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Lebenshilfe Erding:Die Werkstätten trotzen der Krise

Isar Sempt Werkstaetten

Vielseitig sind die Arbeiten, die in den Werkstätten erledigt werden. Martin Adelsberger bearbeitet ein Metall-Werkstück, das Foto entstand im November 2020.

(Foto: Stephan Görlich)

Die Isar-Sempt-Werkstätten kommen ohne Kurzarbeit durch die schwierige Zeit, doch die Mitarbeiter leiden. Für sie ist der Job viel mehr als nur ein Arbeitsplatz.

Von Regina Bluhme, Erding/Freising

Albert Wittmann ist seit 18 Jahren Geschäftsführer der Isar-Sempt-Werkstätten GmbH. Dazu gehören die Behindertenwerkstätten in Erding und Freising. Die Corona-Krise haben die Einrichtungen der Lebenshilfe wirtschaftlich bisher einigermaßen gut überstanden, sagt Wittmann. "Wir kommen gut hin." Aber die Einschränkungen ihres gewohnten Alltagslebens machten den Mitarbeitern zu schaffen.

Insgesamt 407 Menschen arbeiten in der Isar-Sempt-Werkstätten GmbH, zu der noch die Gärtnerei Burgharting und die Förderstätte Kleinbachern gehören. Ihre Einschränkungen reichen vom Down-Syndrom bis zu schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Die Corona-Pandemie stelle auch die Einrichtungen seit einem Jahr vor große Herausforderungen, sagt Albert Wittmann. Für die Zeit von Januar bis September 2020 verzeichneten die Isar-Sempt-Werkstätten einen Umsatzrückgang von 30 Prozent: ein Minus von knapp 400 000 Euro.

Aktuell liegt das Minus laut Wittmann bei 18 Prozent im Vergleich zum Februar des Vorjahres. Es gibt Werkstätten, die in Kurzarbeit gehen oder ihre Rücklagen angreifen mussten - nicht so in Erding und Freising, betont Wittmann, der zugleich Sprecher der oberbayerischen Werkstätten und Delegierter der Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaft ist. Das Umsatz-Minus tue natürlich weh, denn der Lohn der Mitarbeiter komme ausschließlich aus den Erlösen. Zwischen 109 und 780 Euro liege der Lohn, mit 264 Euro liegen die Werkstätten nach Angaben Wittmanns über dem Bundesschnitt von 216 Euro.

"Zum Glück sind wir sehr vielseitig in der Produktion aufgestellt und nicht von einem einzelnen Auftrag abhängig." Unter anderem zerlegen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Elektroschrott, besticken Käppis und arbeiten im Gartenbau. "Wir sind ein Tante-Emma-Laden." Dank der breiten Palette hätten die Werkstätten auch die internationale Finanzkrise 2009/2010 überstanden.

Derzeit gibt es in Bayern rund 36 000 Plätze in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Darauf verwies Bayerns Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) anlässlich der Werkstätten-Messe, die kürzlich stattgefunden hat. Diese gilt laut Trautner "als Deutschlands größte Bildungs- und Austauschplattform für die Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderung". Im vergangenen Jahr habe die Staatsregierung für ganz Bayern insgesamt rund 75 Millionen Euro für die Schaffung von Wohn- und Beschäftigungsplätzen für Menschen mit Behinderung zur Verfügung gestellt. Zum Konzept der Werkstätten schreibt die Ministerin: "Werkstätten ermöglichen Menschen mit Behinderung eine an ihren individuellen Stärken und Fähigkeiten orientierte berufliche Bildung und Beschäftigung. Der Mensch steht im Mittelpunkt und wird gefördert."

Seit Beginn der Corona-Krise sei das Wichtigste die Frage gewesen, "wie wir sicherstellen können, dass sich in der Werkstatt niemand infizieren kann", erklärt Wittmann. Denn viele der Beschäftigten seien aufgrund von Vorerkrankungen besonders gefährdet, und es gebe auch einige, "die können einfach nicht den ganzen Tag mit Maske herumlaufen". Einige müssen auch seit über einem Jahr zuhause bleiben. In den Werkstätten herrschen strenge Abstands- und Hygieneregeln, es wird täglich beim Eingang Fieber gemessen und dreimal die Woche getestet. Gearbeitet wird nur noch im wöchentlichen Schichtbetrieb. Im vergangen Jahr haben sich dennoch ein paar Mitarbeiter mit dem Virus infiziert. Große Sorgen machte er sich um einen Mitarbeiter mit Vorerkrankung, den es schwer erwischte und der beatmet werden musste. "Zum Glück haben sich letztendlich alle wieder berappelt." Inzwischen seien auch die meisten Mitarbeiter und Betreuer geimpft, mehr als die Hälfte schon zum zweiten Mal.

Schwierig bleibt es. Viele seien traurig, dass sie nun nicht Vollzeit arbeiten könnten. Sie können nicht verstehen, warum sie jetzt so viel daheim bleiben müssen, und haben Angst um ihre Stelle. Die Werkstätten seien viel mehr als nur ein Arbeitsplatz, sondern auch "ein Ort der Begegnung mit Gleichgesinnten, ein Ort, wo sie Leistung bringen und Leistung zeigen können trotz ihrer Einschränkungen", sagt Wittmann. Jetzt fehle der gewohnte Alltag mit geregeltem Ablauf. "Das tut ihnen nicht gut."

Albert Wittmann sieht dennoch optimistisch in die Zukunft. Er hofft, dass bald wieder ein geregelter Arbeitsbetrieb möglich ist. Die Isar-Sempt-Werkstätten jedenfalls seien gut aufgestellt, als Geschäftsführer der GmbH habe er all die Jahre Rücklagen gebildet. Mit Wittmanns Worten: "Ich habe Reserven und ich brauche nicht in Verzweiflung auszubrechen."

© SZ vom 19.04.2021
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