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Läden schließen:"Aus wirtschaftlicher Sicht eine Katastrophe"

In Bayern gilt wegen der steigenden Corona-Infektionen der Katastrophenfall. Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Tankstellen, Banken, all das, was nötig ist, um die Grundversorgung zu garantieren, darf geöffnet bleiben. Alle anderen Geschäfte müssen schließen. So auch das Gewandhaus Gruber.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Coronavirus greift weiter um sich, am Montag hat Bayern den Katastrophenfall ausgerufen. Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, müssen schließen. Für die Unternehmen bricht eine ungewisse Zeit ohne Umsatz an

Jetzt ist es also passiert: Alle Läden, die nicht zur Grundversorgung beitragen, sind geschlossen. Für den Erdinger Einzelhandel wird das gravierende Folgen haben, deren Ausmaß derzeit noch nicht abzusehen ist. Auch wenn die Besitzer der kleinen Erdinger Geschäfte die Maßnahmen zur Eindämmung des um sich greifenden Corona-Virus verstehen können und unterstützen wollen, sehen sie mit bangem Blick in eine ungewisse Zukunft. Es stehen Existenzen auf dem Spiel. Dennoch hört man auch: "Das fehlende Einkommen ist jetzt das geringste Übel."

Wolfgang Kraus, 39, führt das Modehaus Kraus seit 2016. Er hat sein Geschäft schon am Dienstag geschlossen. "Ich weiß nicht, warum wir da noch einen Tag länger hätten warten sollen", sagt er. "Um niemanden zu gefährden, haben wir am Dienstag schon zugemacht." Eine Vorsichtsmaßnahme über die auch seine Mitarbeiter froh gewesen seien, schließlich herrsche in der Modebranche doch ein enger Kundenkontakt. Die Schließungen der Geschäfte sieht Kraus voll und ganz ein, dennoch sagt er auch: "Aus wirtschaftlicher Sicht ist das für uns eine Katastrophe. Etwas schlimmeres kann ich mir nicht vorstellen. Faktisch machen wir ab heute - und das auf unbestimmte Zeit - keinen Euro Umsatz. Gleichzeitig wird Ware geliefert und die Gehälter werden bezahlt."

Für andere Fälle gäbe es da Versicherungen und Vorkehrungen, die man treffen könne. Diese würden beispielsweise im Falle eines Brandes greifen. Aber eine Situation wie diese sei noch nicht dagewesen. Er und auch seine Mitarbeiter würden sich derzeit noch in einer Art Schockzustand befinden. "Ich muss mich jetzt erst mal schütteln und dann schauen, welche Angebote der Staat macht und welche man annehmen kann." Auch vom Einzelhandelsverband wolle er sich Ratschläge einholen. "Aber ich habe absolut keine Ahnung, wie es weitergeht und was das alles heißt. Wir können nicht von heute auf morgen einen Online-Handel aus dem Boden stampfen. Da gibt es längst andere, die so ihre Waren vertreiben. Da wartet niemand auf uns." Ein oder zwei Wochen seien diese Maßnahmen schon okay. Auch die Gehälter für den März würden sie ganz normal bezahlen können. "In den letzten Jahren hatten wir einen ganz soliden Verlauf, darauf können wir zurückgreifen", sagt Kraus. Dennoch befürchtet er: "Es wird ans Eingemachte gehen, und einige werden untergehen." Dass ihn und sein Geschäft das betreffen könnte, glaubt er allerdings nicht: "Es gibt uns seit 1642. Wir haben Pest und Cholera und Kriege überstanden. Da hoffe ich, dass wir das jetzt auch überstehen."

Nur für eines hat Kraus kein Verständnis als er am Dienstag aus seinem Laden über den Schrannenplatz auf das Café Pano schaut. "Wie die Leute jetzt alle im Café sitzen können, das kann ich nicht nachvollziehen", sagt er. "Wenn es heißt, dass kein physischer Kontakt im Moment das beste Mittel ist, um das Virus einzudämmen, dann begreife ich nicht, warum man das nicht mal durchhalten kann." Weil nicht nur er das so sieht, wird das Pano am Mittwoch geschlossen.

Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, wie das Modegeschäft Kraus am Eck, müssen seit Mittwoch geschlossen bleiben.

(Foto: Renate Schmidt)

Kraus selbst wird in seinem Laden die kommende Zeit die Stellung halten, das Telefon abheben und E-Mails beantworten. Auch die Waren, die kommen, wird er annehmen. "Im Moment bin ich noch sprachlos, aber ich muss mir jetzt mal in Ruhe überlegen, ob man in der Zeit auch sinnvolle Dinge tun kann." Er erhofft sich jedenfalls, dass seine Kunden ihm die Treue halten. "An Tag X freuen wir uns, wenn alle wiederkommen und uns nicht vergessen haben", sagt er.

