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Kreismusikschule Erding:Ein bisschen Zauberei

Zum ersten Mal kommen junge Talente der Internationalen Musikakademie München nach Erding, um unter Professor Wolfgang Manz ihr Klavierspiel zu verfeinern. Ein Glücksfall für Erding

Still setzt sich Ayumi Morisaki ans Klavier. Sie atmet tief ein, hebt ihre Hand und bewegt sie filigran auf die Tasten zu, dann wiederholt sie die Bewegung, bevor ihre Finger schließlich auf die Klaviatur treffen, der erste Ton erklingt und es beginnt, worüber ihr Lehrer und weltweit erfolgreicher, preisgekrönter Pianist, Professor Wolfgang Manz, später schlicht sagen wird: "Da hätte Bach seine wahre Freude dran."

Ayumi Morisaki ist eine der wenigen ausgewählten jungen Talente, die in diesem Jahr an einem Meisterkurs der Internationalen Musikakademie München teilnehmen. Aus Japan sind sie nach Deutschland gekommen, um hier von erfahrenen Künstlern zu lernen. Eine Chance, die Kumi Konaga Jugendlichen seit nunmehr elf Jahren eröffnet. Damals gründete sie die Akademie, um zunächst japanischen Musiktalenten die Chance zu geben, Musik in Deutschland ganz neu zu erleben. "In Japan bemühen sich viele junge Musiker um Perfektion, wissen aber nicht, in der Musik zu sprechen", erklärt Konaga. "An der Mühe um Perfektion gehen viele junge ernsthafte Musiker seelisch kaputt." In Deutschland sei das anders. "In Deutschland lebt die Musik. Hier findet man die Inspirationsquellen von Beethoven, Schumann oder Brahms. Die Musik ist hier kein statisches Objekt, wie wir es in Japan kennen."

Konaga ist eine Frau, die die Fröhlichkeit für sich gepachtet zu haben scheint. Immer wieder lacht sie, strahlt über das ganzes Gesicht. Ihr ist anzumerken, wie viel ihr das bedeutet, was sie hier erschaffen hat. Sie spricht davon, wie die Kinder im Kindergarten in Japan schon lernen, mit anderen im Gleichschritt zu marschieren und wie sie sich bemühen um Korrektheit und Makellosigkeit. Und davon, wie das Wesentliche an der europäischen Musik aber die Individualität ist, wie die europäische Musik einem Künstler erlaubt, seine ganz eigene Sprache zu finden und zu sprechen.

Was vor elf Jahren klein begonnen hat, ist seitdem stetig gewachsen. Inzwischen unterrichten zehn Professoren in fünf Fächern jährlich etwa 100 junge Musiker aus mehr als 30 Ländern. Ihr Zuhause hatte die Akademie bisher in München, im Pianohaus Lang. Doch Anfang des Jahres wurde klar, dass der Förderkreis für klassische Musik dort seine Räumlichkeiten verlieren würde. "Die Termine für die Sommerakademie standen schon seit einem Jahr fest", erinnert sich Konaga. "Und wir hatten zu dem Zeitpunkt schon viele Anmeldungen. Verzweifelt suchten wir überall in München ein neues Zuhause - vergeblich." Doch dann passierte das, was Konaga als "Wunder" bezeichnet.

Internationale Musikakademie München

Die 21-jährige Ayumi Morisaki ist schon zum zweiten Mal bei einem Meisterkurs dabei. Prof. Wolfgang Manz attestiert ihr, "eine sehr feine Art zu spielen". Bei ihr gehe es nur noch darum ihr ganz eigene Sprache am Flügel zu finden.

(Foto: Verein Asia-Europe Academy of Music/oh)

Bernd Scheumaier, Leiter der Kreismusikschule Erding, bot seine Hilfe an und stellte seine Musikschule mit Konzertsaal und Probenräumen zur Verfügung. "Das ist eine hochkarätige Sache, die ich schon lange im Blick habe", sagt Scheumaier. "Und nun gibt es die Möglichkeit, dass sich das alles hier weiterentwickelt." Dass der Pianokurs der Akademie nun in Erding stattfindet, hat aber auch für die eigenen Musikschüler Vorteile: "Unsere Schüler können ebenfalls an dem Meisterkurs teilnehmen. Und nicht nur sie, auch die Lehrer, der gesamte Fachbereich."

