bedeckt München
vgwortpixel

Kommunalwahl im Landkreis Erding:Nachholbedarf

Dass Frauen in der Politik im Landkreis Erding unterrepräsentiert sind, findet keiner gut. "Wer keine findet, der kümmert sich auch nicht darum", sagt Helga Stieglmeier.

Sabine Huber hat in Bockhorn geschafft, was für die CSU eine absolute Ausnahme ist: Sie tritt nicht nur selbst als Bürgermeisterkandidatin an. Auch ihre Liste von CSU und Unabhängigen Bürgern ist paritätisch besetzt. Für die Grünen ist es selbstverständlich, dass mindestens so viele Frauen wie Männer kandidieren, andere Parteien tun sich damit schwer. Und so sieht es dann auch aus in der Kommunalpolitik: Im Kreistag sind unter 60 Kreisräten 18 Frauen. Sechs von 26 Gemeinden werden von einer Frau als Bürgermeisterin geführt. Und bei der Kommunalwahl kandidieren nur in zehn Gemeinden Frauen für das Spitzenamt. Auch die Listen sind vielfach von Männern dominiert.

Wie Sabine Huber es geschafft hat, ihre Liste paritätisch aufzustellen, weiß sie selbst nicht so genau, wie sie sagt. Bewusst angestrebt habe sie das nicht. Sie habe aber erlebt, dass ihre Kandidatur andere Frauen ermutigt habe. "Du machst das? Das find ich cool. Da geh ich auch dazu", habe die eine oder andere gesagt. Sie gehe viel unter die Leute, sagt Huber, sie gehe offen auf die Menschen zu und bemühe sich um eine freundliche Kommunikation. Da sei das mit der Liste "ganz von allein gegangen."

Büroleiterin

Helga Stieglmeier.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Es geht also doch, auch in der CSU. Aber nicht überall. In Pastetten kandidiert Matthias Zimmerer für die CSU als Bürgermeister, nach 18 Jahren tritt Cornelia Vogelfänger nicht mehr an. Auf seiner Gemeinderatsliste findet sich jedoch nur noch eine einzige Frau. "Leider", sagt Zimmerer. "Ich bin ein Fan von Frauenpower. Ich lebe in einem Haushalt mit fünf Frauen. Und auch im Gemeinderat erlebe ich das: Wenn eine Frau kommt, dann müssen sich die Männer warm anziehen." Warum hat er es dann nicht geschafft, mehr Frauen auf seine Liste zu bringen? Warum lehnt er eine Frauenquote ab, wie er sagt? "Vielleicht war ich als Spitzenkandidat zu wenig charmant", überlegt er. "Ich habe um Frauen gerungen. Aber ich kann ja keine in Handschellen dazu zwingen." Frauen würden sich fürchten, denkt Zimmerer. Und sie hätten zu wenig Zeit, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und das mit einem politischen Engagement zu verbinden. Dafür seien Frauen zu perfektionistisch und wollten alles immer zu 100 Prozent machen. Und wie schaffen das die Grünen? "Grün ist in, Grün ist ein Modetrend. Vielleicht lassen sich Frauen von einem Modetrend leiten", sagt Zimmerer.

Das dürfte Helga Stieglmeier, Vorstandssprecherin in Erding und frauenpolitische Sprecherin im Grünen-Landesvorstand, anders sehen. "Die anderen wollen es nicht schaffen", sagt sie. "Ohne Quote kommen wir nicht weiter." Die Gesprächskultur in Stadt- und Gemeinderäten und im Kreistag wäre anders, wenn die Hälfte der Mitglieder aus Frauen bestünde. Stieglmeier kritisiert das zum Teil frauenfeindliche Klima: "Als Frau wird man leicht nicht ernst genommen", sagt sie. "Während es bei einem Mann heißt, er kämpfe leidenschaftlich für seine Sache, gilt man als Frau als hysterisch." Zudem kritisiert sie, als Frau noch immer des Öfteren auf ihr Aussehen reduziert zu werden. "Es ist ja auch nicht so, dass Frauen sich nicht engagieren würden", sagt Stieglmeier. "Nur eben ehrenamtlich und nicht in der Politik." Auch weil so viele Männer abschreckend wirkten. Das sei bei den Grünen anders. "Wir haben sehr viele Frauen als Mitglieder. Wir definieren uns als feministische Partei. Und wir bieten die richtigen Strukturen für Frauen", sagt sie. "Das ist auch ein Kreislauf: Frauen ziehen Frauen an." Sie fordert familienfreundlichere Strukturen, andere Zeiten für Sitzungen und Kinderbetreuungsangebote. Ebenfalls könnten Frauen mit Veranstaltungen wie einem Frauenfrühstück gezielt angesprochen werden. "Da geht man leichter hin, da nimmt man vielleicht auch noch eine Freundin mit, das ist einfach entspannter", sagt Stieglmeier.

Petra Bauernfeind.

(Foto: Renate Schmidt)

Überall klappt das aber auch bei den Grünen nicht: In Ottenhofen gibt es fünf aktive männliche Mitglieder, aber keine Frau. Deswegen konnten die Grünen nicht mit einer eigenen Liste antreten, landeten dann aber auf einer gemeinsamen Liste mit der amtierenden Bürgermeisterin Nicole Schley (SPD). Befriedigend sei das nicht, sagt der Grüne Stefan Gentschew - und der Ehemann von Nicole Schley. "Wir haben noch keinen Ortsverein in Ottenhofen." Die Männer wollten aber auch Frauen für grüne Politik begeistern. Es sei "eine uralte DNA der Grünen", dass mindestens die Hälfte der Mandatsträger Frauen seien. Frauen-, aber auch Jugendpolitik könne man nur mit Frauen und Jugendlichen machen - nicht über sie. Außerdem gäbe es auch spezifische frauenpolitische Themen, bei denen bei den Grünen nur Frauen an Lösungen arbeiten oder abstimmen würden, damit die Männer den Diskurs nicht verwässern. Stieglmeier urteilt ungnädig, nicht nur über die Grünen in Ottenhofen, sondern über alle Parteien: "Wer keine Frauen findet, der kümmert sich auch nicht darum."

Kritisch sieht die SPD-Politikerin Nicole Schley die Frauenquote. Man sehe vor Ort, dass sich die Grünen mit ihrer Regelung schwer täten, sagt sie. "Eine Frau sollte in den Job kommen, weil sie es drauf hat und nicht wegen einer Quote." Dass Frauen zögern, in die Politik zu gehen, sieht sie als ein gesamtgesellschaftliches Problem, auch wenn Unterschiede zwischen den Parteien unverkennbar seien: Die Grünen seien eben gerade sexy. Und bei der CSU herrsche immer noch das Patriarchat. Insgesamt aber nimmt sie wahr, dass die Menschen immer mehr von der Politik erwarteten. Zudem würden Politiker beschimpft und bekämen Morddrohungen. "Da muss man sich doch auch mal fragen: Wer tut sich das denn noch an?" Generell brauche man in der Politik ein dickes Fell. Man sei Angriffen ausgesetzt. Frauen seien empathischer, es falle ihnen schwerer, Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Seehofer in Erding

Ulrike Scharf.

(Foto: Stefan Görlich)

Doch die Überzeugung wächst, dass die Quote sinnvoll ist. Petra Bauernfeind tritt für die Freien Wähler in Erding als OB-Kandidatin an, auch ihre Partei hat bei der Gleichstellung von Frauen Nachholbedarf. Auf der Liste für den Stadtrat stehen elf Frauen auf 40 Plätzen, für den Kreistag 17 Frauen auf 60 Plätzen. Bauernfeind beneidet die Grünen ein bisschen darum, dass sie es schaffen, ihre Listen paritätisch zu besetzen. Sie habe sich umgehört, eigentlich sagten alle dasselbe: Es gehe nur mit Quote. Auch sie selbst denke, "es braucht eine Quote, um Schwung in die Sache zu bringen. Frauen sind einfach unterrepräsentiert."

