt.

Die Zeit weit vor Christi Geburt habe sie schon früh begeistert. Nachdem sich die Menschen in ersten Siedlungen zusammengefunden hatten, habe es in der Jungsteinzeit - der Zeit von 3800 bis circa 3300 vor Christus - einen weiteren Entwicklungssprung gegeben: Metallverarbeitung, Pflanzenanbau und die Domestizierung von Tieren. Barbara Limmer hat in München und Heidelberg Archäologie studiert. Ihre erste Ausgrabung führte sie zu einer Feuchtbodensiedlung bei Pestenacker bei Landsberg am Lech. Es faszinierte sie, auf immer noch gut erhaltene Holzfußböden zu stoßen, auf denen vor 5500 Jahren einmal Menschen gegangen sind, sagt Limmer. Anlass für den Vortrag bilden die jüngst abgeschlossenen Grabungen im Vorfeld zum Bau des zukünftigen Hospizes am Sternweg sowie Probeschnitte in den Böden, die im Zuge vom Gasleitungsbau am Rennfeldweg angelegt und archäologisch begleitet werden mussten.

Barbara Limmer M.A. ist Archäologin.

(Foto: Privat)

Ehrenamtliche Helfer des Archäologischen Arbeitskreises am Museum Erding und des Archäologischen Vereins Erding unterstützten die Grabungsfirma. Der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Grabungsergebnisse hat sich Barbara Limmer angenommen. Sie wertet bereits im Rahmen ihrer Doktorarbeit die Keramikfunde der seit 2011 als Unseco-Weltkulturerbe eingestuften Siedlung von Pestenacker aus.

Für die Archäologin Limmer ist die Jungsteinzeit, eine der "spannendsten Epochen der bayerischen Vorgeschichte". In dieser Zeit seien zum Beispiel etwa Rad und Wagen erfunden und erstmals Geräte aus Metall hergestellt worden. "Beide Erfindungen sind für uns heute nicht mehr wegzudenken. Laut einer aktuellen Verkehrsstudie verwenden knapp 70 Prozent der Bayern täglich einen fahrbaren Untersatz mit Rädern - Auto oder Fahrrad - welcher zu großen Teilen aus Metallen gefertigt ist."

Gefäßfragemente aus der jungneolithischen Siedlung am Fuchsberg in Erding. Sie zeigen aber ungewöhnliche Punktreihenmuster, welche von ungeahnten Fernbeziehungen der Bewohner zeugen.

(Foto: Barbara Limmer/oh)

In ihrem Vortrag will sie zeigen, wie die Menschen damals im Raum Erding lebten, was sich anhand von Vergleichen mit anderen Fundorten gut nachvollziehen lasse. Von den meisten zeitgleichen Siedlungen seien aber heute meist nur noch wenige Pfostenstandspuren und Gruben erhalten, da die Dörfer damals auf Mineralböden errichtet wurden, welche relativ schlechte Erhaltungsbedingungen aufweisen. Zum anderen seien laut Limmer die Siedlungen durch Erosionsprozesse oft schon stark in Mitleidenschaft gezogen worden. "Die Ausgrabungen dieser Fundorte werfen daher oft mehr Fragen als Antworten für die Archäologie auf."

Auch damals trug man schon Hut. Der älteste Hut Bayerns bestand aus Bast und Leder.

(Foto: Johann Rauch; Rekonstruktion Antja Bartel (BLfD))

Vergleichbar zum berühmten Pompeij lassen sich aber aus dem Matsch und Moor süddeutscher Feuchtbodensiedlungen "faszinierende Einblicke" in das Jungneolithikum gewinnen. Die Erhaltungsbedingungen seien hier so gut, dass sich etwa komplette Fußböden, Fundamente und teilweise sogar noch Teile der Wände erhalten haben. "Hier kann neben der exakten Bauweise der Häuser sogar nachvollzogen werden, in welchem Jahr genau das Holz dafür geschlagen wurde, beziehungsweise wann die Siedlungen gegründet und wann sie wieder aufgegeben wurden. Daneben liefern sie durch die gute Konservierung eindrückliche Erkenntnisse, zum Beispiel was genau gegessen wurde und wie es zubereitet wurde, wie man sich die Mode der damaligen Zeit von Kopf bis Fuß vorstellen darf oder wie das stille Örtchen damals aussah."

Die Funde aus Stein und Keramik aus all den bayerischen Siedlungen geben außerdem Aufschluss über verschiedene Arbeitsweisen, Status und Prestige und zeugen von weitreichenden Fernkontakten und Güteraustausch der damaligen Bevölkerung. Ob die Menschen damals "vergnügt bis an ihr Ende" lebten, bleibt für das Jungneolithikum in Bayern jedoch ein Rätsel, denn bislang gibt es so gut wie gar keine Bestattungen aus diesem Zeitraum, sagt Limmer.

Die 2019 in Erding aufgedeckten archäologischen Befunde bilden größtenteils Abfallgruben des späten Jungneolithikums, der sogenannten Altheimer Kultur (3800 bis 3400 vor Christus). Erkennbar ist dies an den Keramikscherben, die entdeckt wurden. Die aktuelle Grabung liefere einen wichtigen neuen "wichtigen Mosaikstein" in der Erforschung der seit den 1940er Jahren bekannten Altheimer Siedlung im Bereich der Gärtnerei Ippisch. Dort liegt am Hangfuß in 1,50 Metern Tiefe ein noch bis heute zu Teilen erhaltenes Dorf mit Hausgrundrissen und Feuerstellen von insgesamt rund 100 Metern Durchmesser. Zahlreiche Funde daraus (zum Beispiel Feuersteinsicheln, Keramikgefäße, Horn- und Knochenfunde) sind bereits seit 2013 im Museum Erding ausgestellt.

Bei den nun im Bereich des neuen Hospizes entdeckten Grubenkomplexen dürfte es sich um Lehmentnahmestellen der unterhalb gelegenen Siedlung gehandelt haben, die abschließend mit Hausmüll verfüllt wurden. Der Lehm wurde für die Herstellung von Keramik und für das Ausfachen der einstigen Lehmfachwerkwände der Häuser in der Siedlung in großen Mengen benötigt. Die aktuellen Funde am Sternweg datieren in die Zeit von 3800 bis 3600 vor Christus.

Museumsleiter Harald Krause wird im Rahmen des Vortrags einführend auf die Forschungsgeschichte am Fuchsberg seit 1948 eingehen und erstmals für den Fundplatz eine Gesamtkartierung der Siedlungsausdehnung der Aktivitätszonen präsentieren. Leider fanden seiner Meinung nach "fatalerweise" im Zuge des Neubaus der Erdinger Ostumfahrung (B 388) 1970 keine bauvorgreifenden Ausgrabungen statt. Geschätzt ein Drittel der Siedlung seien so unwiederbringlich zerstört worden. Dem Heimatmuseum Erding sei es damals nur möglich gewesen, gemeinsam mit den Erdinger Pfadfindern Funde aus dem Abraum einzusammeln. Untersuchungen 2019 hätten jedoch erfreulicherweise gezeigt, dass unterhalb des Asphalts vom Rennfeldweg die Jahrtausende alten Schichten zumindest dort noch vorzüglich erhalten sind.

"Zurück in die Steinzeit", Vortrag von Barbara Limmer und Harald Krause, Montag, 9. Dezember, 20 Uhr, Museum Erding. Eintritt frei.