MITTEN IN DER REGION Hüter der Hausordnung

Man fühlt sich  in die Kindheit zurückversetzt, wenn man in der Eigentümerversammlung sitzt

Kolumne von Berthold Neff

Es gibt, auch wenn die Welt immer unübersichtlicher wird, im Leben doch ein paar Konstanten. Eine davon ist, dass es im Wonnemonat Mai gefährlich sein kann. "Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus", dichtete einst der Spätromantiker Emanuel Geibel, wobei die Bäume ihre Schlagkraft in diesem Jahr bereits im warmen April demonstrierten und im saukalten Mai das Wachstum weitgehend eingestellt haben.

Zweitens bringt es der Mai mit sich, dass man sich in die Kindheit zurückversetzt fühlt - wenn man in der Wohnungseigentümerversammlung sitzt, viele finden derzeit statt. Es ist dann wie in der Schule. Vorne sitzt oder steht der Verwalter als Lehrer. Hier, im obersten Beschluss-, Willensbildungs- und Selbstverwaltungsorgan der Wohnungseigentümergemeinschaft, erteilt er das Wort, würgt ausufernde Einlassungen ab und weiß, wie ein Oberlehrer, sowieso alles besser. Er referiert über die Heimtücke betrügerischer Handwerker ebenso kenntnisreich wie über die fatalen Folgen fehlender Rücklaufventile für die Heizungsanlage. Er ist mit den perfiden Intrigen einzelner Bewohner vertraut, registriert routiniert die Beschwerden über die mangelnde Sorgfalt der Hausmeister bei der Pflege der Freiflächen und nimmt auch sonst emotionslos alle Auswüchse menschlicher Schwäche zur Kenntnis.

Ab und zu reißt ihm aber der Geduldsfaden. Wenn es im Versammlungsraum immer unruhiger wird, weil jeder mit jedem schwätzt, ruft er die Klasse zur Ordnung. Wenn es um Hunderttausende Euro geht, die in eine neue Fassade oder in neue Aufzüge zu investieren sind, kann er ein kindisches Verhalten nicht dulden.

Die Sache ist nämlich die: Früher, in der Grundschule, war leises kindliches Flüstern für den Lärmpegel verantwortlich, das dann später, mit der Pubertät, in den Diskant mutierte. Die Menschen hingegen, die es geschafft haben, sich in der teuren Region für Eigentum zu verschulden, stehen mitten im Leben oder sind schon in Rente. Ihre Stimmen dröhnen in lauter Basslage. Irgendwann ist die Doppelstunde dann zu Ende, und der Lehrer ist gnädig: Es gibt keine Hausaufgaben.