Süddeutsche Zeitung

Lärmschutz an der A 94:Haarscharf unter dem Grenzwert

Laut staatlicher Messungen ist der Lärmschutz an der Isentalautobahn in Ordnung. An drei von fünf Messpunkten werden die Nachtgrenzwerte allerdings nur gerade noch so eingehalten

Von Florian Tempel, Dorfen

Dass es nichts bringen wird, war schon längst klar, nun aber ist es offiziell: Auch die vom bayerischen Landtag in Auftrag gegebenen Lärmmessungen an der Isentalautobahn haben bestätigt, dass alle geltenden Grenzwerte eingehalten sind. Nach ähnlichen Messungen der Gemeinde Lengdorf und der Stadt Dorfen, die ebenfalls die Einhaltung der Grenzwerte erbracht hatten, war das nicht anders zu erwarten gewesen. Zwar werden an drei von fünf ausgewerteten Messpunkten der staatlich beauftragten Überprüfung die Nachtgrenzwerte nur haarscharf unterschritten. Das wurde bei der Vorstellung des Gutachtens im Verkehrsausschuss des Landtags bekannt. Das generelle Fazit aus dem Verkehrsministerium ist für die A 94-Anwohner jedoch eine totale Enttäuschung: "Auf Basis der vorliegenden Ergebnisse sind die geltenden gesetzlichen Vorgaben für den Lärmschutz eingehalten. Für die Verwaltung eröffnen sich daher keine weitergehenden gesetzlichen Handlungspflichten für über diesen gesetzlichen Lärmschutz hinausgehenden Maßnahmen."

Vor einem Jahr hatte der Landtag beschlossen, dass die Autobahndirektion Südbayern Lärmmessungen am Fahrbahnbelag und an Wohnanwesen neben der Autobahn vornehmen müsse. Wegen der Corona-Pandemie und dem deshalb zwischenzeitlich stark verminderten Verkehr wurden die Messungen um mehrere Monate verschoben. Erst im vergangenen September ging es los. Die Überprüfungen der Lärmemissionen wurden laut Angaben des Verkehrsministeriums von der Autobahndirektion Südbayern "mit Unterstützung von fachkundigen Ingenieurbüros vorgenommen". Gemessen wurde an sechs Stellen entlang des 33 Kilometer langen Neubauabschnitts: bei einem Anwesen in der Gemeinde Buch am Buchrain, auf Lengdorfer Gemeindegebiet in Daglspoint und Außerbittlbach, in Watzling bei Dorfen sowie in Obertaufkirchen und Rattenkirchen im Landkreis Mühldorf. In das Gutachten kamen dann aber nur drei der vier Messstellen im Landkreis Erding. Der Pressesprecher der Autobahndirektion erklärte, dass für das Gutachten nur fünf exemplarische Messpunkte verlangt waren.

Für das Gutachten wurde auch die Verkehrsbelastung auf der Isentalautobahn untersucht. Der Lärmschutz wurde an einer für das Jahr 2025 prognostizierte Anzahl von Lastwagen und Personenwagen konzipiert. Nach den aktuellen Verkehrszahlen ist der Lastwagen-Anteil mit 80 Prozent der Prognoseerwartung schon sehr hoch, währen erst 60 Prozent der für 2025 erwarteten Pkw auf der A 94 fahren. Die Erdinger Abgeordneten Ulrike Scharf (CSU) greift diesen Punkt auf und schreibt: "Insbesondere die Lastwagen sind für den hohen Lärm an der Autobahn verantwortlich. Sie fahren wesentlich schneller als erlaubt. Das darf nicht sein. Sofortige Geschwindigkeitskontrollen für Lastwagen sind unumgänglich." Außerdem verlangte sie weitere Messungen: "Wir müssen aber die Entwicklung gerade im Hinblick auf das Verkehrsaufkommen und den Lärm weiter beobachten."

Der Abgeordnete Markus Büchler (Grüne) schreibt in seiner Presseerklärung: "Ich bin schockiert, dass wir schon mit 80 Prozent Auslastung bei Lastwagen und 60 Prozent Auslastung bei Personenwagen an drei von fünf Messstellen die Lärmgrenzwerte fast überschreiten. Offenbar ist die Autobahn schlecht geplant beziehungsweise gebaut worden." Auch Sebastian Körber (FDP), der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, hält es für "bedenklich für eine Neubaustrecke", dass die Grenzwerte fast gerissen würden. Körber verwies darauf, dass der Verkehrsausschuss aus diesem Grund eine Petition der Gemeinde Lengdorf und eine Petition einer Privatperson für besseren Lärmschutz entlang der A 94 unterstütze.

Der Grünen-Abgeordnete Büchler geht noch einen Schritt weiter und fordert "von der Staatsregierung die Umsetzung freiwilliger, sogenannter 'überobligatorischer' Maßnahmen" für mehr Lärmschutz, etwa an Brücken und einen besseren Fahrbahnbelag auf den Waschbetonabschnitten.

Die Landkreis-Abgeordnete Scharf sagte der SZ, sie setze auf die vor einem Jahr von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gemachten politischen Zusagen, beim Bau von zusätzlichen Lärmschutzwänden entlang der A 94 großzügig zu sein. Söder hatte das im Januar 2020 so begründet: "Weil wir hier eine neue Strecke haben, muss der Staat eine höhere Sorgfalt walten lassen als bei einer bestehenden Strecke."

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Quelle:
SZ vom 25.02.2021
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