Hohe Behandlungsstandards:Jede Minute zählt

Hohe Behandlungsstandards: Leitende Oberärztin Kerstin Dembowski (Mitte) mit Petra Hocke, Teamleitung SAE I Stroke Nurse (rechts), und Teamleiterin und Pflegewirtin Ursula Wahl.

Leitende Oberärztin Kerstin Dembowski (Mitte) mit Petra Hocke, Teamleitung SAE I Stroke Nurse (rechts), und Teamleiterin und Pflegewirtin Ursula Wahl.

(Foto: Klinikum Erding/oh)

Seit zehn Jahren gibt es die Schlaganfalleinheit am Klinikum des Landkreises Erding. Die zertifizierte Stroke Unit nimmt nach Einschätzung der Leitenden Oberärztin im Vergleich zu ähnlich großen Krankenhäusern eine Ausnahmestellung ein.

Von Isabella Stuffer, Erding

Die Schlaganfalleinheit (SAE oder Stroke Unit) des Klinikums des Landkreises Erding feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Bereits im Jahr 2022 wurde sie nach den Standards der Deutschen Schlaganfallgesellschaft und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zertifiziert. Die Leitende Oberärztin Kerstin Dembowski freut sich über diese offizielle Bestätigung der hohen medizinischen Qualität, quasi zum Jubiläum. "Unsere Stroke Unit ist eine absolute Ausnahmestation. Ähnlich große Krankenhäuser verfügen in der Regel nicht über vergleichbare Behandlungsstandards", sagt sie.

Die Stroke Unit ist vor zehn Jahren als spezialisierte, interdisziplinäre Abteilung ins Leben gerufen worden, die sich ausschließlich der Behandlung und Versorgung von Schlaganfallpatienten und -patientinnen widmet und die aus einem Projekt angehender Schlaganfallfachkräfte hervorgegangen ist. Diese gestalteten die Abteilung nach psychologisch-kunsttherapeutischen Maßgaben so, dass sie sowohl räumlich als auch optisch speziell auf die Bedürfnisse von Patient, Patientin und Personal zugeschnitten ist. "Alleine der Fakt, dass ein Patient auf einer Schlaganfallstation liegt, sorgt dafür, dass die Patienten nach der Akutphase ein besseres Outcome haben", erklärt Dembowski.

Im Klinikum in Erding besteht das rund 20-köpfige Team der Stroke Unit aus Spezialisten und Spezialistinnen der Disziplinen Innere Medizin, Neurologie, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Fachpflege und Sozialdienst, die sich in täglichen Konferenzen austauschen. So lassen sich die gefürchteten schweren Folgeschäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen besser verhindern. Eine enge Zusammenarbeit besteht auch mit der Notaufnahme, der Kardiologie sowie der Radiologie. "Die Pflegenden sind das Rückgrat der Station", betont Dembowski, "sie sind bei jedem Therapieschritt dabei und haben dadurch eine allumfassende Kenntnis über unsere Patienten." Im Klinikum in Erding arbeiten zudem extra ausgebildete Fachkräfte für Schlaganfallpatienten beziehungsweise "Stroke Nurses".

Die Abteilung verfügt über vier Wachbetten und vier weitere Nachsorgebetten, womit man sogar von einer "Comprehensive Stroke Unit" (umfassende Schlaganfalleinheit) sprechen kann. Von den durchschnittlich drei bis fünf Tagen Aufenthalt in der Stroke Unit verbringen die Patienten 24 bis 72 Stunden in den Wachbetten. "Die permanente Überwachung unmittelbar nach der Einlieferung ist essenziell, denn nach dem ersten Ereignis folgt oftmals ein noch schwereres", erläutert Dembowski. Bis einschließlich November behandelte die SAE 420 Fälle, im Jahr 2022 waren es noch 412, 2021 gar erst 367.

