Landkreis Erding:Kampf gegen die Wassermassen

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Hochwasser

Land unter hieß es am 30. August in Oberdorfen. Eine ganze Siedlung wurde nach starken Regenfällen überschwemmt und auf Monate hinaus unbewohnbar.

(Foto: Renate Schmidt)

Bei einem Starkregenereignis wurde im August bei Dorfen eine ganze Siedlung überschwemmt. In Erding stößt das Wasserwirtschaftsamt München weiter auf Widerstand bei seinen Hochwasserschutzplänen

Von Regina Bluhme und Thomas Daller, Landkreis

Welche ungeheure Macht dem Wasser innewohnt, hat der Landkreis 2021 erneut schmerzhaft erfahren müssen: Bei einem Starkregenereignis am 30. August in Oberdorfen wurde eine ganze Siedlung überschwemmt und auf Monate hinaus unbewohnbar. Der Landkreis rief damals den Katastrophenfall aus. Besonders beängstigend dabei: Die Niederschlagsmengen, die sich dort summierten, beliefen sich lediglich auf 50 Millimeter. In der Statistik ist das der Niederschlagswert für ein zweijähriges Hochwasser, ein hundertjähriges Hochwasser ist mit 440 Millimeter klassifiziert. Auf die Städte und Gemeinden wächst der Druck, ihre Hochwasser- und Starkregenkonzepte schneller und nachdrücklicher umzusetzen.

Oftmals ist man versucht, Hochwasser als unberechenbar zu bezeichnen. Doch Fachleuten gelingt das sehr wohl. Auch in Oberdorfen war die Gefahr nicht ganz unbekannt. Eine Starkregenkarte, die die Stadt in Auftrag gegeben hatte, kam ebenfalls zu diesem Ergebnis. Allerdings ein wenig zu spät, denn mit dem Entwurf, der seit Juli vorlag, beschäftigte sich der Stadtrat erst in der Septembersitzung, wenige Tage nach der Katastrophe. Anhand dieser Karte will man eruieren, welche Gebiete, die in Kesseln oder Trichtern liegen, ebenfalls von so einer Überschwemmung bedroht sind. Mit Grundstückskäufen und Schutzmaßnahmen soll Dorfen ein Stück sicherer werden.

Erding hat 2013 böse Erfahrungen mit Überschwemmungen gemacht. Seither plant das Wasserwirtschaftsamt München am Hochwasserschutz. Oberbürgermeister Max Gotz pochte in der jüngsten Infoveranstaltung Mitte Dezember darauf, dass es jetzt, nach acht Jahren, endlich vorangehen müsse, sprich ins Planfeststellungsverfahren. Aktueller Stand: Vorentwurfsplanung ist genehmigt, gerade geht es in die Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Bis es allerdings ins Planfeststellungsverfahren geht, das kann dauern. Das Wasserwirtschaftsamt geht aktuell davon aus, dass es Mitte 2022 so weit ist.

Auch das Wasserwirtschaftsamt will so schnell wie möglich voran kommen, doch die Ausbauvariante stößt auf Widerstand. Dass die Behörde im vergangenen Jahr das bislang anvisierte große Rückhaltebecken in Wörth aufgegeben hat zugunsten Deichen und Schutzwänden entlang der Sempt im Erdinger Stadtgebiet, das hat in Erding hohe Wellen geschlagen und eine eigene Bürgerinitiative auf den Plan gerufen. Die Initiatoren wollen die vom Wasserwirtschaftsamt München vorgesehenen Mauern und Deiche entlang des Flusses im Stadtgebiet verhindern, die Eingriffe so gering wie möglich halten. Exakt 4721 Unterschriften hat die Erdinger Bürgerinitiative (BI) "Naturnaher Hochwasserschutz Sempt" gesammelt und Ende Juni diesen Jahres beim Bayerischen Landtag eingereicht. Wann sich der dortige Umweltausschuss mit dem Anliegen beschäftigt, ist nicht absehbar.

Im Juli war das Petersbrückerl Thema im Erdinger Stadtrat. In die Planungen des Wasserwirtschaftsamts wird nun zusätzlich der Neubau des 2015 abgerissenen Stegs aufgenommen. Die Bauherrin der kleinen Brücke in Altenerding, in dem Fall die Stadt Erding, kann so ohne eigenes Verfahren zu Baurecht kommen.

Ebenfalls im Juli hat sich OB Max Gotz mit seinen Bürgermeisterkollegen von Eitting und Berglern, Reinhard Huber und Anton Scherer, getroffen und ein gemeinsames Hochwasserschutzkonzept für ihre Kommunen gefordert. Die Befürchtung: Mögliche Hochwasser würden nur durch Erding geleitet, um anschließend in den nördlich gelegenen Kommunen Eitting und Berglern zu Überschwemmungen zu führen. Die drei Kommunen forderten deshalb eine "ganzheitliche Lösungen", die auch den an Erding angrenzenden Gemeinden gerecht würden. Von der propagierten großen Sempt-Allianz aller Anrainer entlang des Flusses, war allerdings dieses Jahr kaum etwas zu hören. Sie gilt inzwischen als erledigt.

Im September dann zeigte das Wasserwirtschaftsamt klare Kante: Die Behörde schrieb in einem Brief an OB Max Gotz, sie wolle nicht noch mal von Grund auf eine Debatte über den Hochwasserschutz in Erding führen. Über einzelne Optimierungen lasse sich reden, aber nicht über die lineare Ausbauvariante. Das Projekt hinkt im Terminplan hinterher. Im Bereich Altenerding hatten gleich zu Beginn private Grundstückseigentümer die Betretung für eine Bodenerkundung verweigert. Erst mit amtlicher Duldungsanordnung konnte mit den Bohrungen begonnen werden.

Auf Betreiben von Stadtrat und BI hatte sich das Wasserwirtschaftsamt bereit erklärt, zusätzlich ein Rückhaltebecken bei Pretzen und eine Uferabsenkung "In den Hacken" zu untersuchen. Womöglich würden dann Baumaßnahmen kleiner ausfallen, so die Hoffnung. Mitte Dezember stellte das Wasserwirtschaftsamt in einer Online-Veranstaltung das Ergebnis vor: Die beiden Maßnahmen werden nicht realisiert. Die bisherige Planung sei die wirtschaftlichste und günstigste in Hinblick auf Naturschutz und Flächenverbrauch. Auch die Stadt ist am Planen für den Hochwasserschutz und zwar für die Gewässer dritter Ordnung. Im März gab es wegen des Planungsbüros im Stadtrat Streit. Es geht um vier Gräben: den Neuhauser Graben, den Itzlinger Graben, den Aufhauser und den Wiesengraben. Sie liefen 2013 voll, und es kam zu Überschwemmungen. Seit damals bemüht sich die Stadtpolitik um einen besseren Schutz für die Anwohner, und das ist ausgesprochen mühevoll.

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