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Kommunalwahl in Isen:Zusammenhalt statt Spaltung

"Warten auf den Bus", das tun in Isen der grüne Bürgermeisterkandidat Florian Geiger und der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck. Ein Bus kommt nicht - dafür aber viele Besucher und Landratskandidat Hans Schreiner

Vor Uschis Kaufladen in Isen sieht es am Mittwochnachmittag nach Frühling aus - trotz vier Grad und einzelner Schneeflocken, die immer mal wieder vom Himmel fallen. Bierbänke stehen dort, auf den Tischen Blumengedecke und Weidenkätzchen. Und nicht nur die Tische und kleinen Zelte sind grün, es scheint fast, als sei auch das Gemüse des kleinen Lebensmittelladens so ausgesucht worden, dass es draußen grün um die Wette leuchtet. Schließlich ist es wichtiger Besuch, den die Isener Grünen um Bürgermeisterkandidat Florian Geiger an diesem Nachmittag erwarten: Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, hat sich als Unterstützung im Kommunalwahlkampf angekündigt.

Florian Geiger, Robert Habeck, Hans Schreiner und Helga Stieglmeier studieren den Busfahrplan in Isen.

(Foto: Renate Schmidt)

Für Florian Geiger und seine Frau Lena Geiger, Spitzenkandidatin der Grünen in Isen, ist der Besuch etwas Besonderes. Den Wahlkampf vor Ort erleben beide als sehr positiv. "Die Leute interessieren sich. Sie kommen auf einen zu. Man merkt, dass die Chance da ist, dass sich hier nach 24 Jahren etwas ändert", sagt Florian Geiger. So lange war Siegfried Fischer (Freie Wähler) Bürgermeister. Aber jetzt möchte Geiger seinen "Ort von vorne mitgestalten".

Und dann tritt ein Lächeln auf seine Lippen, die Köpfe drehen sich um. Die Straße entlang geschlendert kommt Robert Habeck, die Hände in den Hosentaschen. Haferlschuhe hat der Mann aus dem Norden angezogen, der von 2012 bis 2018 Minister in Schleswigholstein war. Das darf man wohl als Statement werten.

Dass die Grünen in Bayern noch irgendwie fremd wären, merkt man hier ohnehin nicht. Nicht an den Gästen, die schnell mehr werden und den Platz vor dem Kaufladen und den Hügel zur Straße hinauf säumen. Und auch nicht an Robert Habeck, der ganz selbstverständlich hier auftritt. "Ich habe den Wahlkampf immer wieder begleitet. Die Stimmung, die ich hier unter den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern erlebe, ist großartig", sagt er. Nicht nur interessierte Wählerinnen und Wähler hat Habeck an diesem Tag nach Isen gelockt, auch viele Grüne, darunter Helga Stieglmeier, Kreisvorsitzende in Erding, oder Maria Feckl, Bürgermeisterkandidatin in Forstern. Und auch Landratskandidat Hans Schreiner (Freie Wähler) ist gekommen.

Der Öffentliche Personennahverkehr war das Hauptthema an diesem Tag.

(Foto: Renate Schmidt)

Um den ÖPNV soll es an diesem Tag gehen. Und so studieren Schreiner, Habeck und Geiger erst mal den Fahrplan der Bushaltestelle. "Warten auf den Bus", heißt die Veranstaltung. Und, kommt der Bus? "Zu selten", sagt Habeck. So kämpfen die Grünen vor Ort für bessere Busverbindungen und eine engere Taktung. Dass die Gemeinden bei zusätzlichen Busverbindungen zuzahlen müssten, bemängelt Geiger. Und Schreiner kritisiert: "Der Landkreis übernimmt keinerlei Koordinationsfunktion." An Habeck gerichtet, sagt Geiger: "Es ist wichtig, dass Berlin weiß, mit welchen Themen wir vor Ort kämpfen", und wünscht sich, dass vom Bund mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. "Damit habe ich eine Qualifikation zum Bürgermeister schon bewiesen", sagt er. "Nämlich Geld von höheren Ebenen zu fordern. Die ist damit abgehakt." Nichts, was Habeck von sich weisen würde: "Den Wunsch nach mehr Geld will ich mir hinter die Ohren schreiben, wenn wir politisch mal wieder was zu sagen haben", verspricht er und hebt die Wichtigkeit des ÖPNV auch auf eine ideelle Ebene. Ganz abgesehen vom Klimaschutz betreffe dieser auch die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse". Junge Menschen ohne Führerschein oder ältere Menschen, die sich nicht mehr trauen würden Auto zu fahren, sollten auch nach Erding oder München kommen. Zudem sei darüber auch ein Gegenentwurf zur Vereinzelung der Gesellschaft möglich. Räume schaffen, in die Menschen mit unterschiedlichen Milieuinteressen kommen, darum gehe es. "Damit wir den Laden zusammenhalten, statt immer nur weiter zu spalten", sagt Habeck.

Florian Geiger, Bürgermeisterkandidat der Grünen in Isen, stellt sich auch den Fragen der Bürgerinnen und Bürger.

(Foto: Renate Schmidt)

Als er sich im kleinen Gasthof gegenüber über eine Tasse heiße Schokolade beugt, spricht er über den Wahlkampf in Bayern. Die Stimmung im Land erlebt er als eine sehr bewusste: "Wahlentscheidungen werden vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Debatte getroffen", sagt er und macht drei große Themen aus, um die es ihm geht: Das eine ist der Klimaschutz. Hierzu zählt er auch den Personennahverkehr - daher dieser Tag, daher diese Veranstaltung. Das zweite ist der demokratische Zusammenhalt. "Extreme Worte führen zu extremen Taten. Sprache bildet nicht nur die Wirklichkeit ab, sie erschafft auch Wirklichkeit. Mit Sprache schafft man Bilder in den Köpfen der Menschen." Das dritte Thema sieht er in der Verfasstheit der Parteien. "Hier gibt es eine große Erwartungshaltung den Grünen gegenüber. Es geht um die Frage: Wer organisiert Verantwortung und wer ist bereit, sie zu tragen?" Dass die Grünen das sein wollen, auf Bundesebene wie auch auf kommunaler Ebene, daran lassen ihre Vorsitzenden keinen Zweifel aufkommen. Auch der Problematik der hohen Mieten im Münchner Raum möchte Habeck etwas entgegensetzen. Er plädiert dafür, gemeinnütziges Bauen zu erleichtern, Spekulationen mit Baugrund zu unterbinden, bei bestehenden Mieten die Mietpreisbremse zu verschärfen und die Gebäudesanierungsumlage zu reduzieren. Und noch einen Vorschlag macht er: den des Wohnungstauschs. Damit könnte eine alte Frau, die seit Jahren in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung lebt und diese nicht mehr braucht, die Wohnung mit jemandem in einer kleineren Wohnung tauschen, während die alten Mietverträge erhalten blieben.

Nach gut anderthalb Stunden dann verlässt er Isen wieder. "Dass sich an einem kalten Nachmittag hundert oder zweihundert Leute die Zeit nehmen, ist immer wieder erstaunlich", sagt er. "Das ist eine schöne Form des gegenseitigen Austauschs." Und auch Lena Geiger ist zufrieden. "Ich bin immer noch etwas aufgeregt", sagt sie.

© SZ vom 05.03.2020
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