Das Atelier von Rudolf L. Reiter im Untergeschoss der Galerie Am Rätschenbach 28 wirkt so, als hätte er das Zimmer nur kurz für eine Pause verlassen. Über dem Stuhl hängt der Malerkittel, das letzte Bild steht auf der Staffelei, zahllose Farbtöpfe und Pinsel warten auf den Einsatz. Seine Tochter Victoria Reiter, die seit dem Tod des Vaters vor sieben Jahren die Galerie weiterführte, ließ den Arbeitsraum unverändert.
Mit Führungen und Ausstellungen hielt Victoria Reiter das Gedenken an ihren Vater wach. Von einem überlebensgroßen Banner, gleich links vom Eingang, blickt der Künstler die Besucher und Besucherinnen an. Auf den Stufen, an den Wänden, wohin man blickt: Bilder, Bilder, Bilder. Dazwischen Skulpturen. Dazu lagern in Schubladen zahlreiche Drucke.
„Jetzt geht ein Stück Familiengeschichte zu Ende“, erklärt Viktoria Reiter. Es falle ihr sehr schwer, die Räumlichkeiten, in denen der Vater arbeitete und lebte, zum 31. August verlassen zu müssen. Aber es gehe nicht anders. Bis Ende August 2026 habe die Familie Wohnrecht in dem Haus. Die künftig fällige Miete könne sie sich nicht leisten, erklärt Viktoria Reiter.
„Es wäre mein größter Wunsch, dass diese Bilder ein neues Zuhause finden, in dem sie weiterhin Freude bereiten und die Erinnerung an den Künstler lebendig halten“, sagt Victoria Reiter. Der „Abschieds-Sonderverkauf“ biete die Gelegenheit, Kunstwerke des Vater zum halben Preis zu erstehen, darunter abstrakte farbenfrohe Werke, Landschaften, Stillleben, Porträts, Skulpturen. Wie viele Bilder, Drucke, Lithografien und Skulpturen auf Käufer warten, das kann Victoria Reiter nicht sagen. Es gebe auf jeden Fall eine große Auswahl.


Aus den Räumen der Galerie müssen auch die Kunstwerke von Hamit Ataseven, dem Meisterschüler von Rudolf L. Reiter, ausziehen. Wie Victoria Reiter mitteilt, haben sich die Galerie Reiter und Hamit Art mittlerweile vollständig getrennt. „Beide gehen künftig ihren eigenen Weg.“ Von Hamit Ataseven ist noch bis Sonntag, 26. Juli, die Werkschau „Blick in die Seele - Neuanfang“ im Erdinger Frauenkircherl (geöffnet täglich 10 bis 19 Uhr) zu sehen.
Mit der Schließung der Kunstgalerie Rudolf L. Reiter geht in Erding nicht nur ein Stück Familiengeschichte, sondern auch eine Kultureinrichtung verloren. Rudolf L. Reiter (24. Juni 1944 bis 26. Juni 2019), ein gebürtiger Erdinger, war ein Autodidakt, der sich als gelernter Drucker und Schriftsetzer entschloss, als freischaffender Künstler zu leben und der davon auch leben konnte.


Seine Bilder, überwiegend im informellen Stil, und Skulpturen sind in zahlreichen Einrichtungen im Landkreis Erding zu sehen und in einer eigenen Sammlung im Museum Erding, aber auch im Bundestag in Berlin, in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, im Lenbachhaus sowie in Museen und öffentlichen Sammlungen in den USA, in China und Norwegen. Dass er von seiner Kunst trotz einiger Auf und Abs leben konnte, das hatte er seiner Frau Hilde zu verdanken, die ihn immer unterstützte und managte. „Sie war seine Galeristin“, beschreibt es Victoria Reiter.
Die Kunstgalerie Reiter eröffnete zunächst 1976 in der Färbergasse in Erding, nach mehrere Stationen innerhalb der Stadt wurde 2000 das kleine Haus am Rätschenbach 28 bezogen. Dort wohnte der Künstler auch. Noch immer steht im ersten Stock sein geliebtes Sofa, umgeben von Bildern und Skulpturen.
Rudolf L. Reiter machte auch mit Kunstaktionen auf sich aufmerksam. Zum Beispiel mit „Mit der Seele sehen“: Er verpackte drei Leinwände, von denen nur eine bemalt waren. Der Betrachter sollte nicht mit den Augen erkennen, sondern es erspüren, in welchem der identischen Pakete sich das bemalte Bild befand. Er hat auch schon einmal seine Bilder vergraben oder - sehr spektakulär - in einer isländischen Vulkanspalte aufgehängt.


Immer wieder seien es überraschende Begegnungen gewesen, die ihren Vater inspiriert hätten, sagt Victoria Reiter. Ihren Namen zum Beispiel verdanke sie einer solchen ungewöhnlichen Begegnung. In München habe ihren Vater einmal ein offensichtlich Obdachloser angesprochen und ihm einen Sammelband des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun angeboten. „Mein Vater war kein großer Leser und so hat sich für den dünnsten Band entschieden“, den Roman „Victoria“ von 1898. Die ergreifende Liebesgeschichte habe ihren Vater sehr beeindruckt. Er schuf zahlreiche Gemälde und Skizzen, die von der Novelle inspiriert sind.
Ihr Vater habe sich sein Leben lang mit den Themen Metamorphose und Reinkarnation beschäftigt, erklärt Victoria Reiter. Das Bild im Bundestag zum Beispiel trägt den Titel „Panta Rhei“, „alles fließt und nichts bleibt“. Auf seinem Grabstein auf dem Friedhof St. Paul in Erding trägt die Grabinschrift einen Spruch, den Rudolf L. Reiter öfter gesagt hat: „Denken Sie immer daran mich zu vergessen.“
Seine Tochter will die nach dem Abkauf verbleibenden Werke weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sei es in neuen Räumen, online oder in einem zeitlich begrenzten Pop-Up-Format. Auch Ausstellungen soll es weiterhin geben. Ans Vergessen denkt Victoria Reiter jedenfalls nicht.
Kunstgalerie Rudolf L. Reiter, Am Rätschenbach 28, Abverkauf bis Donnerstag, 13. August. Besichtigungen nur nach Terminvereinbarung per E-Mail Victoria.Reiter@t-online.de, WhatsApp oder telefonisch unter 015140160125.

