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Klimastreik in Dorfen:"Es ist ein Muss, hier zu sein"

Mit bunten Plakaten ziehen die Menschen am Freitagvormittag vom Friedhofsparkplatz durch Dorfen bis zum Rathausplatz. Es sind auch viele Schüler darunter. Ihnen drohen nun Strafen.

(Foto: Renate Schmidt)

Am Freitag hat sich die Welt erhoben, auch im Landkreis versammelten sich Menschen hinter der Forderung für mehr Klimaschutz.

Der Aufruf zum weltweiten und alle Generationen übergreifenden Klimastreik hat gewirkt: In Dorfen versammelten sich am Freitagmorgen nach Schätzungen der Polizei ungefähr 400 Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Was sie einte, war das Ziel, für eine bessere Klimapolitik zu kämpfen. Vom Baby über Kindergartenkinder, Schüler, Arbeitnehmer bis zu Senioren haben sich Menschen mit und ohne Behinderung am Freitag auf dem Friedhofsparkplatz zusammengefunden, um bei strahlendem Sonnenschein zum Rathaus zu ziehen.

Tagwerk ist dabei.

Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, als sich der Zug in Bewegung setzt. Die Menschen sind aus Überzeugung hier, das ist ihnen anzumerken. Schüler nehmen Verweise in Kauf, bei denen bis zuletzt nicht klar ist, ob wirklich welche ausgestellt werden. Die Lebensgemeinschaft Höhenberg ist extra mit einem Bus angereist. 56 Menschen mit und ohne Assistenzbedarf tragen ihren Teil zum Klimastreik bei. Und auch Menschen, die eigentlich arbeiten müssten, sind erschienen, unter ihnen die Mitarbeiter des Tagwerkladens Dorfen. "Alle Mitarbeiter bis auf zwei, die im Laden die Stellung halten, sind mit dabei", sagt Geschäftsführer Christian Empl. "Das Tagwerk setzt sich seit Jahren dafür ein, das Klima zu schützen. Da ist es ein Muss, hier dabei zu sein."

Auf dem Weg durch Dorfen sind immer wieder zwei Dinge Thema: Zum einen werden die drohenden Verweise diskutiert. "Wer weiß", sagt einer der erwachsenen Demonstranten, "vielleicht ist ein Verweis wegen eines Klimastreiks in ein paar Jahren ja sogar ein Einstellungskriterium." Die andere Frage, die bei manchen gestellt wird, ist die, ob die teilnehmenden Schüler nun denn noch auf Studienfahrt fliegen dürfen und ob ein Flug für das FSJ erlaubt ist. "Eigentlich nicht", ist das Ergebnis, zu dem eine Gruppe kommt.

Nicht nur die Schüler sind an diesem Tag kreativ gewesen, um Streikverbote zu umgehen: Auf der Hälfte des Weges stößt eine Gruppe Kindergartenkinder zu den Demonstranten. Offiziell durfte sich der Kindergarten nicht an dem Streik beteiligen. Also kommt die Gruppe irgendwann einfach dazu und wandert ein Stückchen mit, als Wandertag sozusagen.

So erbärmlich wie die Klimapolitik

Am Wegesrand sind Sprüche und Plakate zu sehen, die Läden oder Marktstände ausgehängt haben. Und die Demonstranten skandieren: "Wir sind viele, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut." Ein kleiner Junge, der in seinem Buggy mitgeschoben wird, pfeift kräftig mit.

Die Demonstranten beweisen dabei nicht nur Ernsthaftigkeit, mit der sie ihrer Überzeugung folgen, sondern auch Humor. Eine Teilnehmerin hat ihr Schild aus einfacher Paketpappe mit den Worten beschrieben: "Dieses Plakat ist so erbärmlich wie unsere Klimapolitik."

Für viel Applaus und Erheiterung sorgen vor allem vier Grundschüler. Sie verfolgen ihre Aufgabe mit einem heiligen Ernst. Festen Schrittes laufen sie mit, halten ihre selbstgebastelten Plakate in die Luft und rufen: "1,2,3,4, unser Klima schützen wir, 5,6,7,8, auf das Klima gebe Acht." Als später die Reden auf dem Rathausplatz gehalten werden, nutzen sie den immer wieder aufbrandenden Applaus dazu, um ihren Sprechgesang kundzutun. Als einer der Redner die Schüler fälschlicherweise dem Kindergartenalter zuordnet, schreit Vitus, der einzige Junge der Gruppe: "Wir sind nicht im Kindergarten! Wir sind in der zweiten Klasse!" Später dürfen sie nach vorne kommen und ihre Plakate erklären. Auf eines wurden das Meer, zwei Delfine und Plastikverpackungen gemalt, versehen mit der Überschrift "Kein Plastik im Meer". Die Erklärung fällt eindeutig und voller Überzeugung aus: "Die Verpackung ist jetzt im Fisch drinnen."

