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Museum Erding:Verwurzelte Erinnerungen

Schlesische Kinder beim sogenannten Sommersingen in Erding um 1950. Mit Laetare-Stecken ziehen sie am dritten Sonntag vor Ostern singend durch die Straßen der Stadt und kündigen den Frühling an.

(Foto: Museum Erding)

Eine Sonderausstellung widmet sich dem Schicksal und Leben der Heimatvertriebenen, die in und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Landkreis kamen. Dazu gibt es bis Ende Mai viele begleitende Veranstaltungen

"Der Heimatgedanke galt früher als angestaubt und rechtslastig", sagt Bernd Posselt, "heute ist er quer durch alle Parteien akzeptiert." Das freut den CSU-Politiker, der seit vielen Jahren Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft ist und von 1994 bis 2014 Europaabgeordnete war. Posselt wird an diesem Samstag die Festrede zur Eröffnung einer neuen Sonderausstellung im Museum Erding halten. Als Vertriebenenfunktionär ist er da wohl genau der Richtige. Die Ausstellung, die bis Ende Mai kommenden Jahre zu sehen sein wird, trägt den Titel "Vom Gehen müssen und Ankommen dürfen" und ist den Heimatvertriebenen gewidmet, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Stadt und den Landkreis Erding kamen. Posselt wird sicher auch einen Satz des Schriftstellers und früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel zitieren, den er besonders gut findet: "Europa ist die Heimat unserer Heimaten."

Die ersten Vertriebenen kamen schon, bevor der Krieg zu Ende war. Im November 1944 trafen deutschstämmige Siedler aus der ungarisch-serbischen Region Batschka hier ein. Von 1945 an und noch bis 1946 kamen viele weitere Menschen aus vielen verschiedenen Gebieten: Sudetendeutsche aus Böhmen und Mähren, Deutsche aus Schlesien, Ost- und Westpreußen sowie Mitglieder deutschstämmiger Minderheiten in Ungarn, Rumänien, Russland oder den baltischen Ländern. Durch Flucht oder Vertreibung hatten sie nahezu ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die hiesigen Behörden waren gefordert, notdürftig Unterkünfte und Verpflegung bereit zu stellen. Bis 1950 waren in der Gegend um Erding mehr als 16 000 Heimatvertriebene angekommen. Das entsprach damals einem Bevölkerungsanteil von mehr als 20 Prozent.

Das alles ist aber schon lange her, noch länger als die Gründung der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Landkreis Erding vor 70 Jahren, ein Jubiläum, das am heutigen Samstag mit einem Tag der Heimat ebenfalls im Museum gefeiert wird. Das sei natürlich eine Traditionsveranstaltung, sagt Posselt, die mehr die Älteren anspreche. Doch der Heimatgedanke ist seiner Einschätzung nach bei den Nachkommen der zweiten, dritten und vierten Generation sehr wohl vorhanden - und vor allem ein viel entspannterer Begriff als früher: "Ich finde das schön, solange Heimat nicht abgekapselt gedacht wird, man nicht ausgrenzt und nicht abgrenzt." Die Jüngeren, die Interesse an der Herkunft ihrer Vorfahren zeigen - an ihrer "Wurzelheimat", wie es Posselt nennt -, würden so zu wichtigen Bindegliedern in Europa.

Die Erinnerung an das im Titel der Sonderausstellung thematisierte Gehen und Ankommen wird im Museum Erding aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln beleuchtet. Auf der Grundlage von Zeitzeugengesprächen werden persönliche Flucht- und Vertreibungsgeschichten aus dem Sudetenland, Schlesien, Ungarn, Rumänien, Danzig, Ostpreußen und Lettland nacherzählt. Viele Objekte, die meist private Leihgaben sind, zeugen von dem früheren Leben in der ehemaligen Heimat und dem wenigen, was auf der Flucht mitgenommen werden konnte. Gezeigt werden auch alte Trachten sowie behördliche Dokumente wie Lebensmittelkarten oder Zuteilungsformulare für Wohnraum, die im Erdinger Stadtarchiv aufbewahrt wurden. In Eichenkofen befand sich nach dem Krieg das größte Gemeinschaftslager für Heimatvertriebene im Raum Erding, zuvor dienten die Baracken dort als Unterkünfte für den Reichsarbeitsdienst. Die Ausstellung erläutert schließlich auch, wie sich mehrere landsmannschaftliche Vereinigungen gründeten, um eigene Traditionen zu pflegen und sich gemeinsam und gegenseitig beim Ankommen in der neuen Heimat zu unterstützen.

Nach der feierlichen Eröffnung an diesem Samstag, wird die Ausstellung noch achteinhalb Monate lang zu sehen sein. Bis Ende Mai findet eine Vielzahl von begleitenden Veranstaltungen im Museum Erding statt. Mal geht es dabei um alte Traditionen wie bei einem sudetendeutschen Tanznachmittag am 20. Oktober, bei einem Nachmittag zu alten Handarbeitstechniken wie Klöppeln, Häkeln und Filieren am 15. Dezember, Mundartlesungen am 16. Februar, einem schlesischen Nachmittag am 8. März und Osterbräuche am 5. April. In der Reihe Erzähl-Café wird die in Nordböhmen geborene Zeitzeugin Maria Mader am 9. November aus ihrem Leben berichten. Am 18. November steht ein Diskussionsabend mit Vertretern des Münchner Flüchtlingsrats zur aktuellen Flüchtlingspolitik in Bayern auf dem Programm. Werner Hanal hält am 19. Januar 2020 einen Vortrag zur Ahnen- und Familienforschung. Am 15. April gibt es ein öffentliches Symposium mit dem Thema "Lokale Geschichtskultur in Bayern - zum Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg 75 Jahre danach" mit dem Erdinger Historiker Giulio Salvati. Und am 9. Mai, bevor die Ausstellungs bald zu Ende geht, werden bei einer etwa 30 Kilometer langen Fahrradtour durch den Landkreis Erinnerungsorte der Heimatvertrieben besucht.

"Vom Gehen müssen und Ankommen dürfen", Museum Erding, 14. September bis 31. Mai, täglich außer Montag 13 bis 17 Uhr, Eintritt drei Euro, ermäßigt zwei Euro, Führungen nach Vereinbarung.