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Landkreis Erding:Mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl

Die Ausgangsbeschränkung und die geschlossenen Cafés, Gaststätten und Geschäfte führen dazu, dass auf den Straßen viel weniger los ist, als vor der Corona-Krise. Für die Polizei bedeutet dies weniger Einsätze. Sie muss derzeit vor allem kontrollieren, ob die Einschränkungen eingehalten werden.

(Foto: Renate Schmidt)

Auch der Polizeialltag hat sich in Zeiten der Corona-Krise gewaltig verändert. Unfälle und Straftaten gehen zurück, stattdessen erklärt man den Bürgern die Ausgangsbeschränkungen

Die Corona-Krise krempelt auch den Alltag in den beiden Polizeiinspektionen im Landkreis um: Einerseits tragen sie zusätzlich die Verantwortung für die Kontrollen der Ausgangsbeschränkungen, andererseits fällt viel weg, was ansonsten Tagesgeschäft ist. Mit dem Rückgang des Verkehrs geht auch die Zahl der Unfälle spürbar zurück, in Ermangelung von Veranstaltungen gibt es auch keine Schlägereien nach der Disco mehr und weil jeder zu Hause sitzt, gehen auch Einbrecher derzeit kein Risiko ein. Für die Beamten fällt damit auch der damit zusammenhängende Schreibkram weg und es finden auch kaum noch Gerichtsverhandlungen statt, bei denen Polizisten als Zeugen auftreten.

Der Landkreis Erding war noch nie ein Hotspot der Kriminalität. Das zeigt die alljährliche Häufigkeitszahl, die das Innenministerium veröffentlicht. Bei der Zahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner zählt der Landkreis bayern- und bundesweit zum Schlusslicht. Und derzeit geschieht noch die eine oder andere Unfallflucht, aber sonst tut sich nicht viel.

In Erding leitet Josef Schmid die Polizeiinspektion, in Dorfen ist es Harald Kratzel. "Es ist eine sehr ungewöhnliche Zeit", sagt Schmid. "Alltägliche Aufgaben fallen weg, andere wie die Kontrollen der Ausgangsbeschränkungen und der Ladenschließungen sind hinzugekommen." "Die Menschen leben friedlich miteinander", sagt Kratzel. Das sei eine "schöne Geschichte". Je länger die Ausgangssperren dauern würden und je schöner das Wetter werde, desto ungeduldiger würden die Bürger zwar werden. Aber dennoch hätten sie viel Verständnis für die Kontrollen. Es sei noch keine eskaliert. Auch Schmid zieht eine ähnliche Bilanz: "Ein paar Chaoten hat man immer, aber die allermeisten verhalten sich vorbildlich."

Der Klassiker ist momentan, dass sich ein paar Leute im Grünen zum Biertrinken treffen. Grillpartys, wie sie vereinzelt beispielsweise in München an der Isar stattgefunden haben, sind im Landkreis kaum ein Problem. Manchmal werde man von Bürger zwar auf eine Feuerstelle aufmerksam gemacht, aber frische Spuren habe man dabei noch nicht gefunden, sagt Kratzel. Und dann gebe es noch Situationen, in denen Bürger die Ausgangsbeschränkungen ein wenig "ausdehnen" würden: "Jeder findet Gründe, warum sein Verhalten keine Gefahr darstellen würde."

Der Umgang mit den Bürgern laufe jedoch auf eine sehr entspannte Art und Weise ab. Beide Inspektionsleiter haben ihren Beamten mit auf den Weg gegeben, die Kontrollen mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl durchzuführen. Auch die Politik musste ja schon nachjustieren; so waren sonnenbaden oder ein Buch auf einer Parkbank lesen anfangs untersagt, und dann doch wieder erlaubt. Da benötigen auch die Dorfener und Erdinger Beamten einen Ermessensspielraum, in dem sie von Bußgeldern absehen können. Und das sei auch die Regel, nicht die Ausnahme, sagen übereinstimmend die beiden Inspektionsleiter. Kratzel spricht von einem "hohen Maß an Kommunikation"; in "Grenzbereichen" setze man immer erst auf Aufklärung: "Wir haben die Allgemeinverfügung dabei und weisen darauf hin. Wir haben sie auch mehrsprachig, in englisch und arabisch und machen den Inhalt transparent. Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich im Internet darüber zu informieren. Das funktioniert sehr gut."

Auch Schmid betont eine verständnisvolle Gangart: "Nicht jeder hat einen Balkon oder Garten. Da ist es uns lieber, mit einem Hinweis oder einer Ermahnung zu arbeiten, als mit Bußgeldern. Wir haben eine sehr zurückhaltende Linie. Nur wenn jemand bewusst gegen die Allgemeinverfügung verstößt, müssen wir reagieren." Kratzel: "Wir bitten um Verständnis, weil es darum geht, die Schwachen in unserer Gesellschaft zu schützen. Und das funktioniert."

Gibt es auch Bürger, die beispielsweise ihre Nachbarn anschwärzen? Ja, sagt Kratzel, der aber den Begriff "anschwärzen" unpassend findet: "Man blickt über den Tellerrand, damit die gesamte Gesellschaft es richtig macht." Und hinsichtlich der Ausgangsbeschränkungen kämen auch nicht mehr Hinweise als in anderen Bereichen auch. Schmid betonte, "für uns ist das auch nicht immer ganz einfach, sonst erfahren wir viele Sachen nicht". Aber man appelliere dabei auch an die Bürger, mit dem Nachbarn erst selbst ein kurzes Gespräch zu führen: "Man braucht nicht immer gleich die Polizei."

Kratzel spricht den Bürgern sogar seine Hochachtung und seinen Dank aus, dass sie sich so an die Vorgaben halten. Schmid wies darauf hin, dass es im Landkreis weiterhin viele Möglichkeiten gebe, etwas an der frischen Luft zu unternehmen: "Es gibt viele Freiflächen und Feldwege. Es ist ja gut, wenn die Leute etwas in der schönen Natur unternehmen."

© SZ vom 20.04.2020

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