Mitten im Gericht Mater ex machina

Vor Gericht hilft kein Gott mit, dass die Geschichte gut ausgeht. Und wenn der Mensch selbiges versucht, verkommt das Ganze meist zur Schmierenkomödie

Von Max Ferstl

Man kennt das ja aus Filmen: Der Protagonist gerät früher oder später in arge Bedrängnis, die Situation scheint ausweglos, doch plötzlich kommt aus heiterem Himmel die Rettung. In Tolkiens Herr der Ringe fliegen Adler herbei, kurz bevor der Held Frodo von einem ausbrechenden Vulkan gegrillt wird. Oder als der Zauberlehrling Harry Potter Gefahr läuft, von einer Riesenschlange verspeist zu werden, findet er im letzten Moment ein Schwert im Zauberhut. Deus ex machina heißt das Prinzip. Als würde Gott persönlich mithelfen, dass die Geschichte gut aus geht.

Im echten Leben ist das in der Regel nicht der Fall. Obwohl die Protagonisten ebenfalls in Bedrängnis geraten, regelmäßig etwa vor dem Erdinger Amtsgericht. Dort sah sich unter der Woche ein Angeklagter einem unangenehmen Vorwurf ausgesetzt: Er soll mit seinem Auto allzu filmreif gefahren sein, lautete die Anklage. Ein anderer Verkehrsteilnehmer hatte sich durch das stete Ausscheren, Beschleunigen und Abbremsen genötigt gefühlt und Anzeige erstattet. Eine Stunde lang wurden Zeugen vernommen, Bilder analysiert, Bremswege vermessen - höchste Bedrängnis, fand zumindest der Angeklagte. Als der Richter gerade die Beweisaufnahme schließen wollte, zauberte er, der eigentlich schweigen wollte, eine rettende Zeugin aus dem Hut: Seine Mutter könne seine Unschuld bezeugen. Er sei am fraglichen Tag bei ihr gewesen und könne folglich nicht gefahren sein. Die Staatsanwältin stöhnte auf, der Richter blickte genervt. Mit der Mater ex machina hatte keiner gerechnet. Folglich war sie auch nicht als Zeugin geladen. Kein Urteil möglich, urteilte der Richter und setzte neuen Verhandlungstermin an. Vorerst gerettet! Federnden Schrittes verließ der Angeklagte das Gerichtsgebäude.

Er wusste nicht, dass er nur einen zweifelhaften Sieg errungen hatte. Er wäre wohl auch so frei gesprochen worden, raunte der Richter zur Staatsanwältin. Manchmal komme er sich vor "wie in einem schlechten Film". Vor Gericht hilft eben kein Gott mit, dass die Geschichte gut ausgeht. Und wenn der Mensch selbiges versucht, verkommt das Ganze meist zur Schmierenkomödie.