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Mitten in Erding:Gedanken beim Wort genommen

Auf der Fahrt zur Arbeit kann man angesichts des herrlichen Alpenpanoramas schon vom Weg abkommen - natürlich nur in Gedanken.

Dem einen oder anderen, der am Faschingsdienstag auf dem Weg in die Arbeit war, dem kam bestimmt auch angesichts des Blickes auf die Alpen der Gedanke: was wäre jetzt, wenn man einfach weiter fährt Richtung Berge. So nah wie die sein müssen, ist man in einer halben Stunden dort. Dort setzt man sich dann in ein Café und genießt das herrliche Panorama, einen Cappuccino, die verschneiten Berge. Einfach weg sein. Aber man ist ja pflichtbewusst und fährt weiter Richtung Erding.

Doch spätesten, wenn man den nächsten Flieger Richtung Süden oder Osten abdrehen sieht, schweiften die Gedanken schon wieder ab. Flugscham-Debatte hin oder her, am Strand unter Palmen liegen mit einem Cocktail, während man hierzulande im Februar zwar schon mit einer einfache Jacke unterwegs sein kann, es aber trotzdem lausig kalt ist, das ist einfach der Inbegriff von Faulenzen. Auch, wenn der liebe Arbeitgeber das gar nicht gerne hört, dass man eigentlich möglichst schnell weg sein will - aber zum Glück sind die Gedanken noch frei.

Dass solche öffentlich geäußerten Gedanken ganz schön in die Hose gehen können, musste vor etlichen Jahre der damalige Bundespräsident Roman Herzog erfahren, als er mit seiner Frau nach Dachau zog, genauer gesagt nach Neuhimmelreich. Als er beim Eintragen ins Goldene Buch der Stadt gefragt wurde, was er an Dachau so schätze, sagte Herzog, dass man von Dachau so schnell wegkomme. Dem damaligen Oberbürgermeister Kurt Piller fiel sichtlich die Kinnlade runter. Aber Herzog lieferte gleich die Auflösung: "Zehn Minuten zu den Autobahnen nach Stuttgart und Berlin, zwanzig Minuten zum Flughafen." Er meinte nur die gute Verkehrslage.

Man sollte sich also schon überlegen, wem man seine Gedanken vom "schnell weg sein" mitteilt. Es könnte in den falschen Hals bei jemanden geraten.

© SZ vom 26.02.2020
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