Moosburg Vom Kriegsgefangenenlager zum Stadtteil

Nach zehnjähriger Planung ist das Stalag-Neustadt-Museum endlich eröffnet. Zu sehen gibt es Dokumente und Bilder vom Leben der Gefangenen und der späteren Flüchtlinge aus den Ostgebieten Deutschlands

Von Alexander Kappen, Moosburg

Von den Anfängen der Planung bis zur Fertigstellung hat es zehn Jahre gedauert. Aber das, was letztlich dabei herausgekommen ist, kann sich sehen lassen. Trotz der begrenzten räumlichen Möglichkeiten in dem Gebäude an der Hodschager Straße 2 hat das Team um den Hauptverantwortlichen Martin Pschorr es geschafft, einen guten Überblick darüber zu geben, wie sich im Norden Moosburgs aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager Stalag VII A ein neuer Stadtteil entwickelt hat. Am Mittwochabend ist das neue Stalag-Neustadt-Museum offiziell eröffnet worden.

Der Beschluss, einen Anbau am "Haus der Heimat" zu errichten und darin ein Stalag-Museum zu installieren, sei bereits 2007 gefasst worden, erinnerte Bürgermeisterin Anita Meinelt. Eine dafür gegründete Arbeitsgruppe nahm die Sache auch in Angriff, führte den Job "aus unterschiedlichen Gründen" aber nicht zu Ende. Es folgte eine längere Zwangspause. Und dann nahm sich der langjährige Stadtrat und frühere Vizebürgermeister Martin Pschorr der Sache an.

Als das Kriegsgefangenenlager sowie das US-Internierungscamp aufgelöst waren, entstanden in der Neustadt nach 1948 nach und nach Geschäfte, Handwerks- und Industriebetriebe. Dieses Bild zeigt die Filiale der Familie Scherer.

(Foto: Marco Einfeldt)

Es begann eine mühevolle Arbeit, es galt unzählige Bilder, Texte, Dokumente und Gegenstände zu sichten, die vom Stadtarchiv kamen oder von Institutionen und Privatleuten. All das ganze Material zu werten und gewichten und schließlich das Passende auszuwählen, war eine "ganz schwere Aufgabe", so die Bürgermeisterin: "Was soll rein, was lässt man weg, um am Ende die Zusammenhänge noch zu erkennen?" Sie zolle allen Beteiligten "ganz großen Respekt, das war eine grandiose Leistung".

Zum Team gehörten der Moosburger Historiker Dominik Reither und Sebastian Grießl, der bereits einen Film über das Stalag produziert hat und derzeit an einem Zeitzeugen-Film über die Heimatvertriebenen arbeitet, die schließlich die Neustadt gründeten. Wertvolle Unterstützung kam auch von Stadtarchivar Wilhelm Ellböck. Seinen herzlichen Dank richtete Pschorr zudem an Horst Marschoun, der alte Gegenstände der in Moosburg aufgenommenen Heimatvertriebenen beisteuerte, etwa einen bei der Flucht benutzten Leiterwagen.

Bürgermeisterin Anita Meinelt eröffnet mit Dominik Reither, Martin Pschorr, Sebastian Grießl und Wilhelm Ellböck (von links) das neue Museum.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Museum gliedert sich in drei Abschnitte. Beginnend mit dem 1939 von den Nazis eröffneten Stammlager (Stalag), das für 10 000 Kriegsgefangene konzipiert war und in dem bei der Befreiung durch die Amerikaner am 29. April 1945 dann 70 000 Häftlinge untergebracht waren. Teil zwei widmet sich dem "Civilian Internment Camp No. 6", in dem die US-Militärregierung von 1945 bis 1948 - um den Nationalsozialismus zu beseitigen - Parteiführer, höhere Beamte und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft aufgrund ihrer Funktionen im Nazi-Deutschland automatisch in Arrest nahm. In der Spitze waren 9700 Menschen in dem Internierungslager untergebracht.

Nach der Auflösung des US-Camps fanden schließlich Flüchtlinge aus den Ostgebieten, etwa aus dem Sudetenland oder Schlesien, in dem Lager eine neue Heimat. Es entstanden Handwerks- und Industriebetriebe. Zudem entwickelte sich ein kulturelles, gesellschaftliches Leben. So wurden in der Neustadtsiedlung ein Kindergarten (1949) und die Pius-Kirche gebaut (1950) und der TSV Moosburg-Neustadt gegründet, der gleich im ersten Jahr die Meisterschaft in seiner Spielklasse errang. "Das war ein Fest für die ganze Neustadt, der TSV war mehr als nur ein Sportverein", erläuterte Pschorr bei der Eröffnung. Ein im Museum ausgestelltes Bild von der Aufstiegsfeier mit Frauen in Egerländer Tracht zeugt davon.

Das neue Museum sehe er als "Mahnmal gegen Krieg und Rassismus und für Frieden". Wichtig sei es daher, es auch den Schulen näher zu bringen, denen er kommende Woche einen eigenen Termin anbieten wird. Für die allgemeine Bevölkerung ist das Stalag-Neustadt-Museum bis Weihnachten jeweils freitags von 17 bis 19 Uhr geöffnet. In dieser Übergangszeit steht Pschorr dort als Ansprechpartner zur Verfügung. Danach müsse man nach einer anderen Lösung suchen, sagt er. In jedem Fall solle es "regelmäßig geöffnet sein, es wird auch dann feste Zeiten geben".