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Landgericht Landshut:Jahrelange Demütigung und Gewalt

Ein 45-jähriger Mann aus Oberding steht wegen Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Frau in Landshut vor Gericht

Von Florian Tempel, Landshut

Das Opfer muss wenigstens nicht erscheinen und haarklein erzählen, wie ihr Ehemann sie misshandelt, gedemütigt und vergewaltigt hat. Dass ihr das erspart bleibt, war eine ersehnte Nachricht für die Frau. Ihre Mandantin habe das "mit sehr großer Erleichterung aufgenommen", sagte ihre Anwältin in einer Verhandlungspause am Landgericht Landshut, nachdem sie sie angerufen und informiert hatte. Auch ihr 45 Jahre alter Ehemann wird davon profitieren. Durch ein umfassendes Schuldbekenntnis in allen Anklagepunkten machte er nicht nur die Vernehmung seiner Frau verzichtbar. Im Gegenzug dafür wird das Strafmaß, das er zu erwarten hat, erheblich reduziert. Das Gericht sicherte ihm schon zum Prozessauftakt zu, im Fall eines umfassenden Geständnisses eine Strafe zwischen drei und dreieinhalb Jahren zu verhängen. Mit einem Geständnis schone er ja nicht nur seine Ehefrau, sondern auch die beiden gemeinsamen Kinder, "die das vielleicht auch mitgekommen würden", erklärte der Vorsitzende Richter Ralph Reiter. Der Angeklagte, der bei der Verlesung der Anklageschrift noch sehr unwirsch immer wieder den Kopf geschüttelt hatte, als ob das alles nicht wahr wäre, sagte nun ganz leise "Ja".

Konkret angeklagt sind zwei Vergewaltigungen, zwei Körperverletzungen und eine Nötigung. Doch das ist wohl nur ein kleiner Ausschnitt aus einer größeren Menge von Misshandlungen und sexualisierter Gewalt, die seine Frau in den vergangenen Jahren durch ihn erlitten hat. Die Tatorte waren stets die Wohnungen der Familie, die bis Mitte 2019 in Hallbergmoos und danach in Oberding lebte.

Auch wenn das Opfer nicht selbst vor Gericht berichten wird, wurde durch die Aussagen der ermittelnden Polizeibeamten und einer Freundin der Frau ein recht klares Bild ihres Leidensweges gezeichnet. Nach mehreren Jahren einer "guten und schönen Beziehung", so sagte es die Freundin in ihrer Zeugenvernehmung, begann es vor etwa fünf Jahren plötzlich ganz anders zu werden. Der Angeklagte war erkrankt, hatte seinen Beruf aufgeben müssen und veränderte sich in seiner Persönlichkeit. "Er war schon immer ein Macho, aber früher war er ein liebenswerter Macho", - nun wurde er ekelhaft.

Der Angeklagte habe seine Frau bei gemeinsamen Treffen und Unternehmungen immer öfter "mit sehr beleidigenden Schimpfworten" gedemütigt, berichtete die Freundin. Unübersehbar war auch, dass sie blaue Flecken mit Make-up abgedeckt habe oder die ganze Zeit über eine Sonnenbrille trug, um offensichtlich ein blaues Auge zu verbergen. "Später hat sie sich mir dann anvertraut", sagte die Freundin, und ihr von Misshandlungen und "Strafsex" berichtet, den der Angeklagte nach Streitereien unter Drohungen von ihr einforderte.

Der erste Anklagepunkt betrifft die erste extreme Eskalation: Im Februar 2019 schlug der Angeklagte in der damaligen Wohnung in Hallbergmoos seiner Frau bei einem Streit so heftig mit der Faust gegen den Brustkorb, dass sie eine Rippenfraktur erlitt. Als sie daraufhin die Polizei anrufen wollte, drohte er ihr, er werde sie "auf dem Hof hinrichten, wenn die Polizei auf den Hof fährt". So steht es in der Anklage. Die Frau rief trotzdem bei der Polizei an, die ihren Mann aus der Wohnung verwies. Er zog nach diesem Vorfall zu seinen Eltern. Die schon damals notwendige Trennung gelang aber nicht auf Dauer. Er und seine Eltern beschwichtigten seine Frau solange, bis sie ihn nach einigen Wochen wieder aufnahm. "Weil sie gehofft hatte, dass er eine Therapie macht", sagte die Kripobeamtin, die die Ermittlungen geleitet hatte, "und sie hat es halt auch wegen den Kindern noch mal mit ihm versucht". Zwischenzeitlich hatte die Frau bereits bei einer Beratungsstelle in Freising über Unterstützung bei einer Trennung von ihrem gewalttätigen Mann informiert, sich dann aber dort nicht mehr gemeldet.

Ihr Hausarzt verschrieb ihr nach der Rippenfraktur eine Kur, explizit wegen der häuslichen Gewalt, die sei erlitten hatte. Der Vorsitzende Richter merkte dazu an, der Arzt hätte auch - Schweigepflicht hin oder her - Anzeige erstatten können, "aber das muss jeder Arzt selbst entscheiden". Während des Kuraufenthaltes, den die Frau im Sommer vergangenen Jahres hatte, reifte bei ihr der Entschluss, sich nun doch endgültig von ihrem Mann zu trennen.

Als sie im September 2020, nach dem Ende der Kur, ihrem Mann klar machte, dass es zwischen ihnen aus war, rastete er erneut aus. Am ersten Abend spuckte er ihr ins Gesicht und gab ihr mehrere Ohrfeigen. Zwei Tage darauf machte er sie bei einem erst Streit verbal fertig, vergewaltigte sie anschließend im Schlafzimmer und warf sie dann, mitten in der Nacht aus der Wohnung. Die Frau fuhr nach Erding zur Polizei und zeigte ihren Mann an. Kripobeamten nahmen ihn am folgenden Tag fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Der Prozess dauert an.

© SZ vom 25.03.2021
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