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Lokale Erzeuger:Metzgereien trotzen Corona-Krise

Tiere in Freilandhaltung spielten bei Landwirten und lokalen Metzgereien eine wichtige Rolle bei der Stabilität des Fleischpreises. Anders als bei Mastbetrieben gab es dabei keinen Zeitdruck, sie zu schlachten.

(Foto: Renate Schmidt)

Fleisch aus Freilandhaltung ist sehr gefragt: Obwohl Restaurants und Catering für Schulen und Kindergärten weggefallen sind, ist der Umsatz an der Ladentheke bei manchen deutlich gestiegen

Von Laura Dessena, Erding

Wenn in Produktionsstätten die Nachfrage zurückgeht, können die Waren meist einfach zwischengelagert werden. Bei lebenden Tieren ist das keine Option. Mit diesem Problem hatten Mastbetriebe im Landkreis laut Kreisbäuerin Irmgard Posch seit der Corona-bedingten Restaurantschließungen zu kämpfen. Denn das Fleisch verliert an Qualität, wenn die Masttiere nicht geschlachtet werden, sobald sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Also bleibt nur eines: Das Fleisch zu niedrigeren Preisen zu verkaufen. Wer nicht mit diesem Problem zu kämpfen hatte, sind die lokalen Metzgereien. Im Gegenteil - ihre Tiere können durch die Freilandhaltung auch mal zwei Monate länger auf die Schlachtung warten, ohne, dass die Qualität oder das Tier drunter leiden.

Posch betont, wie wichtig es sei, zwischen Mastbetrieben und Tieren in Freilandhaltung zu differenzieren. Dieser Unterschied spielt eine große Rolle darin, wie das Geschäft durch die Corona Pandemie beeinflusst wurde. Die vorübergehenden Schließungen von Restaurants seien ein "Riesenproblem" für die Mastbetriebe gewesen, sagt sie. Die Bauern mit Mastbetrieben sind darauf angewiesen, ihre Tiere zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verkaufen: Wenn das ideale Schlachtgewicht erreicht ist, ist auch die Fleischqualität am besten. Warten sie zu lange, verfettet das Tier. Die Bauern können die Mastrinder, Mastschweine oder andere Tiere aufgrund fehlender Stallkapazitäten auch nicht länger behalten. "Man kann sie nicht aufsparen, wie ein Auto oder einen Gebrauchsgegenstand, es sind lebende Tiere. Die kann man nicht unendlich horten", erklärt Posch. Außerdem kämen laufend neue Jungtiere von Züchtern nach. Die Tiere anderweitig zu verkaufen sei schwierig gewesen, da Schlachthöfe überall betroffen waren. "Das Ende vom Lied ist, dass man die Tiere zu einem Spottpreis hergeben muss", sagt Posch. Der Preis sei sofort eingebrochen und brauche lange, um sich wieder zu erholen. "Der Lockdown hätte nicht länger dauern dürfen", sagt Posch. Zum Glück seien die Gaststätten zu Pfingsten wieder geöffnet gewesen und die Grillsaison habe Anreiz gegeben, Fleisch zu kaufen.

Ganz anders sah es bei der Metzgerei Stuhlberger aus. Der Verkauf von Fleisch- und Wurstwaren ist dort im Vergleich zum Vorjahr gar um 20 Prozent gestiegen. Das liegt laut Geschäftsführer Ludwig Stuhlberger größtenteils daran, dass nun mehr Leute im Homeoffice arbeiten, weswegen sie nicht mehr in den Firmenkantinen essen können und so öfter Fleisch zum Kochen einkaufen. Der Bereich der Gemeinschaftsverpflegung, der das Mittagessen für Schulen und Kindergärten beinhaltet, ist zwar damit weggefallen, doch das wurde durch die Zunahme an Ladenverkäufen mehr als nur ausgeglichen. "Wir haben einen tollen Mehrumsatz gemacht", sagt Stuhlberger. Das sei aber nur dadurch möglich gewesen, dass Fleisch- und Wurstwaren, anders als Backwaren, nach dem Kauf mehrere Tage frisch bleiben. So kamen die Kunden zwar seltener zum Einkaufen, der Einkauf pro Kopf ist jedoch gestiegen. Was den lokalen Metzgereien im Konkurrenzkampf auch noch stark in die Karten gespielt habe, sei der Infektionsausbruch bei der Unternehmensgruppe Tönnies gewesen. Da wären auch viele Käufer auf lokale Metzgereien umgestiegen.

Kathrin Widl von der Metzgerei Widl in Dorfen erzählt, dass der Thekenverkauf auch in ihrer Metzgerei nicht eingebrochen sei. Lediglich der Bereich des Catering, bei dem auch das Dorfener Volksfest beliefert werden sollte, ist weggefallen. Dank der Freilandhaltung und weil sie wöchentlich schlachten, sei dies aber nicht zum Problem geworden. Da es nichts ausmacht, wenn die Tiere etwas älter werden als gedacht, wurde einfach weniger geschlachtet. Eine Färse, so werden weibliche Rinder bis zur ersten Kalbung genannt, ist im Durchschnitt anderthalb bis zwei Jahre alt, da würden ein paar Monate keinen Unterschied machen. "Unsere Bauern sind durch uns nicht auf ihren Tieren sitzen geblieben, egal ob Schwein, Rind oder Lamm", betont sie. Genaue Zahlen über den Rückgang des Verkaufs könnten erst am Ende des Jahres genannt werden. Das schwierigste sei nicht der Umgang mit der Veränderung der Nachfrage gewesen, sondern die ohnehin schon hohen Hygieneanforderungen noch zu erhöhen. "Das war wirklich anstrengend zu der Zeit, aber alles, was das Tierwohl angeht, das ist eins zu eins weitergelaufen", sagt Widl.

© SZ vom 24.09.2020

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