Prozess gegen Frauenarzt:Kein guter Eindruck

Am Landgericht Landshut bewerten zwei Bestatter das bestürzte Verhalten des Angeklagten am Tatort als vorgespielt

Von Florian Tempel, Landshut

Am Abend des 3. Dezember 2013 kamen viele Profis an den Tatort: Der Notarzt und seine Fahrerin, zwei Streifenbeamte, zwei Rettungssanitäter und zwei Kommissare vom Kriminaldauerdienst. Alle glaubten gemeinsam, dass die Frau des nun wegen Totschlags angeklagten Frauenarztes Michael B. durch einen unglücklichen Sturz ums Leben gekommen war. Es schien ja auch alles zu passen: Am Kopf der Leiche, die tot im Badezimmer lag, war eine Platzwunde zu sehen und am Boden daneben eine Lache Blut. Doch der Schein trügte. Die Situation war inszeniert. Jemand hatte es nur so aussehen lassen, als ob die 60 Jahre alte Frau gestürzt wäre. Tatsächlich war sie brutal verprügelt und dann erwürgt worden. Zur Inszenierung des Ganzen gehörte, dass das Bad, bevor der Notarzt, die Rettungssanitäter und die Polizei kamen, geputzt worden war. Von der üblen Prügelorgie, die sicher Spuren hinterlassen hatte, war nichts mehr zu sehen.

Dass etwas nicht stimmte, war am Tatabend aber wenigstens einem Zeugen aufgefallen, dessen Beobachtung bislang jedoch keine große Beachtung gefunden hatte: Der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens, der mit einem Kollegen die Leiche abholte, sagte im zweiten Durchgang des Totschlagprozess am Landgericht Landshut nun sehr deutlich, wie er die Sache damals sah: "Mir kam es komisch vor, dass da so wenig Blut im Bad war, keine Spritzer irgendwo." Nur am Kopf der Leiche die Blutlache, aber "ringsum war alles so sauber, geradezu klinisch". Das sei nicht normal gewesen. Auch wenn jemand stürze, seien Blutspritzer im Raum zu erwarten.

Dem Bestatter und seinem Kollegen war zudem noch ein zweiter ungewöhnlicher Aspekt in der Erinnerung haften geblieben: wie der Angeklagte in nicht glaubwürdiger Weise von seiner toten Frau Abschied genommen habe. "Ich habe ja schon viele Verabschiedungen gesehen", sagte der eine Bestatter, aber so eine noch nie. Er und sein Kollege hatten die Leiche in ein Leichentuch gehüllt und auf eine Trage gelegt, als der Angeklagte "ganz cool die Treppe hoch kam". Er habe "sich da hingestellt, Tränen rausgedrückt und ist wieder ab". Auch der zweite Bestatter empfand die Abschiedsszene als "markant": Der Angeklagte sei "wie ein gestandener Mann raufgekommen", habe neben der Leiche einen "künstlichen Heulanfall gekriegt" und "das war's dann auch wieder". Alles habe nicht sehr lange gedauert, "kaum der Rede wert". Genau wie sein Kollege habe er diese Verabschiedung als unehrlich empfunden: "In unseren Augen war das eine Riesenshow."

Außer den beiden Bestattern wurde am achten Verhandlungstag auch ein flüchtiger Bekannter des Angeklagten und seiner Ehefrau vernommen. Der Zeuge ist Arzt in Erding und hatte, seiner Erinnerung nach Anfang 2013, das Ehepaar zum Essen zu sich nach Hause eingeladen. Ihm waren bei diesem Treffen mehrere Details aufgefallen. Das spätere Opfer, die Ehefrau des Angeklagten, habe doch sehr zügig Wein getrunken: "Es war schon auffällig, wie schnell ihr Glas leer war." Diese Beobachtung ist bemerkenswert, da der Angeklagte behauptet, er habe bis kurz vor dem Tod seiner Frau nicht mitbekommen, dass sie ein Alkoholproblem hatte. Sie habe in seiner Anwesenheit nur wenig getrunken. Der Zeuge widersprach auch der penetranten Darstellung des Angeklagten, dieser und seine Frau seien ein Herz und eine Seele gewesen. Ganz im Gegenteil sei ihm ihre "eruptive Aggression" gegen den Angeklagten in Erinnerung, sagte der Zeuge. Sie habe ihren Ehemann währen des Essens mit kleinen Gemeinheiten und bissigen Sticheleien "immer wieder attackiert".

© SZ vom 20.05.2017
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