Unterstützung gibt es aus den Schlaganfallzentren in München-Harlaching und Regensburg

Die SAE des Erdinger Landkreis-Klinikums ist an das Tempis-Schlaganfallnetzwerk angeschlossen. Dabei erhalten 24 regionale Kliniken in Südostbayern rund um die Uhr kompetente Unterstützung durch die beiden Schlaganfallzentren in München-Harlaching und in der Universitätsklinik Regensburg. Hierbei wird per Videokonferenz ein Schlaganfall-Experte aus einem der Zentren hinzugeschaltet, der den Patienten zusammen mit dem Arzt aus der regionalen Klinik neurologisch untersucht. Gleichzeitig werden die Computertomografie-Bilder des Patienten zur Beurteilung in das jeweilige Zentrum überspielt. Somit kann der Schlaganfallexperte schnellstmöglich entscheiden, welcher Therapieansatz optimal für den Patienten ist. Im Regelfall kann der Patient so über den gesamten Therapieverlauf in der wohnortnahen regionalen Klinik verbleiben.

Auch besteht Zugriff auf das Flying Intervention Team (FIT). Es besteht aus neuroradiologischen Interventionisten und Angiografieassistenten. Ist in Erding eine Thrombektomie - das ist die Eröffnung eines Blutgefäßes im Falle des Verschlusses - indiziert, fliegt das Flying Intervention Team mittels Hubschrauber unmittelbar dorthin und führt die Intervention vor Ort durch. Der Eingriff kann hierdurch viel schneller vorgenommen werden als nach einer Verlegung in ein Interventionszentrum. 2023 war das bereits 13 Mal der Fall.

Zur weiteren Verbesserung von Abläufen und Therapie führt die Stroke Unit regelmäßige Übungen und Simulationen durch. Etwa im Juli 2023, als Ärzte, Ärztinnen und Pflege der SAE, die Notaufnahme, die Innere Abteilung und die Radiologie die Abläufe von der Rettungsdienst-Übergabe in der Notaufnahme bis zur Lysetherapie (starke Blutverdünnung, die in die Vene gegeben und zur Auflösung von Blutgerinnseln eingesetzt wird) auf der Schlaganfallstation unter realen Bedingungen durchspielten. "Derartige Trainings stellen wichtige Schritte zur kontinuierlichen Verbesserung der Schlaganfallversorgung dar. Wir nutzen die gewonnenen Erkenntnisse, um die Versorgungsqualität weiter zu optimieren", erläutert Dembowski. Dabei gehe es neben einer weiteren Verkürzung der Behandlungszeit, die bei einem Schlaganfall entscheidend ist, auch um die Steigerung der Mitarbeitendenzufriedenheit.

Die Pflegeleiterin wünscht sich eine positivere Darstellung ihres Berufs in der Öffentlichkeit

Die geplante Krankenhausreform von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) befürworten sowohl Dembowski als auch Ursula Wahl, die Pflegeleiterin der Schlaganfalleinheit, grundsätzlich. In Notfallsituationen wie einem Schlaganfall jedoch "zählt jede Minute, und die sollten wir nicht durch zeitaufwendige Verlegungen in ein Zentrum verlängern", sagt Dembowski, "in einem solchen Fall wäre in unserer Region die nächste Schlaganfallstation mit dem Notarztwagen erst in 20 bis 30 Minuten zu erreichen, dabei gehen pro Minute circa 1,9 Millionen Hirnzellen zugrunde".

Wahl weist zudem auf Versäumnisse der letzten 20 Jahre hin, in denen die Probleme im Gesundheitswesen zwar bereits präsent waren, aber nicht ausreichend angegangen wurden. Auch die negative Darstellung des Berufs stört die Pflegeleiterin: "Pflege sollte wieder positiv in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Wir haben einen tollen, abwechslungsreichen Beruf, Pflege macht Spaß und die oftmals rasche Rekonvaleszenz nach einem Schlaganfall ist ein großes Erfolgserlebnis für das gesamte Team." Bedenken hat Dembowski aber besonders bei der Personalentwicklung, es gestalte sich immer schwieriger, Fachpersonal zu finden. Besonders Covid habe die Pflege geschwächt, erklärt Wahl, davor habe es noch keine Personalprobleme gegeben.

Was die Zukunft der Stroke Unit angeht, zeigt sich Wahl sehr zuversichtlich. "Wir sind nicht nur von der technischen Ausstattung her auf einem hohen Niveau", sagt sie. "Wir haben eine hohe Eigenmotivation, damit der Patient möglichst optimal versorgt wird", fügt Dembowski hinzu. Trotz der administrativen Herausforderungen und der wachsenden Bürokratie seien die Mitarbeitenden mit vollem Engagement bei der Sache.

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