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Mit neuester Messtechnik:Dem Beben auf der Spur

Erdbebenforscher in Pliening

Das Forscherteam aus Hannover am Schwingungsgenerator: Inga Moeck, Jan Bergmann, Jan Bayerle und Ulrich Polom (von links).

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Forscher aus Hannover wollen die Ursache der leichten Erdstöße in Pliening und Poing erkunden

Ganz leicht und nur kurz vibriert der Boden - als stünde man auf einer Waschmaschine. Dazu ein Brummen wie von einem kaputten Föhn. Mehr spürt und hört man nicht von den seismologischen Messungen, die gerade am Ortsrand von Pliening stattfinden. Und das auch nur, wenn man direkt neben dem schubkarrenähnlichem Gerät steht, das die Forscher benutzen, um Vibrationen in den Boden zu schicken.

Deutlich stärker hat die Erde in Poing und Pliening im September 2017 gebebt - eines von mehreren leichten Beben in den vergangenen Jahren. Jetzt aber versetzen Geologen den Boden gezielt in Bewegung, um der Erdbebenursache auf den Grund zu gehen. Von Dienstag bis Donnerstag haben die Forscher des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik (LIAG), Hannover, den Boden bei Pliening untersucht. Projektleiterin Inga Moeck, Seismikexperte Ulrich Polom und zwei Ingenieure sind vor Ort. Sie wenden die so genannte "Scherwellenseismik" an, eine Methode die sehr detaillierte Informationen über die Bodenbeschaffenheit liefern kann und so ähnlich funktioniert wie eine Ultraschalluntersuchung. Dabei sendet ein Vibrationsgerät leichte horizontale Schwingungen aus. Sie werden vom Erdreich zurückgeworfen oder abgelenkt. Auf der Straße liegt eine orange Kette mit Sensoren. Sie erfassen die Vibrationen und wandeln sie in elektrische Signale um. Aus diesen Daten können die Forscher Rückschlüsse auf Verwerfungen im Boden ziehen.

Aufgrund der geringen Kräfte und eines bestimmten Frequenzbereichs beschädigen die Forscher mit ihren Untersuchungen weder Umwelt noch Gebäude. Die am Leibniz Institut entwickelte Messmethode werde in Pliening zum ersten Mal in Bayern angewandt, erklärt Projektleiterin Moeck. Ein Kleinbus zieht die 120 Meter lange Sensorenkette regelmäßig ein Stück weiter die Straße entlang. Obwohl das Erdbeben in Poing am stärksten zu spüren war, liegt die Ursache vermutlich auf Plieninger Gebiet. Deshalb haben sich die Wissenschaftler entschieden, ihre Messungen hier am westlichen Ortsrand der Gemeinde durchzuführen.

Im Kleintransporter kann man auf einem Bildschirm die Entwicklung der Messungen mitverfolgen. Dünne schwarze und blaue Zick-zack-Linien zeichnen sich ab, wenn gerade keine außergewöhnlichen Schwingungen zu spüren sind. Tuckert ein Traktor vorbei, ziehen sich die Linien quer über den ganzen Bildschirm. Und sogar die Schritte von Spaziergängern verursachen Unregelmäßigkeiten im Muster. Die Forscher müssen für unverfälschte Ergebnisse manchmal lange warten, bis keine Traktoren oder Autos mehr fahren oder Spaziergänger den Messabschnitt passiert haben.

Die aktuellen Messungen sind nur ein Probelauf und sollen zeigen, ob eine umfassendere Suche nach der Erdbebenursache mit Schwerwellenseismik überhaupt realisierbar ist. "Die ersten Messergebnisse deuten schon einmal an, dass der Boden für die Messung geeignet ist", sagt Seismikexperte Polom. Sollten alle Voraussetzungen erfüllt sein, wollen die Forscher noch im Sommer einen Antrag für ein größer angelegtes Forschungsprojekt einreichen, um bestenfalls Anfang 2019 die Analyse starten zu können.

Derzeit ist die Datenlage noch zu schlecht, um genauere Aussagen über die Erdbebenursache zu machen. "Aufgrund der räumlichen Nähe liegt die Vermutung nah, dass die Beben mit der Geothermie in Poing zusammenhängen", sagt Moeck. Das sei aber nicht sicher. Ergäben die Messungen, dass eine geologisch junge Störung vorliege, könne man anhand dessen den Betrieb der Geothermie ausrichten. Etwa eine Anpassung der Fließraten des thermischen Wassers sei möglich. "Ziel der Untersuchungen ist aber auch, die Anwohner über mögliche Störungen zu informieren und Baumaßnahmen an die Gegebenheiten anzupassen - auch wenn die Situation hier nicht besonders gefährlich ist."

© SZ vom 23.03.2018
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