Jeder Teilnehmer bekommt während des Meisterkurses zwischen drei und sechs Mal persönlichen Unterricht. Ausgewählt wurden sie nicht nach einem bestimmten Verfahren. "Wir nehmen die ersten acht bis elf angemeldeten Studenten und Schüler auf", sagt Kumi Konaga. "Wir wollen jedem, der lernen will, die Chance dazu geben." Die Stücke, an denen dann geübt wird, haben die Jugendlichen zu Hause, in ihren Heimatländern vorbereitet. Manche üben schon seit vier Monaten daran, oft für Wettbewerbe oder Aufnahmeprüfungen.

Ayumi Morisaki ist schon zum zweiten Mal bei einem Meisterkurs dabei. Die 21-Jährige hat, wie Professor Manz ihr attestiert, "eine sehr feine Art zu spielen". Was er ihr schließlich in seinem Unterricht zeigt, das ist keine Verbesserung von Fehlern mehr. Es ist, wie er sagt, "nur noch eine Idee, ein Vorschlag, das klangliche Profil zu verfeinern". Den Klang voll ausschöpfen, dem Stück einen eigenen Charakter geben, mit dem ganzen Körper spielen, darum geht es - eben darum, seine ganz eigene Sprache zu finden. "Bach hat als erster die Synkope wirklich genutzt", erklärt Manz. "Davon leben seine Fugen. Wie ein Swing oder ein Jive. Ein barocker Swing." Die Ernsthaftigkeit, mit der hier alle bei der Sache sind, ist jedem Einzelnen anzumerken. Was hier entsteht, hat eine Bedeutung, das zeigen sie deutlich.

Kumi Konaga (links), die Gründerin der Akademie, ist dabei, wenn Professor Wolfgang Manz ihre Schülerinnen unterrichtet.

(Foto: Renate Schmidt)

Neben der Musik lernen die Jugendlichen in Deutschland aber auch noch etwas anderes kennen - die Menschen. Denn sie bleiben nicht unter sich, sondern sind bei mehreren Gastfamilien untergebracht. Diese "entlasten die jungen Musiker nicht nur finanziell, sondern geben ihnen die wertvolle Chance, das hiesige Leben und die Menschen von Bach, Beethoven und Schumann hautnah kennen zu lernen", sagt die Akademiegründerin.

Doch die Musikakademie über die Jahre hinweg aufrechtzuerhalten, ist nicht einfach. Noch weniger jetzt, wo die Akademie ihre Räume verloren hat. "Wo unsere Akademie von 2020 an willkommen ist, steht noch in den Sternen", sagt Konaga. "Unser gemeinnütziger Verein hat keinen Sponsor. Es ist eigentlich unmöglich, so eine Akademie ohne Sponsoren zu erhalten. Wir arbeiten seit der Gründung konsequent und ehrenamtlich bis an die Grenze." Doch Bernd Scheumeier erhofft sich, dass die Zusammenarbeit zwischen der Musikakademie und der Musikschule in Erding auch über 2019 hinaus besteht. "Wir wollen die Kurse der Akademie auch weiterhin in Erding platzieren", sagt er. Schließlich profitierten alle davon.

Und noch etwas anderes findet in Erding statt: Am Samstag, 7. September, geben die Schülerinnen und Schüler des Meisterkurses bei Professor Manz um 15 Uhr im Saal der Kreismusikschule ihr Abschlusskonzert.

Dann zeigt sich, was die Musikakademie für Konaga ist: "Ein alle Grenzen überschreitender Treffpunkt." Und Ayumi Morisakis Hände werden wieder beherrscht über die Tasten fliegen, der Saal wird erfüllt sein von einem tiefen melancholischen Klang, und in sich gekehrt wird Morisaki am Klavier sitzen, die Augen kaum auf die Notenblätter gerichtet. Sanft lächelnd wird sie dann vielleicht, wie in den Proben auch, immer wieder nach oben schauen, ohne die Decke wirklich zu sehen, dann wieder auf das, was ihre Hände tun. Und dies alles wird dem gleichkommen, was ihr Lehrer im Unterricht verlangte: "Ein bisschen müssen wir auch zaubern können."