bedeckt München

Landgericht Landshut:Stieftochter missbraucht

Binnen einer Woche ist es der zweite Missbrauchs-Prozess am Landshuter Landgericht mit einem Täter aus dem Landkreis Erding.

(Foto: Renate Schmidt)

41-jähriger Mann aus Isen wird durch einen Abgleich seiner Fingerlinien auf einem Vergewaltigungsfoto überführt

Von Florian Tempel, Landshut

Sexueller Missbrauch von Kindern ist immer schockierend. Nachdem erst vor einer Woche in Landshut der Prozess gegen einen 37-jährigen Erdinger begonnen hat, stand an diesem Freitag ein 41 Jahre alter Mann aus Isen vor demselben Gericht. Er hat den mehrfachen Missbrauch seiner Stieftochter ab ihrem zehnten Lebensjahr gestanden.

In diesem Fall waren es aber nicht nur die Taten des Angeklagten, die schockierten, sondern auch der Gang des Ermittlungsverfahrens. Eine vom Ermittlungsrichter beauftragte Psychologin hatte in einem Gutachten die Glaubwürdigkeit des Opfers in Zweifel gezogen. Die Darstellung der 17-Jährigen, was ihr Stiefvater ihr angetan hatte, schienen der Gutachterin nicht als "erlebnisbasierte Erinnerungen". Das ist ein vernichtendes Urteil. Es heißt nicht anderes, als dass man den Angaben des Opfers nicht trauen könne, womöglich habe es sich alles nur ausgedacht. Daraufhin wurde der Stiefvater aus der Untersuchungshaft entlassen, weil angesichts eines solchen Gutachtens eine Verurteilung kaum noch wahrscheinlich zu sein schien. Das Opfer stand dafür auf einmal als Lügnerin da, auch in den Augen ihrer eigenen Mutter, die sowieso jahrelang weggeschaut hatte.

Nur die Hauptermittlerin der Kripo Erding hatte keinen Zweifel, dass das Mädchen die Wahrheit berichtet hatte. Für die erfahrene Ermittlerin waren die Angaben des Opfers völlig glaubwürdig. Die Kommissarin ließ nicht locker und schaffte es schließlich, den Stiefvater mit einem von ihm selbst aufgenommenen Vergewaltigungsfoto zu überführen. Die Finger auf dem Foto ließen sich so gut vergrößern, dass einige Papillarlinien mit seinen erkennungsdienstlich genommenen Fingerabdrücken abgeglichen werden konnten. Danach stand eindeutig und zweifelsfrei fest, dass die Hand des Vergewaltigers auf dem Foto seine Hand war.

Wenige Tage nachdem er damit konfrontiert worden war, gestand der Angeklagte alle ihm vorgeworfenen Taten. Damit war auch das verheerend schlechte Aussagegutachten widerlegt. Alles war genau so passiert, wie es das jahrelang missbrauchte Mädchen erlebt und berichtet hatte.

Zum Prozessauftakt vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Landshut gab der Verteidiger nun im Namen seines Mandanten ein "vollumfängliches Geständnis" ab. Sein Mandant sei sich bewusst, dass er den Missbrauch seiner Stieftochter mit einer mehrjährigen Haftstrafe im Gefängnis büßen müsse. Er wolle zudem sein "großes Bedauern zum Ausdruck bringen" und wisse, "dass er es nicht ungeschehen machen könne"

Der Rechtsanwalt des Opfers sagte, dass seine mittlerweile volljährige Mandantin weiterhin "massive Probleme" habe. Sehr belastend sei für sie auch die Aussicht, dass sie womöglich persönlich vor Gericht aussagen müsse. "Sie hat panische Angst davor, hier erscheinen zu müssen." Das bleibt ihr, nach dem Geständnis des Angeklagten, nun erspart.

Er selbst ist nicht begutachtet worden. Der Verteidiger attestierte seinem Mandaten, bei ihm läge keine "Kernpädophilie" vor, sondern nur eine "Neigung". Der Angeklagte berichtete, dass er mehrere Beziehungen zu erwachsenen Frauen gehabt habe, bevor er 2009 die Mutter des Opfers kennenlernte und sie 2010 heiratete. Mit ihr hat er als gemeinsame Kinder noch zwei Söhne. Der sexuelle Missbrauch der Stieftochter begann laut Anklage, als das Mädchen zehn Jahre alt war. Allerdings deutet einiges daraufhin, dass es bereits zwei Jahre zuvor losging.

Die Hauptermittlerin der Kripo Erding berichtete, dass das Opfer schon im Alter von acht Jahren ihrer Mutter erzählt hatte, dass ihr Stiefvater sie begrapscht habe. Die Mutter habe diese Aussage bestätigt, sagte die Kommissarin. Die Mutter habe damals den Angeklagten zur Rede gestellt, woraufhin dieser alles abgestritten habe. Damit sei das Thema erledigt gewesen. Als die Tochter mit zwölf Jahren wieder von Missbrauch erzählte, habe die Mutter offenbar so lange auf das Kind eingeredet - wenn das alles stimmt, kommt der Papa ins Gefängnis -, bis das Mädchen einen Rückzieher machte.

Am Geburtstag der Mutter 2019 sprach die damals 16-Jährigen bei einem heftigen Streit den jahrelangen Missbrauch durch ihren Stiefvater offen aus. Das Mädchen verließ danach die Familie und lebte in einer betreuten Jugendwohngruppe. Einige Monate später erstattete sie Anzeige. Der Prozess dauert an.

© SZ vom 20.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema