Isen:"Eine Bäuerin ist ein Allroundtalent"

Lesezeit: 4 min

Isen: Die Erdinger Kreisbäuerin Irmgard Posch bewirtschaftet einen Hof im Gemeindebereich Isen.

Die Erdinger Kreisbäuerin Irmgard Posch bewirtschaftet einen Hof im Gemeindebereich Isen.

(Foto: Renate Schmidt)

Irmgard Posch führt mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb. Die vierfache Mutter fährt Traktor, kümmert sich um Stall und Kühe, schmeißt den Haushalt und das Büro. Und sie kämpft als Kreisbäuerin gegen Klischees und Vorurteile.

Interview von Regina Bluhme, Erding

Der Rückruf von Irmgard Posch dauert ungewöhnlich lange. Fünf Tage vergehen, bis sie auf den Anruf und die E-Mail-Anfrage antwortet. Sie entschuldigt sich gleich, aber diese erste Woche im August mussten die Felder abgeerntet werden, da war einfach keine Zeit. Die 46-Jährige betreibt mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb bei Isen und wurde vor kurzem als Kreisbäuerin wiedergewählt. Zeit für ein paar Fragen über Landwirtschaft im Allgemeinen und die Rolle der Frau im Besonderen. Zum Gespräch in der Redaktion am Vormittag erscheint Irmgard Posch überpünktlich. Ihr Tag hat um 4.30 Uhr begonnen.

Süddeutsche Zeitung Erding: Frau Posch, erst einmal Gratulation zur Wiederwahl als Kreisbäuerin. Einige finden ja das Wort Bäuerin ein wenig altmodisch. Wäre Kreislandwirtin nicht moderner?

Irmgard Posch: Für mich hat die Bezeichnung Bäuerin absolut nichts Negatives oder Altmodisches. Ich bin gern Bäuerin! Was mich viel mehr stört, sind die Klischees oder Vorurteile gegenüber der Landwirtschaft. Es ist entweder eine Bullerbü-Idylle oder das andere Extrem.

Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) hat mal auf einem Termin über die verzerrte Darstellung in Schulbüchern gewettert. Sie haben vier Kinder im Altern von 20 bis 14 Jahren. Mussten Sie sich da auch schon mal über Einträge ärgern?

Oft! Heuer hat mir eine Mutter ein Arbeitsblatt einer Grundschulklasse gezeigt. Hanebüchen! Die sollten einen Text bearbeiten, das stand sinngemäß drin: Die Tiere werden in Massentierhaltung eingepfercht in engen Ställen und dann werden die Tiere krank und dann brauchen sie Beruhigungsmittel und Medikamente. Wir haben einen Brief an die Schulleitung geschrieben und dann wurden die Kinder im Rahmen des Projekts "Schule fürs Leben" auf Höfe eingeladen.

Bringt das denn was, wenn Kinder für ein paar Stunden kommen?

Es ändert nicht die Welt, aber ich finde einfach wichtig, aufzuklären, zu informieren, im Gespräch zu bleiben. Und Kinder haben so viele Fragen und sind so begeisterungsfähig.

Auch wenn sie beim Aussteigen sagen: Hier stinkt's.

Dann erkläre ich ihnen, dass es auf dem Bauernhof eben so riecht und dass es in der Großstadt anders riecht, da stinkt es auch - nach schlechter Luft.

Die Landwirtschaft hat sich ja sehr gewandelt und ist immer noch im Wandel begriffen. Wie sieht denn ein Arbeitstag von Ihnen aus?

Heute bin ich schon um 4.30 Uhr aufgestanden. Die Stallarbeit muss gemacht werden, je nach Jahreszeit muss ich dann das Büro erledigen, der Haushalt gehört sowieso gemacht, dann koche ich, im Sommer helfe ich bei der Ernte mit, dann ist ja noch der Garten rund ums Haus da. Es ist immer was zu tun. Und als ehrenamtliche Kreisbäuerin bin ich abends immer wieder mal unterwegs oder auch tagsüber auf Veranstaltungen.

Isen: Zu Besuch in der Redaktion: Kreisbäuerin Irmgard Posch, die vor kurzem wiedergewählt worden ist.

Zu Besuch in der Redaktion: Kreisbäuerin Irmgard Posch, die vor kurzem wiedergewählt worden ist.

(Foto: Regina Bluhme/oh)

Das klingt nach ziemlich klassischer Rollenverteilung.

In der Außenwirkung ist das vielleicht so. Aber ich fahre auch die Traktoren. Unterm Strich würde ich sagen, die interne Betriebsführung liegt bei mir.

Wann hat denn das letzte Mal jemand bei Ihnen nachgefragt, wo denn der Chef sei?

Das passiert schon hin und wieder. Als junge Ehefrau hat mich das damals schon gestört. Ich bin ja ausgebildete ländliche Hauswirtschafterin. Jetzt stehe ich da drüber.

Wie würden Sie denn den Beruf der Bäuerin definieren?

Eine Bäuerin ist ein Allroundtalent, eine moderne Frau ohne Kopftuch und Kittelschürze. Auch wenn ich schon Arbeitskleidung trage.

Und in Urlaub fahren Sie auch?

Ich komme aus einer Handwerkerfamilie. Mein Vater hatte genau zwei bis drei Wochen Urlaub im Jahr, sonst gingen nur Tagesausflüge. Früher als meine Kinder noch kleiner waren, haben wir auch gerne Tagesausflüge unternommen, das ging oft spontan, wenn ich gesehen habe, dass heute nicht ganz so viel Arbeit ist. Da bin ich dann mit den vier Buben los. Das ist das Schöne an meinem Beruf: Eine gewisse Freiheit ist doch da.

Für Aufsehen hat jüngst der Auftritt von Grünen-Landtagschef Ludwig Hartmann beim Kreisbauerntag in Oberding gesorgt, das ist sonst eine, sagen wir mal, sehr CSU-nahe Veranstaltung. Eingeladen hatte ihn Kreisobmann Jakob Maier. Wie fanden Sie das?

Da stehe ich voll dahinter. Man muss sagen, die CSU war immer die Partei, die uns Landwirten wohlgesonnen war. Aber es ist auch so: Deren Politiker, und auch unseren Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz, der ja selbst aus einer Landwirtschaft stammt, die brauche ich nicht von unseren Anliegen zu überzeugen. Die anderen schon. Wir hatten auf dem Kreisbauerntag sehr gute Gespräche mit weiteren Grünen-Politikern. Ich stelle mich auch gerne kritischen Fragen. Es ist nur wichtig, im Dialog zu bleiben.

Wie ist das überhaupt: Hat ein Kreisobmann mehr zu entscheiden als eine Kreisbäuerin?

Das kommt auf die Kreisbäuerin an. Es gibt diejenigen, die sagen: Ich sorge gerne für das Kuchenbüffet und kümmere mich um klassische Veranstaltungen. Aber ich bin schon auch an Agrarpolitik interessiert. Und da gibt es zwischen mir und dem Jakob Maier eine gute Zusammenarbeit mit gegenseitigem Respekt. Ich bin auch froh, dass er kürzlich ebenfalls wieder gewählt worden ist.

Was haben Sie sich für die kommenden fünf Jahre vorgenommen?

Ich will weiter dagegen kämpfen, dass die Landwirtschaft schlecht gemacht wird. Dabei habe ich schon den Eindruck, dass viele manchmal nur nachplappern, was in Sozialen Medien so gepostet wird. Unter Bauern gibt es schwarze Schafe, keine Frage, aber wir müssen auch noch viel mehr darüber informieren, wie die Mehrheit arbeitet. Die Leute müssen mehr wissen.

Wie geht es eigentlich den Landwirten im Landkreis Erding?

Ich sage mal so: Sie können überleben. Aber viele auch nur deshalb, weil sie Familienbetriebe sind. Wer Schweine hält, hat zu kämpfen. Inzwischen haben etliche ein zweites Standbein mit Direktvermarktung, Urlaub auf dem Bauernhof oder einen Hofladen.

Die steigenden Energiepreise werden Sie auch spüren.

Wir in der Landwirtschaft spüren die steigenden Energiepreise sehr wohl. Was wird, wenn Molkereien aufgrund von fehlendem Gas ihre Anlagen schließen müssen? Das macht mir Sorgen.

Zum Schluss: Was gefällt Ihnen am Beruf Bäuerin?

Ich komme ja nicht von einem Bauernhof, ich wusste aber mit sechs Jahren, dass ich Bäuerin werden will. Mir gefällt einfach das Arbeiten in der Natur und der Umgang mit den Tieren. Ich kenne alle unsere 45 Kühe beim Namen, jede hat ihren eigenen Charakter. Und sie kennen mich. Wenn ich mal einen Tag nicht da bin, dann schauen sie sich fünfmal um, wo ich denn stecke.

Das klingt jetzt aber doch nach Bullerbü.

Wir wohnen mitten auf dem Land. Wenn die Sonne aufgeht und ich sehe unsere Kälber und Kühe grasen, dann ist das für mich Romantik pur.

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