Dass Frauen nicht von sich aus in die Kommunalpolitik drängen, dafür gibt es Gründe. "Das Klima im Kreistag verschreckt Frauen schon zum Teil", sagt Bauernfeind. "Wenn eine Frau etwas kritisiert, dann macht der Landrat schon mal spöttische oder süffisante Bemerkungen, die er so bei Männern nicht macht." Auch in einem anderen Punkt pflichtet sie Stieglmeier "zu hundert Prozent" bei: Wenn eine Frau leidenschaftlich für eine Sache kämpfe, würde sie als hysterisch und zu emotional abgestempelt. Sie erlebe aber auch in der Bevölkerung Vorbehalte: Bei einer Bürgerversammlung habe ein Mann immer nur von den "Herren Stadträten" gesprochen.

Bauernfeind nimmt aber auch die Frauen in die Pflicht: Es fehle ihnen an Mut, sie müssten sich mehr trauen. Für Männer sei es immer noch selbstverständlicher, abends auf eine Veranstaltung zu gehen. Dabei könnte man sich ja zu Hause absprechen und der Mann abends die Kinderbetreuung übernehmen.

Wenn man Janine Krzizok fragt, klingt das ganz anders: Sie sitzt als eine von drei Frauen für die CSU im Erdinger Stadtrat. Schwer gefallen sei ihr das nicht, betont sie. Ganz im Gegenteil würde OB Max Gotz Frauen sehr fördern. "Ich fühle keine Benachteiligung." Tatsächlich hat Gotz sie auch bei der Aufstellung für die jetzige Liste als eine von vier Spitzenkandidaten gesetzt, die im Block vom Ortsverein abgenickt wurden. Dass sie im Stadtrat fast nie was sagt, sieht sie nicht als hinderlich an. "Wir diskutieren intern viel, und da tue ich meine Meinung auch kund", sagt sie. "Im Stadtrat muss ich nicht wiederholen, was schon gesagt wurde." Eine Quotenregelung hält sie nicht für sinnvoll. "Wenn Frauen gut sind, können sie es auch schaffen", sagt Krzizok. "Wenn ich als Frau Diskriminierung erfahren hätte, würde ich das vielleicht anders sehen. Aber ich habe es eher so erlebt, dass ich gefördert werde, eben weil ich eine Frau bin." Sie sieht die Problematik eher in einem Zeitfaktor. Wer jung sei wie sie und noch keine Kinder habe, tue sich leichter.

Anders sieht das Thema Quote Ulrike Scharf, Landesvorsitzende der Frauen Union, Mitglied im Bayerischen Landtag und CSU-Kreisrätin in Erding. "Ich will keine Quote. Ich wünschte, man müsste darüber gar nicht reden", sagt sie. "Und ich wollte auch nie eine Quotenfrau sein." Dennoch sei sie aber zu dem Schluss gekommen: "Es geht nicht ohne Quote." Scharf bedauert den sehr geringen Anteil von Frauen auf den Listen der CSU. Sie gibt aber zu bedenken, dass Frauen auch bereit sein müssten, Verantwortung zu übernehmen. "Wenn man einen Mann fragt, ob er auf die Liste vom Stadtrat will, dann spannt er erst mal seinen Bizeps an und sagt: 'Logisch!' Wenn man eine Frau fragt, beginnen bei ihr die Selbstzweifel." Auch sie fordert von den Frauen mehr Mut. Und wenn Frauen gewählt seien, sollten sie in den Finanz- oder Verkehrsausschuss gehen und sich nicht den typischen Frauenthemen wie Gesundheit oder Sozialem widmen. "Alle Politik ist Frauenpolitik", sagt Scharf.

Historisch betrachtet sei Politik eine Männerdomäne. Da sei man auf einem guten Weg, sagt Scharf. Auch die Gleichberechtigung zu Hause, eine Voraussetzung für Gleichberechtigung in der Politik, sei ein Prozess, der reifen müsse. "Frauen haben etwas zu sagen. Sie sind bestens qualifiziert. An mangelnder Erfahrung und Kompetenz kann es also nicht liegen, warum Frauen nicht in die Politik gehen."

© SZ vom 07.03.2020
Zur SZ-Startseite