Süddeutsche Zeitung

Landkreis:Zahl der Urnenbestattungen steigt deutlich an

Die Friedhofskultur befindet sich im Wandel: Erdbestattungen werden wegen der damit verbundenen Grabpflege seltener gewählt, weil oftmals Angehörige aus beruflichen Gründen nicht mehr am Heimatort wohnen

Es gab Zeiten, da waren für Katholiken Urnenbestattungen tabu. Seit 1963 ist eine Einäscherung laut Vatikan erlaubt und seither entscheiden sich immer mehr Erdinger für diese Form. Im vergangenen Jahr gab es auf den beiden städtischen Friedhöfen der Großen Kreisstadt insgesamt 94 Urnen- und 38 Erdbestattungen. Auf dem Friedhof an der Itzlinger Straße soll nun die Urnenwand erweitert werden. Im Zuge der Planungen gibt es laut Stadt erste Überlegungen, auch eine anonyme Bestattungsform zu ermöglichen - wie es kürzlich in der Seniorenbürgerversammlung gefordert wurde. Ähnliche Gedanken macht man sich in Dorfen.

Mit der Urnenwand allein sei es am Itzlinger Friedhof nicht getan, hatte Oberbürgermeister Max Gotz bei der Seniorenversammlung gesagt. Auf Nachfrage bei Christian Wanninger, dem Pressesprecher der Stadt, ist leider nichts Konkreteres zu erfahren. Im Rathaus werde gerade an einer Erweiterung der Urnenwand getüftelt und, ja, es gebe vage "Überlegungen, die in Richtung anonymer Bestattung gehen", erklärt Wanninger. Noch sei aber nichts spruchreif und letztendlich müsse dann der Stadtrat die Pläne beraten und beschließen.

Auch in der Stadt Dorfen laufen Überlegungen, eine Fläche anzulegen, in der man Urnen anonym bestatten kann. Laut Matthias Schuler, Sachbearbeiter für Friedhofswesen, gibt es noch keine konkreten Pläne. "Wir wollen die Entwicklung der nächsten ein bis zwei Jahre abwarten." Fest stehe, dass aus Platzgründen nur der Friedhof in Oberdorfen infrage käme.

Insgesamt 1792 Erdgräber und 661 Urnengräber gibt es laut Wanninger auf den städtischen Friedhöfen an der Itzlinger Straße und in Langengeisling. 37 der Erdgräber sind im vergangenen Jahr aufgelassen worden - der höchste Stand seit fünf Jahren. Allerdings sei diese Zahl nun auch wieder nicht so dramatisch, fügt Wanninger hinzu, aber die Tendenz gehe eindeutig in Richtung Feuerbestattung: Im vergangenen Jahr standen 38 Erdbestattungen 94 Urnenbestattungen gegenüber.

"Unsere Friedhofskultur befindet sich auf jeden Fall im Wandel", sagt Matthias Schuler. Die steigende Tendenz zur Urnenbestattung macht sich auch in Dorfen bemerkbar. Wie Schuler erläuterte, ist die Verwaltung für die Friedhöfe in der Stadt Dorfen, in Grüntegernbach, Schwindkirchen und Oberdorfen zuständig. Ein Drittel der Bestattungen machten mittlerweile Urnenbestattungen aus. Für 2016 hat die Verwaltung bislang 100 Beerdigungen verzeichnet, davon waren 35 Urnenbestattungen. Im vergangenen Jahr waren unter 120 Bestattungen 40 Urnenbeisetzungen.

Auch auf dem Friedhof St. Paul, der zum Pfarrverband Erding-Langengeisling gehört, ist diese Tendenz unverkennbar. Pfarrer Martin Garmaier schätzt, dass dort inzwischen Urnenbestattungen bis zu einem Drittel ausmachen. "Für mich persönlich ist eine Feuerbestattung genauso in Ordnung wie eine Erdbestattung", sagt Pfarrer Garmaier. Auch eine anonyme Bestattung würde er persönlich nie verweigern, jedoch sieht er "aus seelsorgerischer Sicht" schon ein Problem. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für Angehörige wichtig ist, dass sie einen festen Platz zum Trauern haben, dass sie wissen, wo sie mit der Trauer hingehen können."

Eine anonyme Bestattung, wie sie in der Seniorenversammlung in Erding jüngst gefordert wurde, kann zum Beispiel so aussehen: "Die Urne des Verstorbenen wird in einem fest umgrenzten Stück grüner Wiese vergraben", berichtet Werner Schwarz vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in Erding. Manchmal werde auch eine kleine, namenlose Steinplatte verlegt, von der nur die Angehörigen wüssten. So etwas sei aber auf den städtischen Friedhöfen in Erding nicht möglich. Aktuell "ein ganz großes Thema" sei vor allem in großen Städten und auch im Landkreis München die Baumbestattung, fügt Schwarz hinzu. Bei dieser Form würden biologisch abbaubare Urnen unter Bäumen begraben. Manchmal erinnere noch ein kleines Namensschild am Baum oder eine Steinplatte am Boden an den Verstorbenen, oft jedoch erfolge die Bestattung anonym. "Menschen entscheiden sich gegen eine Erdbestattung, weil sie den Angehörigen die Folgekosten und den Aufwand für die Pflege eines Grabes ersparen wollen", weiß Werner Schwarz. Viele Kinder wohnten aus beruflichen Gründen nicht mehr am Heimatort und wer auf professionelle Grabpflege angewiesen sei, der zahle schnell mal 600 bis 800 Euro im Jahr. Bei einer Urnenwand falle zum Beispiel auch die Anschaffung eines Grabsteins weg. "So ein Stein kostet bis zu zehnmal so viel wie eine Platte in einer Urnennische", weiß Werner Schwarz.

Darüber hinaus schrecke viele ab, dass man zum Beispiel ein Erdgrab für eine festgelegte Nutzungszeit erwerben müsse, erklärt der Bestattungsunternehmer. In Erding beträgt die Nutzungszeit laut Auskunft von Pressesprecher Wanninger 15 Jahre. In Dorfen schwankt sie je nach Friedhof zwischen 13 und 25 Jahren. Doch auch die Urnen haben laut Auskunft von Matthias Schuler eine festgelegte Frist. Sie beträgt in Dorfen beispielsweise 15 Jahre.

Werner Schwarz ist überzeugt, dass sich die Friedhöfe in Zukunft optisch sehr verändern werden. Anstelle von aufgelassenen Erdgräbern könnten kleine Wäldchen stehen. In Haar zum Beispiel seien vor einigen Jahren mehrere Bäume für einen Urnenhain gepflanzt worden. "Die Plätze sind sehr begehrt", berichtet er.

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SZ vom 19.11.2016
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