KinoVon der Südsee auf die Leinwand

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Bei der Vorpremiere im Cineplex Neufahrn (von links) Wolfgang „Gangerl“ Clemens, Regisseur Julian Wittmann und Produzent Thomas Wittmann.
Bei der Vorpremiere im Cineplex Neufahrn (von links) Wolfgang „Gangerl“ Clemens, Regisseur Julian Wittmann und Produzent Thomas Wittmann.
Regina Bluhme

Sie erzählen von Sehnsucht, Freiheit und echten Charakteren: Die Filmemacher Julian und Thomas Wittmann aus Lengdorf bringen mit „Ausgsting“ ihr neuestes Abenteuer ins Kino.

Von Regina Bluhme, Lengdorf

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Für verrückte Projekte sind die Filmemacher Julian und Thomas Wittmann immer zu haben. Nach ihrem gemeinsamen Mofatrip durch die USA („Ausgrissn“) und der Wiederbelebung einer bayerischen Wirtschaft in nur 30 Tagen („Aufgsperrt is“) bringen die Brüder nun „Ausgstign“ ins Kino. Drei Monate lang haben sie den 84-jährigen Wolfgang „Gangerl“ Clemens auf seinem Schiff durch die Südsee begleitet – der großen Freiheit auf der Spur. Es wurde eine Reise mit Höhen und ziemlichen Untiefen.

Vor dem Cineplex Neufahrn fährt an diesem heißen Augustabend ein Sprinter vor. Die Wittmann-Brüder, gebürtig aus dem Landkreis Erding, und der Hauptdarsteller Wolfgang „Gangerl“ Clemens kommen persönlich zur Vorpremiere. Der 84-jährige Clemens, braun gebrannt, mit weißem Vollbart, bunter Mütze, Batikhose und T-Shirt mit der Aufschrift „Adios Ausgsting“, hat vor 35 Jahren alles hinter sich gelassen und schippert seit Jahr und Tag allein auf seinem Boot durch die Südsee. Nach Deutschland kommt er nur noch für seine Vorträge und Buchpräsentationen.

Wenn Wolfgang Clemens hier ist, wohnt er in einem umgebauten Holzschuppen in Roding im Bayerischen Wald. Dort haben ihn die Wittmann-Brüder auch zum ersten Mal getroffen. Aufmerksam geworden sind sie auf den Aussteiger vor fünf Jahren durch eine Schlagzeile: „Die vielleicht schönste Quarantäne der Welt“ titelte ein Bericht über Clemens, als er mit seinem Boot wegen Corona auf einer Insel in der Südsee festsaß. „Der Mann ist extrem interessant, das wäre was für eine Doku, haben wir uns gedacht“, so Julian Wittmann.

Also haben die Brüder Clemens in Roding besucht, mit einem Kasten Bier im Schlepptau. Dort lebt er ähnlich spartanisch wie auf seinem Schiff, ohne Warmwasser. „Mir taugt das so“, erklärt er im Cineplex. Vor etwa 35 Jahren hat der gelernte Kunstschlosser seine Firma verkauft, sein erstes Schiff, die „King of Bavaria“, gebaut und ist damit „die Donau runter“ aus seinem alten Leben verschwunden. „Ich bin der Zivilisation entflohen“, sagt der 84-Jährige, denn dort herrschten nur Hass und Neid. Er fühle sich ausschließlich in der Natur wohl.

Beim Transport eines Kühlschranks für die renovierte Dorfwirtschaft in Obergeislbach – das zweite große Filmprojekt.
Beim Transport eines Kühlschranks für die renovierte Dorfwirtschaft in Obergeislbach – das zweite große Filmprojekt.
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Als er von den Filmplänen erfuhr, habe er gleich gesagt: „Des is ein Irrsinn, was ihr da vorhabts“, betont Clemens. Dieser These kann heute der 32-jährige Julian durchaus zustimmen, er war derjenige der beiden Brüder, der mit Clemens auf dem Boot drei Monate von Bali nach West Papua unterwegs war. Der 29-jährige Thomas, der in Isen im Landkreis Erding wohnt, kümmerte sich vom Festland in Indonesien oder von zu Hause aus um die Produktion.