Die erste Rede auf dem Rathausplatz hält an diesem Vormittag eine Sprecherin vom Offenen antifaschistischen Treffen (OAT) in Dorfen. Sie fordert einen "radikalen Systemwechsel" und erntet dafür stürmischen Applaus. Doch aus der Menge sind auch leise kritische Töne zu hören. "Ja, ja, die meisten klatschen jetzt", sagt ein Mann, "aber sie denken doch gar nicht darüber nach, was ein radikaler Systemwechsel überhaupt bedeutet."

Werden Kinder instrumentalisiert?

Umweltreferent Gerald Forstmaier, der die Demonstration mitorganisiert hat, teilt bei seiner Rede mit, dass er im Vorfeld kritisiert worden sei, Kinder für seine Interessen zu instrumentalisieren. "Da musste ich schon schlucken", sagt er, schließlich seien es die Kinder gewesenen, die die Erwachsenen wachgerüttelt hätten. Er fordert für den Klimaschutz "Maßnahmen, die sozial ausgewogen und nicht beängstigend sind. Diese Maßnahmen können ein Weg sein in eine lebenswertere Zukunft." Schließlich sei das 1,5 -Grad-Ziel einer maximalen Erderwärmung, die das Pariser Klimaabkommen vorgibt, nicht willkürlich gewählt. "800 Wissenschaftler haben das als das Maß an Erderwärmung festgelegt, die gerade noch tolerierbar ist", sagt Forstmaier. Als Beispiel führt er den Permafrostboden an, der nun einmal schmelze, wenn die Erderwärmung darüber liege - die Bundesregierung allerdings steuere gerade auf drei Grad zu. "Wenn der Permafrostboden schmilzt, dann produziert das mehr CO2-Ausstoß als die Rodung des ganzen Amazonas", sagt Forstmaier.

Für Heidi Oberhofer-Franz, Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), spricht an diesem Vormittag Schorsch Wiesmaier, der im erweiterten Vorstand der Gewerkschaft tätig ist. Er vertrete Oberhofer-Franz, weil das Schulamt Erding im Vorfeld für alle Schulen des Landkreises verboten habe, dass Lehrer an der Demonstration teilnehmen, wenn sie zu dieser Zeit eigentlich Unterricht geben müssten. "Das Schulamt zeigt keinerlei Verständnis für Lehrer, die mit ihren Schülern demonstrieren möchten", sagt Wiesmaier. Dabei gehe es auch anders: So habe das Maximiliansgymnasium in München beispielsweise erlaubt, dass ein Wandertag zum Klimastreik am Königsplatz stattfinde. Bei den drohenden Restriktionen und Sanktionen verspricht Wiesmaier: "Wir werden genau hinsehen, was in Dorfen passiert." Denen, die einen Verweis erhalten, empfiehlt er, diesen einzurahmen. "Schüler, die heute hier sind, verdienen Respekt und Anerkennung", sagt er. "Lehrer und Eltern sollten stolz auf sie sein."

Mut beweisen manche Schülerinnen nicht nur, indem sie Verweise und Sanktionen in Kauf nehmen, sondern auch, als sie sich einem AfD-Anhänger entgegenstellen. "Die AfD ist eine Partei, die den Klimawandel leugnet. Sie hat den Platz sofort zu verlassen", ruft ein Mädchen, das ihren Namen nicht nennen möchte, ins Mikrofon. Als das nicht passiert, zieht sie mit der Rednerin des OAT los, um den Mann mit leuchtender AfD-Kappe ins Gespräch zu verwickeln. Sein Auftauchen empfinden viele als Provokation.

Schorsch Wiesmaier entlässt die Menschen schließlich mit einem Zitat von Hannah Arendt - unkommentiert, zum drüber Nachdenken: "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen", gibt er den Demonstranten mit. Sie verlassen den Dorfener Rathausplatz an einem Tag, an dem sich die Welt für echten Klimaschutz erhoben hat. "532 Städte in Deutschland", sagt Forstmaier, "und wir in Dorfen sind mit dabei. Darauf können wir stolz sein."