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Isentalautobahn:Auf verlorenem Posten

Autobahnbruecke und Pfarrer Josef Kriechbaumer

Pfarrer Josef Kriechbaumer stammt aus Ainring bei Freilassung. Von dort sei er als junger Mann in 35 Minuten beim Salzburger Dom gewesen - mit dem Fahrrad.

(Foto: Stephan Görlich)

Pfarrer Josef Kriechbaumer hat sich geweigert, kirchlichen Grund für den Bau der A94 zu verkaufen. Nun ist der Protest juristisch endgültig vorbei. Seinen Segen wird die Autobahn aber nicht bekommen

Lengdorf - Die Isentalautobahn füllt bei Pfarrer Josef Kriechbaumer einen dicken Ordner. Fast ein Jahrzehnt Protest ist darin archiviert, seit die Autobahndirektion Südbayern ihm 2010 mitgeteilt hat, sie würde gern drei Stücke kirchlichen Grundes kaufen, für den Bau der A 94. Kriechbaumer, der den Pfarrverband Isen leitet, wollte nicht verkaufen. 2014 bekam er Post. Darin stand auf Juristendeutsch: Wir bauen trotzdem, auch wenn der Kirche der Grund formal weiterhin gehört. Kurz darauf rollten die Bagger. Nun muss Kriechbaumer ein weiteres amtliches Schriftstück in seinen Ordner heften, ganz oben, wie einen Sargdeckel: einen Enteignungsbeschluss. Damit ist es rechtskräftig, der Kampf um den "Erhalt der Schöpfung" verloren, wie Kriechbaumer es nennt.

Eine planierte Ebene

Es ging um drei insgesamt knapp 5000 Quadratmeter große Ackerflächen, die Bauern von der Kirche gepachtet hatten. Zwei davon waren nur als sogenannte "Ausgleichsfläche" vorgesehen, die bei Bauvorhaben in schützenswerten Gebieten der Natur an anderer Stelle dauerhaft überlassen werden müssen. Auf dem mit rund 4200 Quadratmetern größten Grundstück entsteht nun die Autobahnausfahrt Lengdorf. Nicht weit davon schlängelt sich das Flüsschen Isen durch das Tal und gibt ihm seinen Namen. Wo einst Gras und Getreide blühten, sieht man heute eine planierte Ebene und Baugeräte. Die gewaltigen Säulen einer Autobahnbrücke, die das Tal überbrückt, stecken in dem sandigen Grund. Schaut man nach oben, sieht man nur Beton. Ein einsames Schild steht an der Ausfahrt der Baustelle. Es ist ein Stoppschild.

Dort steht nun auch Pfarrer Kriechbaumer. Die Autobahndirektion habe Einzelverhandlungen mit den Grundstücksbesitzern geführt, erzählt er. Keiner habe dem anderen gesagt, ob er verkaufen will oder nicht und welche Summe ihm für seinen Boden geboten worden war. Auch er möchte keine Summe nennen. Seine Rechtsabteilung habe ihm aber zugesichert, der Preis für das Grundstück werde sich nicht verändern, wenn er es auf die Enteignung und den Zwangsverkauf ankommen ließe. Also habe er sich stur gestellt. "Das Landratsamt hatte seine Freude mit uns - was wir für Aussöhnungstermine nicht wahrgenommen haben!" Kriechbaumer kichert. "Die haben bei mir auf Granit gebissen." Dass die Weigerung nichts bringen werde, habe sich früh abgezeichnet, aber darum sei es ihm nicht gegangen. Er habe "ein Zeichen setzen" wollen. Für die göttliche Schöpfung, die hier verunstaltet werde.

Er bat um Vergebung der Sünden.

Als 2010 das erste Schreiben von der Autobahndirektion kam, hielt Kriechbaumer auf der Anhöhe am Thanner Kreuz einen Mahngottesdienst ab. Man kann sie von der Baustelle aus oberhalb von Lengdorf sehen, zwei alte Bäume stehen dort. Der Pfarrer versammelte die Gemeinde mit Blick auf das Tal, das bald von der Autobahnbrücke zerteilt werden sollte, ließ das Lied "Die Erde ist schön" singen, dann sprach er über den Respekt gegenüber der Natur, aber auch über die Unfallgefahr durch die Nebel im Isental, die seien ja berühmt. Er bat um Vergebung der Sünden: "Herr Jesus Christus, uns wurde die Erde anvertraut, damit wir sie bebauen und behüten. Nicht immer ist uns dies gelungen. Herr, erbarme dich unser." So steht es in Kriechbaumers Aufzeichnungen für die Andacht damals.

Kriechbaumer deutet auf die Stromtrassen, auf die Autobahn, auf die Baumaschinen. Die Zerstörung der wunderschönen Landschaft zu sehen, schmerze ihn. "Das ist kein guter Umgang mit der Erde." Er sei ja gar nicht gegen Straßenbau generell, betont er, die Isentalautobahn sei nur ganz einfach die falsche Trasse. Man hätte doch auch einfach die B12 ausbauen können. Dann wäre nicht so viel zubetoniert worden. Den Fahrradweg in Isen hat er bei der Eröffnung gesegnet, ebenso die Tankstelle am Raiffeisen-Lagerhaus und die Straße durch die Ziegelei. Die Isentalautobahn aber werde seinen Segen nicht erhalten. Den müsse sowieso sein Vorgesetzter Kardinal Marx aussprechen, aber der habe ihm gegenüber im Scherz gesagt, das solle seinetwegen "der Großmufti machen".

Kriechbaumer jedenfalls unterstreicht: "Ich mach da nix." Wenn die Kirche schon enteignet werde, brauche sie ja nicht auch noch ihren Segen dazu geben. Die Leute dürften ruhig wissen, dass sie sich nicht alles gefallen lasse. Dass sie den Mut habe, sich gegen so ein Mammutprojekt zu stellen. Zur Not auch auf verlorenem Posten. Ob er einen speziellen Bezug zu der Gegend habe? "Ich bin hier der Pfarrer", sagt Kriechbaumer.

© SZ vom 04.04.2019
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