Das Modehaus Gruber wird am Mittwoch schließen. Hugo Gruber, 69, leitet das Geschäft seit 1975. Seine Verkaufsmitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt, "so, wie der Staat es uns nahegelegt hat." Da seien seine Leute auch vernünftig und verständig gewesen. Aber auch er sagt: "Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Zwei Wochen kriegen wir hin. Wenn es nicht allzu lange dauert, werden wir damit fertig."

Hart trifft die Geschäftsschließung kurz vor Ostern Tamara Reich-Haas, 52. Sie führt seit neun Jahren das kleine Geschäft SchokoOh im Turmladen. Obwohl sie mit Schokolade und Kaffee Lebensmittel verkauft, muss auch sie zusperren. "Ob ich auch davon betroffen sein werde, wusste niemand. Ich war den ganzen Tag nur am telefonieren, aber man kommt nicht durch", erzählt Reich-Haas. Schließlich habe sie vom Gewerbeamt die Rückmeldung bekommen, dass ihre Ware nicht zur Grundversorgung gehört. "Das Weihnachts- und Ostergeschäft machen ein Drittel meines Jahresumsatzes aus und das Ostergeschäft bricht jetzt weg", sagt sie. Festangestellte hat sie nicht, ihre Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis hat sie vorerst freigestellt. Sie selbst wolle jetzt mit der Hausbank sprechen, mit dem Vermieter, mit dem Finanzamt, mit Händlern über offene Rechnungen. Aus all diesen Gesprächen müsse sich ergeben, wie sie über die Runden kommen soll.

Lokale müssen ab 15.00 Uhr zusperren. So bietet sich beim Parkplatz Am Mühlgraben ein seltener Anblick.

(Foto: Renate Schmidt)

Ein Laden, der freiwillig zugesperrt hat, ist der Weltladen. Peter Libossek, 69, Teamleiter des Ladens sagt: "Wahrscheinlich hätten wir offenlassen können, weil wir auch Lebensmittel verkaufen. Das hängt wohl von den einzelnen Gemeinden ab. Aber wir haben uns entschlossen zu schließen. Wir haben viele ältere Mitarbeiter. Die wollen wir schützen." Durch seine ehrenamtlichen Mitarbeiter hat der Weltladen nicht das Problem der Gehälter, die ohne Umsatz gezahlt werden müssen. Und die Miete könne man schon zahlen. "Wir haben einige Rücklagen und können so eine gewisse Zeit überbrücken", sagt Lebossek.

Die Buchhandlung Lesezeichen führen Susi Neumaier, 50, und Birgit Stoiber, 57, seit 18 Jahren. Auch die beiden Frauen schließen ihren Laden am Mittwoch. "Wir betrachten das mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt Birgit Stoiber. "Das Geschäft bricht ein, aber es ist besser, wenn jetzt alle zumachen." Allerdings kritisiert Stoiber, dass es nicht klar und konsequent sei, wer schließen müsse; sie fühle sich hier ein wenig alleingelassen. Sicher sollten die Geschäfte für die Deckung des Grundbedarfs offen bleiben, aber da seien derzeit auch noch andere dabei und es würde nichts bringen, wenn die Menschen dorthin gingen statt daheim zu bleiben. Die Sicherheit der Bevölkerung ist das, was für Stoiber überwiegt: "Das wichtigste ist, gesund zu bleiben und da muss jeder mithelfen. Und dann ist das fehlende Einkommen das geringste Übel."

Auf das werden Stoiber und Neumaier in der kommenden Zeit verzichten müssen. "Zum Glück sind wir nicht Alleinverdiener", sagt Stoiber. Auch haben die beiden Frauen keine Mitarbeiter, deren Einkommen jetzt finanziert werden müsste oder wie das von ihnen wegbrechen würde. Und so versucht Stoiber das Beste aus der Situation zu machen und das Positive zu betonen: "Wir haben ganz liebe Kunden, die sagen, dass sie wiederkommen. Und wir haben einen ganz tollen Vermieter, der von sich aus auf uns zukam und uns mit der Miete entgegenkommen will, wenn wir in Schwierigkeiten geraten. Da bekommt Solidarität einen Namen. Da kommen einem auch schon mal die Tränen."

Birgit Stoiber hat sich inzwischen einen Wäschekorb voller Bücher in die Wohnung gestellt. Die möchte sie nun lesen. "Und wenn der Spuk vorbei ist, hoffe ich, dass wir alle bald wieder gesund begrüßen dürfen", sagt sie.

© SZ vom 19.03.2020
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