Die Geschäftsstelle des Erdinger Kreisjugendrings (KJR) ist unscheinbar und nicht einfach zu finden, schon ihr Eingang ist ein kleines Rätsel: Über eine Außentreppe geht es in ein früheres Wohn- und Geschäftshaus. Dort, in einem ehemaligen Schlafzimmer mit Blumentapete und Plüsch-Elch, arbeitet Kristin Hüwel. Und von dort aus bringt sie junge Menschen aus Europa zusammen.
Der Landkreis Erding war zuletzt eins von fünf „Europa-Flaggschiffen“, einem Projekt des Bayerischen Jugendrings (BJR) mit Workshops, Konferenzen und Coachings. Kristin Hüwel, seit Mai 2023 Geschäftsführerin des Erdinger KJR, beschäftigt sich seither verstärkt mit der Frage, welche Möglichkeiten europäische Jugendarbeit jungen Menschen aus dem ländlichen Raum bieten kann. Der Landkreis Erding dient als bundesweite Blaupause.
„Wir sind ein Flächenlandkreis und in Teilen recht zersiedelt“, sagt Hüwel. Das bringe Herausforderungen mit sich. Vor allem sei die Frage zu lösen: Wo und wie können Treffen mit den Jugendlichen stattfinden? „Der ÖPNV ist bei uns nicht so gut ausgebaut wie zum Beispiel in München. Da muss man also schon mal schauen, wie man das hinbringt“, erklärt die 58-Jährige.
Eine wichtige Erkenntnis aus Erding lautet: Es braucht starke und gut vernetzte Fürsprecher – etwa die Mitglieder der Steuergruppe. Diese ist mit mehreren Sozialpartnern und Verbänden sowie drei Bürgermeistern und einer Bürgermeisterin aus den jeweiligen Landkreisgemeinden besetzt. Diese öffneten viele Türen und brächten eigene Ideen ein. „Hier erhalten wir unglaubliche Unterstützung“, sagt Hüwel.


Und natürlich braucht es auch Geld. Seit dem neuen Grundlagenvertrag von 2023 zwischen dem Landkreis und dem Kreisjugendring gibt es ein festes Budget ausschließlich für die Kosten von Personal, Verwaltung und Fortbildung. Alle weiteren Ausgaben müssen konkret abgerechnet werden. Die Arbeit verlange schon „ein gewisses Durchhaltevermögen“, sagt Kristin Hüwel, aber sie sei dankbar für die Unterstützung durch den Landkreis. „Ich setze auf Kooperation und ein gutes Miteinander. Wir wollen schließlich gemeinsam den Landkreis in der Jugendarbeit voranbringen.“
Für die aktuellen internationalen Programme hat der Kreisjugendring EU-Fördermittel beantragt. Unter dem Motto „Europa zum Mitmachen“ startet in diesem Jahr ein Erasmus-Plus ein Austausch mit der Gemeinde Laas in Südtirol: Im August reisen Erdinger Schüler und Schülerinnen für zwölf Tage in die nördlichste Provinz Italiens – weitestgehend kostenfrei und unter einem besonderen Aspekt.
„Niemand soll sich abgehängt fühlen“
„Unser Ziel ist es, Jugendliche unabhängig von Herkunft, Schulform und Noten und finanziellem Hintergrund der Eltern eine internationale Jugendbegegnung zu ermöglichen“, sagt Kristin Hüwel. „Niemand soll sich abgehängt fühlen.“ Denn wer sich abgehängt fühle, sei anfällig für extremistische Parolen.
Das Programm in Laas richtet sich an Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren. Interessierte können sich per E-Mail an info@kjr-erding.de melden. Geplant sind Ausflüge und Aktivitäten zusammen mit Jugendlichen aus Laas. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen werden ein Kunstwerk aus Marmor erstellen, ein Bildhauer wird sie dabei begleiten. Die Skulptur soll dann einen Platz im Stadtpark erhalten, sagt Hüwel. Das habe der Erdinger Oberbürgermeister Max Gotz zugesagt.
„Ein Gefühl, dass Europa uns vereint“
Die KJR-Geschäftsleiterin verweist auf Studien, die zeigen, wie wertvoll internationale Jugendarbeit ist und wie sehr die Jugendlichen von den Auslandsaufenthalten profitierten – „wie sie sich öffnen, stolz werden, selbstwirksam werden, neue Kompetenzen entwickeln und sich auch Dinge zutrauen. Lauter Skills eigentlich, die die Arbeitswelt von unseren Kids haben will.“ Und schließlich könne durch die internationale Begegnung ein Gefühl der Solidarität und der Zusammengehörigkeit entstehen – „das Gefühl, dass Europa uns vereint“, so Hüwel.
Der Kreisjugendring Erding hat auch zu Hause einiges zu stemmen. Die Geschäftsstelle ist lediglich mit je einer halben Stelle für die Geschäftsleitung und eine Pädagogin sowie einer weiteren halben Stelle für die Verwaltung besetzt. Aktuell wird für den Kreisjugendzeltplatz am Notzinger Weiher, den der KJR verwaltet, ein Zeltplatzwart gesucht. Für das erfolgreiche Projekt „Kinderstadt“, das Anfang Juni zum dritten Mal stattfindet, können sich ehrenamtliche Betreuer und Betreuerinnen melden, auch Geldspenden für die Finanzierung des Projekts werden gerne entgegengenommen, betont Kristin Hüwel. Sie bleibt optimistisch: „Das kriegen wir schon hin.“
Bald soll auch ein Austauschprogramm für Azubis kommen
Nach Südtirol steht als nächster Erdinger Austauschpartner Irland in den Startlöchern. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits. Doch Kristin Hüwel denkt schon weiter: an ein Treffen von Jugendlichen aus dem Landkreis Erding, aus Italien und Irland in einem weiteren EU-Land. „Daran arbeiten wir noch“, sagt sie – ebenso an einem Austauschprogramm, das sich explizit an Azubis richtet.
Was Ängste oder Wünsche der jungen Menschen anbelangt, sieht Hüwel generell keine großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Und sie hält auch nichts vom neuerdings wieder aufkommenden „Generationenbashing“, das den jungen Menschen heute Leistungsbereitschaft und Resilienz abspricht. „Die Jugendlichen, die wir kennengelernt haben, sind echt cool.“

