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Kunst im öffentlichen Raum:Letzter Akt

Da darf man sich schon mal freuen: Nachdem in den vergangenen Jahren viele Widrigkeiten überwunden wurden, steht nun endlich das stattliche Kunstwerk "Jetzt" des Künstlers Robert Kessler. Der filigrane Bogen überspannt die Haager Straße und ist mit Symbolik vollgepackt

Von Mathias Weber, Erding

Robert Kessler kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Den ganzen Morgen lang huscht er um die Bauarbeiter, den Lastwagen und den riesigen Baukran herum, immer die Kamera im Anschlag, ständig filmend. Auch seine Frau ist dabei, auch sie macht viele Fotos. Keine Sekunde der morgendlichen Aufbauaktion will Kessler verpassen, keine Sekunde dieses, seines Erfolgs, von dem er sagt:"Es lohnt sich, durchzuhalten." Er muss wieder grinsen.

Trotz aller Probleme und Verzögerungen im Vorfeld: Am Dienstagmorgen wurde in einer aufwendigen Aktion das Kunstwerk "Jetzt" an der Haager Straße aufgestellt, gegenüber dem Alten Mauthaus, an der Brücke über die Sempt. Es steht nicht zufällig an dieser Stelle: Das Kunstwerk, das in sich in einem hohen Bogen über die Straße spannt, soll an das Haager Tor erinnern, das Jahrhunderte lang den Eingang zur Erdinger Altstadt darstellte.

Der Aufbau gestaltete sich delikat: Das Kunstwerk wurde am Montagabend bei der Firma Mühlbauer in Furth im Bayerischen Wald verladen und machte sich während der Nacht auf den Weg nach Erding. Wie es hieß, gab es dabei keine Probleme - nicht so wie vor einigen Wochen; denn das Kunstwerk hätte schon im Juli in Erding aufgebaut werden sollen, damals brach die Polizei im Bayerischen Wald den Transport aber ab, weil er zu breit war. Eine neue Genehmigung musste eingeholt werden.

Dieses Mal ging aber alles glatt; jetzt steht das Werk also an der Einmündung von der Bachinger zur Haager Straße. Vier Jahre sind vergangen, seitdem der Aschaffenburger Künstler Robert Kessler die Ausschreibung der Stadt für ein Kunstwerk an dieser Stelle gewann. Es ist vollgepackt mit Symbolik: Rein optisch erinnert der Bogen an das ehemalige Tor, der mannshohe Sockel hat die Form eines Pfluges, dem Symbol Erdings, das sich auch in dessen Wappen wiederfindet. Aber "Jetzt", so sagt Kessler, widmet sich ausführlich dem Thema "Zeit": Der Bogen ist zweigeteilt, eine Seite - die der Altstadt zugewandt ist - steht für die Vergangenheit, der Stahl auf dieser Seite ist matt. Die andere Seite ist glänzend poliert, sie ist der Neustadt zugewandt und steht für die Zukunft. Dazwischen, auf der Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, ist eben nun "Jetzt". Dieses "Jetzt" soll der Passant wahrnehmen: Etwa dadurch, dass er sich selbst in dem Glanz des Pfluges spiegelt; oder durch die Lichtinstallation an der Unterseite des Bogens: Die LED-Leiste leuchtet zu den Zeiten wie auch die normale Straßenbeleuchtung. Näher sich aber ein Passant oder ein Fahrzeug dem Kunstwerk, fängt das Licht leicht zu pulsieren an. Künstler Kessler will die Erdinger mit dem Werk zu einer "bewussten Begegnung mit der Kostbarkeit des Augenblickes" einladen. Die Kostbarkeit mancher Augenblicke lernten am Dienstagmorgen auch einige Autofahrer und Passanten kennen: Wegen der Arbeiten war die Haager Straße an der Brücke über die Sempt zwei Stunden komplett gesperrt. Ganz langsam wurde der liegende Bogen erst vom Laster herunter gehoben, dann aufgestellt und schließlich auf sein Fundament gehoben und dort festgeschraubt. Dieses Fundament ist eine Besonderheit der ganzen Konstruktion: An dem gewünschten Standort für das Kunstwerk verläuft eine Erdwärmeleitung, auf der der Bogen zur Hälfte steht. Befestigt wird die Konstruktion daher nur zur Hälfte auf einem Betonfundament, das neben der Leitung liegt. Das sieht seltsam aus, hält aber offensichtlich.

Damit der filigrane Bogen aber nicht nur stehen bleibt, sondern auch bei Wind und Wetter nicht umfällt, musste einiges beachtet werden. Als erste Hürde hatte sich nach der Entscheidung des Stadtrats für Kesslers Werk das Belastungs- und Schwingungsverhalten des Bogens aufgetan. Die Stadt Erding beauftragte einen Prüfstatiker, der testen sollte, ob der Bogen auch Stürmen stand hält; Versuche im Windkanal wurden durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Statik von Kesslers Entwurf nicht perfekt war. Ihm zufolge musste der Bogen verstärkt werden, und diese Verstärkung sieht man auch: Es ist der rote Kamm auf dem Bogen, der dem Werk die gewünschte Stabilität verleiht. Das ganze Hin und Her hat nicht nur dem Bauamt und dem Künstler viele Nerven gekostet, sondern der Stadt auch viel Geld: Ursprünglich hatte man mit Kosten von 100 000 Euro für das Werk gerechnet, bald war aber klar, dass das nicht reichen wird. Ein zweites Angebot Kesslers in Höhe von 200 000 Euro war der Stadt zu teuer, der Planungs- und Bauausschuss hat schließlich 150 000 Euro gebilligt. Wie viel es am Ende nun wirklich wurde, dazu wollte Künstler Kessler am Dienstag noch keine Stellung nehmen. Erst einmal solle das gesamte Werk von der Stadt abgenommen werden.

Der Künstler

Es ist sein bisher größtes Kunstwerk: Der Aschaffenburger Künstler Robert Kessler hat das Werk "Jetzt" geplant, das nun an der Haager Straße steht. Der 1956 in Nürnberg geborene Kessler macht so genannte Social Kinetic Art: Er nutzt das Prinzip der Bewegung, der Kinetik, und macht mechanische Vorgänge zu Analogien menschlicher Phänomene. Kesslers Werk umfasst interaktive Objekte, Installationen, Performances und Video-Arbeiten. Kunst im öffentlichen Raum hat Kessler, der in München Malerei studiert hat, für Unternehmen und Kommunen geschaffen. webe

In den kommenden Tagen wird das Bauamt den kleinen Platz um das neue Kunstwerk fertigstellen, im September soll dann die offizielle Einweihung folgen. Bis dahin wird sich auch die Bevölkerung in Erding ein Urteil über "Jetzt" machen können. Ob es wohlwollend ausfällt oder es wie bei anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum zu Beschwerden kommt, wird sich zeigen. Robert Kessler sagt, er habe schon gehört, dass es in Erding immer wieder Diskussionen um Kunstwerke gebe. "Ich bin auf die Reaktionen gespannt", sagt er. Und grinst.

© SZ vom 12.08.2015

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