bedeckt München 20°
vgwortpixel

Islamisches Zentrum in Erding:Unter Beobachtung

Sie sprechen von gelungener Integration, präsentieren sich als muslimische Ansprechpartner, doch womöglich segelt das Islamische Zentrum in Erding unter falscher Flagge. Der Verfassungsschutz zumindest rechnet es der umstrittenen Gemeinde Milli Görüs zu.

Sie sprechen von sich selbst als Beispiele gelungener Integration, präsentieren sich als muslimische Ansprechpartner in Erding und geben sich unpolitisch. Doch möglicherweise segeln die Mitglieder des Islamischen Zentrums am Rätschenbach unter falscher Flagge: Der Bayerische Verfassungsschutz beobachtet das Islamische Zentrum in Erding.

Er rechnet es der Auslandsorganisation der türkischen Milli-Görüs-Bewegung zu. Diese wird als islamistisch eingeordnet und im Verfassungsschutzbericht 2010 des bayerischen Innenministeriums als verfassungsfeindlich eingestuft. Die Leitung des Islamischen Zentrums am Rätschenbach bestreitet die Zugehörigkeit.

Problematisch an Milli Görüs sind laut Verfassungsschutzbericht das Streben nach der Einführung einer islamischen Gesellschaftsordnung und einer Welt unter islamischer Führung, die nationalistisch-diktatorischen Züge der Organisation und deren Antisemitismus. Terroristisch sei die Organisation nicht, sagt der Verfassungsschutz, der Verband spricht sich für Gewaltfreiheit aus. Milli Görüs ist neben der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (ditib) der bedeutendste muslimische Verband in Deutschland mit 30.000 Mitgliedern, 4700 davon in Bayern in 50 sogenannten Ortsvereinen.

Die Leitung des Islamischen Zentrums in Erding will von einer engeren Zusammenarbeit mit Milli Görüs nichts wissen: "Wir sind Brüder und haben Kontakt, aber keine Satzung von Milli Görüs", sagt der Vorsitzende Ali Imamoglu. Das sieht die Auslandsorganisation von Milli Görüs, Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), anders.

Nach Aussage des Generalsekretärs der IGMG, Oguz Ücüncü, ist das Islamische Zentrum bei der IGMG engagiert und arbeitet in allen Belangen mit der IGMG zusammen. Das Islamische Zentrum sei zwar formal unabhängig, dennoch Teil des Verbandes, sagt er. Die IGMG unterstütze das Islamische Zentrum "mit allem, was der Ortsverein allein nicht leisten kann", sagt Ücüncü. Das könnten Redner sein oder die Organisation der Pilgerfahrten Hadsch und Umra nach Mekka.

Zuerst Türkisch, dann Deutsch

Dass die Leitung des Islamischen Zentrums auf formale Unabhängigkeit pocht, wohingegen die Leitung der IGMG eine Kooperation betont, überrascht den Verfassungsschutz nicht. "Das ist typisch", sagt ein Sprecher. "Die Zentrale ist bestrebt, Werbung zu machen, um sich als Vertreter des Islams gegenüber der Politik machtvoll zu präsentieren." Die Gemeinde fürchte hingegen eine Stigmatisierung durch ein Bekenntnis zur IGMG.

Vor einigen Jahren benannten sich mehrere IGMG-nahe Moscheen um. Auch das Islamische Zentrum wurde einst als Islamische Gemeinschaft e. V. geführt, taucht aber darunter nicht im Vereinsregister auf. Auf Nachfrage räumt ein Mitglied der Gemeinde ein, dass man sich "Verein" genannt habe, weil man nicht gewusst habe, was es bedeute. Man arbeite an einer Satzung.

Auch wenn das Islamische Zentrum mit nach eigenen Angaben 100 Mitgliederfamilien eher klein ist, keinen Imam hat und bisher nicht negativ in Erscheinung getreten ist, ist es für den Verfassungsschutz von Interesse. "Wenn wir die Gesamtorganisation beobachten, schauen wir uns natürlich auch mögliche Zweigstellen an", sagt der Sprecher. Vor allem die Jugendarbeit spiele eine Rolle.

Auf die Förderung der Jugend legt das Zentrum am Rätschenbach in Erding nach eigenen Aussagen besonders viel Wert. Die Kinder sollten aber zuerst Türkisch, dann erst Deutsch lernen. "Eben", sagt der Verfassungsschutzsprecher. "Es liegen verschiedene Anhaltspunkte dafür vor, dass die Bildungsarbeit der IGMG am Islamverständnis und den Zielsetzungen der Milli-Görüs-Bewegung ausgerichtet ist, was in deutlichem Widerspruch zur bekundeten Integrationsbereitschaft steht", heißt es im Verfassungsschutzbericht.

  • Themen in diesem Artikel: