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Umweltschutz im Landkreis:Naturnaher Hochwasserschutz

Protestplakat gegen geplanten Hochwasserschutz Erding

Mit einem Protestbanner, das am Übergang an der Sempt bei der Lukasmühle hängt, weisen Kritiker des Vorhabens auf ihre Einwände hin.

(Foto: Stephan Görlich)

Gegen den Bau von Mauern entlang der Sempt hat sich bereits Widerstand formiert. Eine Bürgerinitiative will außerdem Dämme an den kleinen Zuläufen durch sanftere Lösungen verhindern

Von Antonia Steiger, Erding

Wenn ein Bach ein negatives Gefälle bekommt, fließt das Wasser nicht etwa aufwärts. Es fließt jedoch langsamer abwärts, weil der Grund des Baches mit kleinen Stufen ausgestattet wird, vor deren Kante sich das Wasser immer wieder ansammeln kann. Negative Gefälle in den Erdinger Gräben sind eine Komponente, mit der die Bürgerinitiative "Naturnaher Hochwasserschutz Erding" große Dammbauwerke überflüssig machen möchten. Markus Auerweck und Martin Reslmeier haben ihre Ideen am Dienstag dem Erdinger Stadtrat vorgestellt - und man zeigte sich interessiert. OB Max Gotz (CSU) wiederholte seine Zusicherung, Vertreter der Initiative an einen runden Tisch zu laden, wo sie mit Vertretern von Planungsbüros, dem Wasserwirtschaftsamt und dem Landratsamt über den Hochwasserschutz diskutieren können.

Es sind Dämme nötig, um eine Hochwassergefahr für Erding abzuwenden, die von den sogenannten Gewässer dritter Ordnung ausgehen, das hatte die Berechnung des Ingenieurbüros Björnsen ergeben; aber damit sind die Menschen in Bergham, Aufhausen und Altenerding nicht zufrieden. Die Initiative ist davon überzeugt, dass es bessere und vor allem naturnahere Lösungen für den Neuhauser Graben, den Aufhauser Graben, den Itzlinger Graben und den Wiesengraben gibt, für die die Stadt Erding zuständig ist. Nicht zu verwechseln mit Sempt und Fehlbach als Gewässer zweiter Ordnung, für die der Freistaat zuständig ist. Für die Sempt ist derzeit ein linearer Ausbau zum Hochwasserschutz geplant: Mauern entlang des Flussverlaufes mitten durch die Stadt, die das Wasser zurückhalten sollen. Ebenfalls höchst umstritten.

Auerweck hat in seiner Präsentation noch andere Maßnahmen vorgestellt, die dabei helfen sollen, Hochwasser von den Häusern fernzuhalten. So regte er an, Mulden zu nutzen und sie auszudehnen - quasi als bereits vorhandene Rückhaltebecken. Für den Wiesengraben gebe es zwei Mulden auf städtischem Grund, die Maßnahmen könnten sofort umgesetzt werden. Naturnahe Mulden verschwänden in der Landschaft, sie seien nicht so wartungsintensiv wie Dämme, und es bestehe auch keine Dammbruchgefahr. Eine weitere Möglichkeit wären unterirdische Rigolen, für die der Boden abgetragen und anschließend wieder aufgetragen wird. "Die Landschaft bleibt so schön, wie sie ist", lautet der unschlagbare Vorteil dieser vermutlich recht kostenintensive Variante. Auch am Aufhauser Graben und am Neuhauser Graben gibt es die Möglichkeit, naturnahe Rückhaltemulden zu bauen. Mit den Grundbesitzer sei schon gesprochen worden, sagte Auerweck. Wie mit allen anderen auch, was den ehemaligen Hochwasserreferenten Burkhard Köppen (CSU) erstaunte, dem zufolge diese Grundbesitzer sich zuletzt nicht besonders gesprächsbereit gezeigt hatten.

Im Aufhauser Graben könnte ebenfalls ein negatives Gefälle eingebaut werden. Das hätte noch weitere Vorteile als den verlangsamten Abfluss des Wassers: Weil dort immer ein paar Zentimeter Wasser stehen würde, könnten sich Biotope entwickeln, die das Wasser reinigen könnten. Besonder lohnenswert ist ein negatives Gefälle jedoch laut Auerweck am mit fünf Kilometer besonders langen Itzlinger Graben. Die Wasserspeicherkapazität ließe sich erhöhen, Weiden und Sträucher ließen sich pflanzen, beides würde das Wasser drosseln. In solch einem System würde das Wasser auch noch gereinigt und das Grundwasser angereichert. Aus einem Entwässerungsgraben würde gleichzeitig ein Bewässerungsgraben. "Es wäre uns allen gedient, wenn die Gräben wieder etwas Wasser führen würden", sagte Umweltschutzreferent Thomas Schreder (CSU). Solche Gräben müssten stärker gepflegt werden, sagte Auerweck. Aber da sei die Stadt fein raus. Es gebe einen Wasser- und Bodenverband, und der sei dafür verantwortlich.

Gotz erinnerte daran, dass der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags, an den sich die Bürgerinitiative bereits gewandt hatte, der Stadt Erding ein nachhaltiges Hochwasserkonzept bestätigt habe. "Eine Überdimensionierung ist nicht erkennbar." Trotzdem sollen nun noch einmal alle miteinander reden bei Ortsbesichtigungen und Gesprächsrunden. "Dann werden wir sehen, mit welchem Vorschlag wir ins Planfeststellungsverfahren gehen", sagte Gotz. Die Vorschläge der Initiative stießen auf sehr freundliches Interesse der Stadträte. Hans Egger (Erding Jetzt) sagte, die naturnahen Varianten hätten zudem den Vorteil, dass man nachbessern könnte, falls sie sich als zu gering dimensioniert erweisen würden.

© SZ vom 07.07.2020

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