„Wir hatten mit vielen Rückschlägen zu kämpfen“, erzählt Julian Wittmann. Seekrankheit, Unfälle, ein böser Sturm, das ewige Warten auf Drehgenehmigungen und ein kaputter Schiffspropeller zerrten an den Nerven. Und dann den ganzen Tag auf engstem Raum – „das führte schon zu Konflikten“, so Julian Wittmann. „Dauernd hat er mir gesagt, was ich tun soll“, sagt Clemens. „Und du warst plötzlich zweimal verschwunden“, kommt von Julian Wittmann. Einmal mussten sie zwei Wochen Pause einlegen, „das war die schönste Zeit für mich während des Drehs“, sagt Clemens und lacht.

Im August 2018  machen sich Thomas (links)  und Julian Wittmann für ihre erste Produktion  mit dem Moped in Lengdorf auf dem Weg nach Las Vegas.
Im August 2018  machen sich Thomas (links)  und Julian Wittmann für ihre erste Produktion  mit dem Moped in Lengdorf auf dem Weg nach Las Vegas.
Renate Schmidt

Die große Freiheit hat auch ihre Schattenseiten

Dass die große Freiheit ihre Schattenseiten hat, hat Julian Wittmann bald gemerkt. Auch im schönsten Südseeparadies kann man sich verdammt einsam und unglücklich fühlen. Clemens hingegen sagt: „Ich fühle mich in der Einsamkeit sauwohl.“ Auch wenn er ursprünglich mit seiner damaligen Lebensgefährtin in See gestochen ist. Nach vier Jahren aber reiste sie ab und blieb in Deutschland.

Inzwischen verstehen sich Wolfgang Clemens, Julian und Thomas Wittmann bestens. Die zwei Brüder hätten Durchhaltevermögen, „das sind Beißer. Das bin ich auch“, sagt Wolfgang Clemens. Er bewundere das „Furchtlose“ an dem Aussteiger, so Julian Wittmann. „Der Gangerl steht immer wieder auf“, sagt Thomas Wittmann. Der 84-Jährige nickt: „Ich schau immer nach vorn.“

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Geboren sind die Wittmann-Brüder in Lengdorf im Isental, „Schau Hi Films“ heißt ihre Produktionsfirma. Bei „Ausgsting“ oder auch „Gangerls Glück“ war Julian für Drehbuch und Regie zuständig. Das Werk wurde heuer auf dem Filmfest München vor 700 Zuschauern und Zuschauerinnen gezeigt. Ein so großes Publikum hatten die zwei Filmemacher noch nie. Auch im fast voll besetzten Kinosaal 6 in Neufahrn kommt die Vorpremiere gut an. Wenn Clemens wieder mal auf Bairisch flucht, einen derben Spruch raushaut und über den Julian schimpft, dann sorgt das für Lacher. Doch gerade im zweiten Teil beweist der Film Tiefgang. Die berührendste Szene spielt nachts. Clemens liegt auf dem Deck, hält die Augen geschlossen. Schläft er? Er schluchzt leise und murmelt vor sich hin. Dann fährt er hoch, springt auf und sagt „Scheiß da nix, dann feit da nix.“

Wolfgang Clemens wird noch bis mindestens Ende des Jahres in Deutschland bleiben und dabei von Herbst an in eigener Sache auf Vortragsreise gehen. Offizieller und bundesweiter Kinostart von „Ausgsting“ ist am 28. August (alle Termine unter www.ausgsting.de). Noch bis in den September hinein werden Clemens und die Wittmann-Brüder Kinopremieren in ganz Bayern und darüber hinaus besuchen. Die Liste reicht von Bad Tölz bis Deggendorf, von Erlangen bis Frankfurt am Main und Dresden. Die drei haben noch eine längere Reise vor sich.

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