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Klinikum Erding:Nach drei Jahren ein Sanierungsfall

Das MVZ macht so große Verluste, dass der Wirtschaftsprüfer einen externen Sanierungsgeschäftsführer empfahl. Neue zweite Geschäftsführerin ist die Büroleiterin des Landrats

Von Florian Tempel, Erding

Das Klinikum Erding ist schon seit zehn Jahren in wirtschaftlich schwierigem Fahrwasser, nicht erst seit die Corona-Krise alles noch komplizierter macht. Die Gründung eines eigenen Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) sollte eigentlich zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit beitragen. Stattdessen ist das als gemeinnützige GmbH aufgestellte MVZ ein Sanierungsfall.

In Erding hat das Klinikum mit seinem MVZ vor drei Jahren eine orthopädische und chirurgische Praxis aufgemacht, in Taufkirchen bietet eine MVZ-Filialpraxis Sprechstunden in Gynäkologie, Orthopädie und Gefäßchirurgie. Das alles läuft bislang jedoch so schlecht, dass der mit der Prüfung des Jahresabschlusses 2019 beauftragte Wirtschaftsprüfer im Juni die Überlebensfähigkeit des MVZ nur unter Vorbehalt bestätigt hat. In den ersten drei Jahren sind 1,1 Millionen Euro Defizit aufgelaufen. Für dieses und kommendes Jahr wird insgesamt eine weitere Million Verlust erwartet. Der Wirtschaftsprüfer forderte deshalb unter anderem eine "nachvollziehbar geänderte Geschäftsstrategie und gegebenenfalls die Implementierung eines externen Sanierungsgeschäftsführers". In einer Pressemitteilung hat das Landratsamt nun bekannt gegeben, man habe "einen externen Sanierungsberater ins Boot geholt". Eine personelle Änderung in der Geschäftsführung gibt es aber auch: Karin Fuchs-Weber, die Büroleiterin von Landrat Martin Bayerstorfer (CSU), wurde neben Krankenhausdirektor Dirk Last als zweite Geschäftsführerin eingesetzt. "Ich bin optimistisch, dass wir mit einer einheitlichen Struktur sowie Sanierungsmaßnahmen das MVZ Landkreis Erding in den kommenden Jahren auf gute Beine stellen können", wird Bayerstorfer in der Pressemitteilung zitiert

Fuchs-Weber ist nicht wegen spezifischer Kenntnisse auf dem Gebiet der ambulanten medizischen Versorgung zur MVZ-Geschäftsführerin ernannt worden. Neben ihrer Arbeit als Büroleiterin war sie, zumindest ausweislich einer Selbstauskunft im Internet, bislang auch als geprüfte und zertifizierte Hypnotiseurin in Erding tätig. Zudem sei sie "anerkannten Mediatorin" mit dem "Schwerpunkt im Bereich des Personal/Mental-Coachings". Mit der Geschäftsleitung im MVZ ist Bayerstorfers Büroleiterin betraut worden, weil sie "seit Beginn der Corona-Pandemie unter anderem mit der Organisation der Teststellen betraut" ist, heißt es aus dem Büro des Landrats. Das MVZ betreibt das Corona-Testzentrum am Erdinger Schwimmbad. Die personelle Verbindung wird damit begründet, dass sich das MVZ "hier als zuverlässiger Partner erwiesen, aber auch durch das Landratsamt weitere Unterstützung erfahren" habe.

Corona machte die Situation deutlich schwieriger.

(Foto: Renate Schmidt)

Ob der Betrieb des Corona-Testzentrums sich wirtschaftlich positiv auf die Entwicklung des MVZ auswirken kann, ist ungewiss. In die wirtschaftlichen Erwartungen für die kommenden Jahre - 2020 und 2021 je etwa eine halbe Million Euro Verlust - sind die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie - es kommen zu wenige Patienten in die MVZ-Praxen - bereits berücksichtigt. Wie es 2022 aussehen könnte, dazu gibt es keine Prognose. Von 2023 soll das MVZ jedoch "möglichst ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen, so dass weitere Zahlungen seitens des Landkreises Erding nicht mehr notwendig sein werden" hieß es im Krankenhausausschuss des Kreistags im Juni.

Dass ein Krankenhaus-MVZ Verluste schreibt, ist nichts Besonderes. Laut einer 2018 veröffentlichen Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) arbeiteten 2016 mehr als 40 Prozent der befragten Krankenhaus-MVZ defizitär. Bei etwa ein Viertel betrug der Verlust mehr als 100 000 Euro im Jahr. Krankenhäuser andernorts haben aus ähnlichen Gründen ein eigenes MVZ gegründet, wie das Klinikum Erding. Laut der ZI-Umfrage waren "die Position am ambulanten Markt erweitern" und "die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit" die vordringlich genannten Motive. In Erding hatte man auch die Hoffnung, durch die MVZ-Praxen in Erding und Taufkirchen mehr Patienten für das Klinikum zu gewinnen. Auch dieses Ziel ist offenbar nicht im erhofften Maß erreicht worden. Aufgrund der Corona-Pandemie bleiben nun noch mehr Patienten weg.

Als im Juni 2019 die MVZ-Praxis in Taufkirchen eröffnet wurde, gab es einen schönen Geburtstagskuchen und die Hoffnung auf viele Patienten.

(Foto: Renate Schmidt)

Was nötig sei, damit ein MVZ wirtschaftlich funktioniere, betonte im Juni im Krankenhausausschuss CSU-Kreisrat Ludwig Rudolf, der in Dorfen mit fünf Partnern ein privates und allem Anschein nach gut laufendes MVZ aufgebaut hat. Rudolf sagte damals, es brauche "Knowhow, viel Energie und ein gutes Konzept".

© SZ vom 21.11.2020

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