Mitten in der Region Der Superstar vom Dach

Dass der Spatz ein Star ist, klingt zwar etwas komisch - ist aber wahr

Kolumne von Valentin Tischer

Wenn es einen Superstar der deutschen Sprache geben kann, dann denken viele an die großen deutschen Literaten. Aber der wirkliche Superstar ist nicht Goethe, Schiller, Mann oder Grass, sondern der Passer Domesticus. Jeder, sogar Leute, die noch nie in ihrem Leben einem Buch nur nahe gekommen sind, kennen mindestens einen Satz, in dem er die Hauptrolle spielt. Ganze Knabenchöre in oberpfälzischen Bistumsstädten sind nach ihm benannt und so mancher Verliebte nennt sein Objekt der Begierde nach ihm.

Ornithologen, Hobby-Vogelkundlern und Lateinprofessoren wird schon der erste Absatz gereicht haben, um ihn zu erkennen. Jedem anderen wird es wohl nach der vorangegangen Aufzählung klar sein. Beim Superstar handelt es sich um einen gefiederten: den Spatzen. Unzählige Sprichwörter kreisen, um den kleinen Vogel. So manches kann den Nicht-Muttersprachler zur Verzweiflung treiben. Was soll jemand mit einem kleinen Vogel in der Hand, der in einem Haus wohnt, auf dessen Dach eine Taube sitzen kann?

Der Spatz ist auch einer der wenigen Naturbewohner, dem der heiße und lange Sommer 2018 wenig ausgemacht hat - im Gegenteil. Laut aktueller Mitteilung des Landesverbands für Vogelschutz hatten die Spatzen überdurchschnittlichen Bruterfolg. Man kann also mehr kleine Mietnomaden erwarten. Heißt das jetzt, dass alle Hausbesitzer eines der bekanntesten Spatzensprichwörter wörtlich nehmen sollen und mit Kanonen auf die Spatzen schießen? Nein. Erstens hinterlässt es hartnäckige Blutflecken und Einschusslöcher, mit großem Kaliber auf kleine Vögel zu schießen.

Zweitens haben schon viele Hausbesitzer den Spatz vertrieben. Durch Sanierung, bessere Dämmung und übertrieben Ordnungssinn beim Gärtnern sind viele Unterschlüpfe, die der Spatz so gerne "mietet", verschwunden. Der literarische Superstar unter den Singvögeln ist dadurch bedroht und könnte die Stadt immer weniger mit seinem Gesang beseelen - was nebenbei gesagt eigentlich schon genug Miete für den Dachvorsprung ist.