Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Schlechte Aussichten für Stadtbäume

2023 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Stadtbäume sollen auch im Landkreis Erding helfen, das urbane Klima zu kühlen. Doch es geht ihnen nicht gut.

Von Thomas Daller, Erding

Auch wenn es beim Blick aus dem Fenster jetzt nicht danach aussieht: Das Jahr 2023 wird laut aktuellen Aufzeichnungen als das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 in die Annalen eingehen. Das heißeste - bis jetzt. Vor allem Städte werden wegen ihrer Häusermassen und dem Asphalt zu Hitzeinseln, sechs bis acht Grad Differenz zum Land sind an Hitzetagen keine Seltenheit. Stadtbäume sollen mit ihrer Beschattung helfen, urbane Räume zu kühlen. Aber auch im Landkreis Erding, in der Kreisstadt und in Dorfen, steht es nicht gut um die Stadtbäume. Sie sind oftmals nur noch Verbrauchsgegenstände, die gewartet und bereits nach der Hälfte ihrer potenziellen Lebenszeit ersetzt werden müssen. Die Hoffnung ruht auf resistenteren Klimabäumen, doch auch auf sie wartet ein Umfeld, das ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird.

Es ist selten und daher schon auffällig, wenn etwas für Stadtbäume getan wird. So geschehen auf der Fläche östlich der Dorfener Marktkirche, die die Stadt mit Bänken und Radlständern aufgehübscht hat. Dabei wurden auch die Flächen um die Bäume um mehrere Quadratmeter entsiegelt, damit sie bei Niederschlägen mehr Wasser aufnehmen können.

Wenige Meter entfernt, am Parkplatz am Unteren Markt, darben die Kastanien. Im Untergrund befinden sich nur 20 Zentimeter Oberboden. Darunter liegt Bauschutt und kiesiges Auffüllmaterial, die keine Nährstoffe und kaum Wasser speichern. Auf dem Parkplatz versickert zudem kaum Wasser, weil man unter den Pflastersteinen eine Bitumenschicht eingebracht hat, um Setzungen der Steine zu vermeiden. Und diesen durstigen Kastanien setzen auch noch die Raupen der Kastanienminiermotte zu und fressen sich durch die Blätter. Kastanien können bis zu 30 Meter hoch und etwa 300 Jahre alt werden. An solchen Standorten ist jedoch nach 40, 50 Jahren bereits Schluss. Dann geht der Baum ein, muss entfernt und nachgepflanzt werden.

Für Arthur Borus, Stadtgärtner in Dorfen, sind das keine Einzelfälle. Geschwächte Bäume sind anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Die weitverbreitete Esche ist so ein Kandidat. Sie ist geplagt vom Eschentriebsterben und Eschenprachtkäfer. Zahlreiche Eschen werden über kurz oder lang aus dem Dorfener Stadtbild verschwinden und durch andere Bäume ersetzt werden. Auf der Liste der Ersatzbäume stehen Silberlinden, Schnurbäume, Amberbäume, Straßenrobinien und Platanen.

Der Dorfener Stadtgärtner testet, welche Bäume mit dem Mikroklima zurechtkommen

Borus steht in der Nähe des Bahnhofs eine Experimentierfläche zur Verfügung. Dort wachsen solche Arten, zudem auch noch Blauglockenbäume und Purpur-Erlen. Das sind Klimawandelbäume, die nach der Liste der Gartenamtsleiterkonferenz empfohlen werden. Auf dieser Experimentierfläche kann man beobachten, wie sie mit dem Dorfener Mikroklima zurechtkommen.

So eignen sich beispielsweise Silberlinden als Nachfolger von Winterlinden, sagt Borus. Aber aufgrund der Rahmenbedingen der Stadtbäume prognostiziert er auch den Klimabäumen nur eine begrenzte Lebensdauer und Wuchshöhe. Auch sie werde man in ein paar Jahrzehnten ersetzen müssen.

In Erding bietet sich ein vergleichbares Bild: Auch dort ist das Eschentriebsterben in vollem Gange, flankiert vom Eschenprachtkäfer. Die Miniermotte setzt den Kastanien zu, wobei ältere Bäume laut Auskunft des Stadtgärtners diesen Befall noch besser verkraften.

50 Bäume muss der Bauhof jedes Jahr ersetzen

Der Bauhof muss jährlich 50 Bäume ersetzen, zusätzlich pflanzen verschiedene Firmen bei Neugestaltungen und größeren Bauvorhaben zahlreiche Bäume, zum Beispiel am Poststadl oder der Mehrzweckhalle am Lodererplatz. Wie in Dorfen hält man sich bei der Auswahl der Bäume an die Empfehlungen der Gartenamtsleiterkonferenz, verwendet Baumarten, die mit der großen Hitze und langer Trockenheit umgehen können sowie salzverträglich sind.

Zudem sind im Sommer während Trockenperioden in Erding kleine Tankwagen des Bauhofs unterwegs: "An einem Tag fahren wir in etwa 20 bis 30 Kubikmeter Wasser zu den Bäumen. Hauptsächlich werden Bäume bewässert, die frisch gepflanzt wurden beziehungsweise deren Pflanzung bis fünf Jahre zurückliegt. Ältere Bäume werden nur gegossen, wenn es Anzeichen auf einen Wassermangel gibt", sagt Christian Wanninger, Pressesprecher der Stadt.

Punktuell wird in manchen Städten die Versiegelung aufgebrochen, damit die Bäume mehr Versickerungsfläche bekommen. Das ist aber ein strittiges Thema, weil solche Flächen in Konkurrenz zu Parkplätzen stehen. Dieses Politikum wird manche Stadträte in Zukunft noch öfter beschäftigen.

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