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SZ-Interview:"Das Handwerk ist zäh"

Der Corona-Lockdown trifft die Betriebe je nach Branche unterschiedlich. Einigen steht das Wasser bereits bis zum Hals, wie der Erdinger Kreishandwerksmeister Rudolf Waxenberger im Gespräch mit der SZ sagt. Aufgegeben hat seines Wissen nach aber noch niemand.

Interview von Regina Bluhme

Der Corona-Lockdown trifft die Handwerksbetriebe im Landkreis ganz unterschiedlich. Während das Baugewerbe weiterhin gut zu tun hat, steht den Friseuren das Wasser bis zum Hals. Ein Gespräch mit Rudolf Waxenberger, Vorstand der Kreishandwerkerschaft Erding, Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer für München und Oberbayern und Inhaber von Anzinger Bau.

SZ: Herr Waxenberger, Sie haben im vergangenem April gesagt, Sie seien in Hinblick auf die weitere Entwicklung der Wirtschaft "vorsichtig pessimistisch". Sehen Sie sich bestätigt?

Rudolf Waxenberger: Man muss ganz genau hinschauen. Laut den Zahlen von letzter Woche schaut es gar nicht so schlimm aus: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geht die Kammer von einem Umsatzrückgang in Oberbayern von 0,3 Prozent aus.

Das ist ja erstaunlich wenig.

Jetzt kommt ein dickes Aber: Aber getragen werden diese Zahlen vom Bau- und Ausbaugewerbe, rechnet man die raus, dann kommt man auf ein Minus von 24 Prozent. Und wenn Sie noch genauer hinschauen, zum Beispiel beim sogenannten körpernahen Gewerbe, also Friseure, Fußpflege, Kosmetik, dann haben Sie einen Rückgang von bis zu 75 Prozent. Es ist zu erwarten, dass viele Betriebe nicht überleben werden. Da sitzen jetzt kleine Ladenbesitzer zuhause, sie können nichts tun und müssen zusehen, wie ihre Betriebe ruiniert werden.

Wissen Sie von Betrieben im Landkreis, die bereits aufgegeben haben?

Das Handwerk ist zäh, noch halten sich Betriebe gerade noch so über Wasser. Es ist ein fließender Prozess. Ich weiß von Betrieben hier im Landkreis, die haben die Altersvorsorge aufgelöst. Oder es wurden Kredite beantragt. Aber so ein Kredit ist auch nicht leicht zu bekommen, wenn keine Aussicht auf Rückzahlung besteht, wie mir zu Ohren gekommen ist.

Aber es gibt staatliche Hilfen.

Ganz ehrlich: Die Novemberhilfen, die können Sie vergessen! Da ist auch so ein Haufen Bürokratie dahinter, tausend Formulare zum Ausfüllen und tausend Kriterien zum Nachweisen. Im Zuge von diesem "bürokratische Antragswesen" fließen die Hilfen nur spärlich. Und Hilfen, zum Beispiel für die Friseurbetriebe, die gibt es nicht vor dem Frühjahr, vor April geht nichts, da muss ja erst noch das entsprechende Computerprogramm richtig installiert werden. Die Kammer befürchtet, dass im ersten halben, dreiviertel Jahr 2021 eine Insolvenzwelle anrollt.

Nicht beim Bau- und Ausbaugewerbe im Landkreis. Dort läuft es.

Am Bau läuft es. Ein bisschen hatten wir mit bestimmten Baustoffen war ein kleiner Engpass, da musste man mehr telefonieren,auch bei bestimmten Dämmmaterial oder Rolladenkästen - aber bei Massenbaustoffen wie Ziegel, Beton oder Stahl, gab es nie Probleme, das haben die Händler vorrätig. Und weil das Baugewerbe eine "Freiluftsportart" ist, haben wir hier auch wenig mit dem Virus zu kämpfen. Auch nicht bei den ausländischen Mitarbeitern aus dem europäischen Osten.

Sanitär und Elektro haben auch zu tun.

Heizung und Sanitär, Haustechnik schlechthin, die sind bei uns schon die letzten zehn Jahre so gut wie ausgebucht. Da kriegen Sie hier schwer einen Termin. Auch die Schreiner haben gut zu tun. Im Gegensatz zum Bau haben Schreiner, Bäcker oder Metzger aber einen Nachteil: Sie arbeiten in geschlossenen Räumen und da hat es trotz aller Hygienemaßnahmen schon den einen oder anderen mit Corona erwischt.

Also Vorteil Baugewerbe: Damit könnten Sie doch für den Berufszweig werben.

Wir haben wirklich den Vorteil, dass die Leute an der frischen Luft arbeiten und das Gewerbe so relativ coronaresistent ist. Aber ich bin in meiner Funktionärstätigkeit schon seit 15 Jahren dran, für die Ausbildung im Baugewerbe zu werben. Es ist äußerst schwierig. Heute wird alles auf Bildung gemünzt, aber darunter versteht niemand die berufliche Bildung. Leider.

Die Prüfungen der Kammern laufen trotz Corona.

Ja, die Prüfungen finden statt, natürlich unter Hygienemaßnahmen und zum Teil in geteilten Klassen. Das funktioniert. Ich sehe eher Schwierigkeiten beim Home-Schooling. Das ist für einige Auszubildenden schwierig. Deswegen würde ich dafür plädieren, dass alle Schularten, vom Gymnasium bis zur ersten Grundschulklasse, dieses Schuljahr einfach wiederholen. Da wäre allen geholfen und nichts verloren.

Gibt es bei der Situation der Handwerkerschaft im Landkreis Erding eine Besonderheit?

Die Besonderheit ist, dass unser Landkreis zahlenmäßig sehr stark mit Handwerksbetrieben durchzogen ist, die auch noch bodenständig und in der Substanz gut aufgestellt sind, wie es in wenigen Landkreisen bundesweit der Fall ist.

Herr Waxenberger, sind Sie weiterhin "vorsichtig pessimistisch"?

Am zielführendsten ist es doch, optimistisch in die Zukunft zu schauen - so wird auch die Pandemie irgendwann ein Ende finden und wieder Normalität einkehren. Trotzdem wird die Wirtschaft geraume Zeit benötige, um sich von dem Geschehenen zu Erholen und strukturelle Umbrüche werden wohl beschleunigt werden.

© SZ vom 06.02.2021/van
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