Süddeutsche Zeitung

"Landwirtschaft 4.0":Die App für den Stall

Digitalisierung entwickelt sich auch im Agrarsektor rasant weiter

Auch im Agrar-Sektor entwickelt sich die Digitalisierung rasant weiter - und Georg Wendl sieht darin eine große Chance. Die "Landwirtschaft 4.0" sei ein wichtiges Instrument für die Betriebe, um effizient und ressourcenschonend arbeiten zu können, sagt der Leiter des Instituts für Landtechnik und Tierhaltung an der Landesanstalt für Landwirtschaft (LFL). Seit Juni befasst sich dort eine dreiköpfige Projektgruppe mit dem Thema. Sie soll in den kommenden Jahren personell ausgebaut werden und Landwirten dabei helfen, einen Überblick über sinnvolle technologische Neuerungen zu gewinnen.

Die Automatisierung im Stall und auf den Feldern habe schon in den Siebzigerjahren begonnen, erklärt Wendl, etwa bei der auf einzelne Tiere abgestimmten Zuteilung von Kraftfutter. Auch Melkroboter seien weit verbreitet, in Bayern gebe es bereits 1800 Stück. Eine Herausforderung sei es nun, vorhandene Daten zu vernetzen, um weiteren Nutzen daraus ziehen zu können. "Noch gibt es zu viele Insellösungen." Als Beispiel nennt er den Ausbau der Fernwartung, die gebe es bisher nur bei großen Maschinen. Die neue Projektgruppe an der LFL soll dazu beitragen, diesen Prozess voranzutreiben und die Landwirte zu unterstützen. Mittelfristig wird sie von Freising nach Ruhstorf ins Rottal umziehen, dort entsteht das neue Digitalisierungszentrum der Landesanstalt, das in dieser Form laut Wendl einmalig sein wird.

Erste große Aufgabe war zu ermitteln, welche Hemmnisse einer weiteren Digitalisierung entgegen stehen. Es gebe einen "Riesen-Hype" um die Landwirtschaft 4.0, sagt Markus Gandorfer aus der Projektgruppe. Wichtig sei aber, wie das Thema in der Praxis ankommt. In Fachzeitschriften, das hat eine Auswertung ergeben, werden vor allem Datenschutz und Datenhoheit als Probleme genannt. Hier gibt es laut Gandorfer noch viel zu tun. Weiterer Punkt sei der hohe Investitionsbedarf. Viele Geräte würden im Laufe der Zeit aber kostengünstiger. Das Klischee, das Landwirten oftmals anhaftet, dass sie Neuerungen gegenüber nicht aufgeschlossen seien, stimmt so aus seiner Erfahrung nicht - zumal gerade ein großer Generationswechsel ansteht. Eine Befragung habe gezeigt, dass beispielsweise Agrar-Apps häufig genutzt werden.

Die Projektgruppe will Marktübersichten und Bewertungen erstellen, welche Entwicklungen aus ihrer Sicht für die Praxis Sinn machen. Profitieren sollen nicht nur die Betriebe, sondern die ganze Wertschöpfungskette. Außerdem ermittelt sie, wo weiterer Forschungsbedarf besteht.

Interessant ist dieser Weg laut Wendl nicht nur für Großbetriebe. Die zunehmende Automatisierung entlaste gerade auch kleinere Landwirte und entzerre die Arbeitsspitzen. Die bei vielen "verhasste" Dokumentationspflicht werde ebenfalls vereinfacht, erklärt Markus Demmel, stellvertretender Leiter des Instituts für Landtechnik und Tierhaltung. Die erhobenen Daten ermöglichten dem Landwirt eine objektive Einschätzung des eigenen Hofs. "Er kann nichts mehr schönreden."

Ein gläserner Betrieb hilft nach Angaben der LFL-Experten aber auch Tier und Umwelt. Dünger und Pflanzenschutzmittel können auf dem Feld gezielt und in unterschiedlicher Dosis ausgebracht werden. Sogar Krankheiten bei Tieren könnten frühzeitig erkannt werden, schildert Institutsleiter Wendl. Messdaten zeigten dem Landwirt beispielsweise auf, ob eine Kuh weniger frisst, ob sie sich weniger bewegt und sogar ob sich die Schrittlänge ändert. Noch bevor es für den Bauern selbst ersichtlich ist, bekomme er auf diesem Weg Hinweise, dass mit dem Tier etwas nicht stimmen könnte. Je früher eine Erkrankung erkannt wird, desto geringer sei der Medikamenteneinsatz, sagt Demmel.

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SZ vom 13.11.2017 / pes
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