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Kunst im öffentlichen Raum:Stahl des Anstoßes

Schmidt, 24.4.2015, Erding, Tor von Harry Seeholzer am Gewerbegebiet West

(Foto: Renate Schmidt)

Das "Tor 1" von Harry Seeholzer steht zwar schon einige Monate, nach wie vor können sich einige Bürger aber nicht mit dem Kunstwerk anfreunden - und kritisieren die Stadtpolitik scharf

Von Mathias Weber

Edgar Kubetschka greift sprachlich in die Vollen: Als "Schrottskulptur", als "verrostetes Stück Pipeline", als "Monster" bezeichnet er ein Kunstwerk, über das in Erding - wieder einmal - diskutiert wird. Das "Tor I" ist es, das den 75-jährigen Rentner so aufregt; ein Kunstwerk aus braunem Corten-Stahl, das seit Anfang des Jahres auf einem Verkehrskreisel an der Dachauer Straße im Gewerbegebiet Erding-West steht. Kubetschka steht an der Spitze derer, die mit aller Macht gegen dieses Kunstwerk opponieren. Zuletzt haben er und acht Mitstreiter einen Offenen Brief an Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) und die Mitglieder des Stadtrates geschickt. Darin ziehen die Initiatoren über das Aussehen des fünf Meter hohen Kunstwerkes her, über dessen angebliche "Monstrosität und Hässlichkeit". Sie fordern eine "Entschärfung der Schrottwirkung von Tor 1 durch Verschönerung, weil es im aktuellen Zustand das Ortsbild verschandelt" und sogar aus Westen anfahrende Gäste der Stadt verschrecke. Die Gestaltung des Kunstwerkes ist Geschmackssache. Die Bürger um Edgar Kubetschka aber stören sich auch an der Entscheidungsfindung. Denn im Gegensatz zu anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum gab es beim "Tor 1" keinen Wettbewerb. Der Stadtrat hatte beschlossen, die Gestaltung der Kreisel im Gewerbegebiet Sponsoren zu überlassen. Der erste dieser Sponsoren war beim "Tor 1" die Unternehmensgruppe Hübner aus München, die das Gewerbegebiet Erding West in den vergangenen Jahren mitentwickelt hatte.

Aus dem Stadtrat selbst, so erinnert sich Oberbürgermeister Max Gotz, sei die Idee gekommen, die Gestaltung der Kreisel privaten Sponsoren zu überlassen, die dann auch die Künstler aussuchen dürften. Hübner entschied sich für den Erdinger Künstler Harry Seeholzer, der selbst für die Fraktion "Erding Jetzt" ein Stadtratsmandat innehat und schon mehrere Kunstwerke im öffentlichen Raum gestaltet hat.

Bei der Sitzung des Stadtrats am 30. Juni 2013 wurde in nicht-öffentlicher Sitzung über das Vorgehen diskutiert - und entschieden. Den Stadträten wurde der Plan Seeholzers vorgelegt, eine Art "Eingangstor" für Erding zu schaffen. Weil die Geheimhaltungsgründe der nicht-öffentlichen Sitzung noch immer bestehen, gibt es kaum Details zu der Sitzung, heißt es aus der Stadtverwaltung. In dem Offenen Brief der Kreisel-Gegner heißt es aber, dass in dem Stadtratsbeschluss von diesem 30. Juni die Rede davon sei, dass auch die anderen Kreisel in Erding-West von Seeholzer mit Kunstwerken in derselben Anmutung gestaltet werden sollen. Sponsoren sollen dann noch gefunden werden. Und offenbar wurde in dieser Sitzung heftig diskutiert: Die Freien Wähler im Stadtrat hatten Zweifel, ob es wirklich der richtige Weg sei, einem Sponsor die Gestaltung des öffentlichen Raumes zu überlassen. Am Ende, sagt die FW-Fraktionsvorsitzende Petra Bauernfeind, habe man sich aber doch der Mehrheit gebeugt, auch weil es keine Alternative zu den Plänen gegeben habe. Die Entscheidung für das Vorgehen sei dann einstimmig gefallen.

Doch warum musste das alles hinter verschlossenen Türen passieren- schließlich handelt es sich um Kunst im öffentlichen Raum, die viele Erdinger täglich zu Gesicht bekommen werden. Die Stadt spricht etwas verklausuliert von Rücksichtnahme auf "Rechtsbeziehungen und Betroffenheit von Mäzen und Künstler." OB Gotz sieht auf Nachfrage am Telefon kein Problem damit, dass das Vorgehen in nicht-öffentlicher Sitzung entschieden wurde, zumal, wie er sich erinnert, das Thema auch in öffentlichen Sitzungen kommuniziert worden sei. Auch sein Stellvertreter im Bürgermeisteramt und Kulturreferent, Ludwig Kirmair, verteidigt das Vorgehen. Manche Aspekte, zum Beispiel wie viel das Kunstwerk kostete, hätte man nicht öffentlich besprechen können. Der Preis ist im Übrigen nach wie vor nicht bekannt.

Ein hörbar genervter Max Gotz mag sich eigentlich gar nicht mehr zu dem Thema äußern. Auch Harry Seeholzer, der Künstler selbst, ist der Diskussion überdrüssig. "Wenn 100 Bürger Kritik äußern würden", sagt er, dann würde er sich einer Diskussion stellen. Aber es seien ja kaum ein Dutzend. Er bestätigt, dass ein weiteres Kunstwerk schon in Planung sei, diesmal auf dem Kreisel beim Discounter Lidl an der Sigwolfstraße. Anfang kommenden Jahres könnte das zweite Tor schon aufgestellt sein. Sponsor wird Seeholzer zufolge die Firma Lipp Markenvertrieb, die ihren Sitz in Erding West hat. Ein weiteres Kunstwerk dieser Art scheint also beschlossene Sache, was aber kommt danach? Dass Harry Seeholzer auch die anderen noch leeren Kreisel im Westen Erdings bestückt, ist wohl noch nicht abschließend ausgemacht. "Noch ist es nicht endgültig, dass dort überall Tore entstehen", sagt Kulturreferent Kirmair. Den Künstler, sagt er, könnten sich die Sponsoren ja selbst aussuchen.

© SZ vom 21.05.2015

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