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Isental:Nur leere alte Schalen

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Nur noch Relikte statt lebender Muscheln

(Foto: Privat)

Regierung von Oberbayern und EU wollen in einem FFH-Gebiet Bachmuscheln und Mühlkoppen erhalten. Dabei hat man offenbar übersehen, dass die Tiere die Auswirkungen der Landwirtschaft nicht überlebt haben

Von Thomas Daller, Landkreis

Die Regierung von Oberbayern will einen Managementplan für das knapp 750 Hektar große FFH-Gebiet Isental und seine Nebenbäche aufstellen. Ziel ist es, "den guten Zustand" des Natura 2000-Gebiets zu gewährleisten. "Ausschlaggebend" für die Meldung dieses Gebietes seien neben zwei Schmetterlingsarten das Vorkommen von Bachmuscheln und Mühlkoppen in diesem "naturnahen Fluss- und Bachsystem". Am kommenden Montag soll bei einem Ortstermin nahe Schwindegg die Auftaktveranstaltung zum Gebietsmanagement für die Landkreise Erding und Mühldorf erfolgen. Ein klein wenig unangenehm war es der Regierung und dem Landesamt für Umwelt allerdings, als sie auf Nachfrage der SZ einräumen mussten, dass es in der Isen und ihren Nebenbächen längst keine Bachmuscheln und Mühlkoppen mehr gibt. Denn die sind dort bereits ausgestorben.

Mit dem Bau der Autobahn A 94 auf der Isentaltrasse macht sich ein flankierender Aktionismus breit, mit dem man dokumentieren will, dass man trotz dieses brutalen Eingriffs die Natur im Isental schützen will. Erst kam die Wildland-Stiftung, die bei Vorträgen das schützenswerte Ökosystem beschwor, nun ist die Regierung von Oberbayern am Zug. Denn sie hat das Isental als Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) der EU gemeldet und die EU fordert wiederum einen "guten Erhaltenszustand": "Die wild lebenden Pflanzen und Tiere sollen für zukünftige Generationen aufrechterhalten werden." Geradezu idyllisch, wie die Regierung von Oberbayern die Natur im Isental schildert: "Während Bachmuschel und Mühlkoppe in den Bachläufen leben, kommen die seltenen Schmetterlingsarten Dunkler und Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling in den Feuchtgebieten von Schwindegger und Thalhammer Moos vor."

Wer sich jedoch eingehender mit der Isen beschäftigt, weiß, dass dem nicht so ist. Es gibt weder ein intaktes Bachmuschelvorkommen noch findet man Mühlkoppen in der Isen. Auf Nachfrage antwortet die Regierung von Oberbayern, es gebe "Hinweise auf das Vorkommen der Bachmuschel in der Isen sowie verschiedenen Zuflüssen wie Lappach, Goldach, Geiselbach und Rimbach". Der Terminus "Hinweise auf das Vorkommen" ist aber lediglich eine amtliche Umschreibung für alte Muschelschalen. In der Isen selbst ist seit Jahrzehnten keine lebende Bachmuschel mehr gefunden worden. Auch in den zahlreichen Zuflüssen gibt es lediglich einen, den Grimmelsbach, wo eine verschwindend geringe Anzahl von Altmuscheln überlebt hat.

In Zusammenhang mit der Planung der A 94 wurde das Anfang der 2000er Jahre akribisch dokumentiert: Ein vom Freistaat benannter Fisch-Ökologe hatte in zehn der 18 Bäche getaucht und lediglich in einem Zufluss, dem Grimmelsbach bei Schwindkirchen, gerade einmal acht Altmuscheln gefunden. Ein Jahr später war die Population sogar noch geschrumpft - auf nur zwei Exemplare. Junge Muscheln sucht man seit Jahrzehnten vergeblich in der Isen, eine Fortpflanzung findet schon lange nicht mehr statt.

Eine Anfrage beim Landesamt für Umwelt (LfU) bestätigt diesen Sachverhalt. "In der Isen sind aktuell keine lebenden Bachmuscheln nachgewiesen", so ein Sprecher des LfU. Im Grimmelsbach hält sich noch die winzige Inselpopulation der Muschelgreise. Vier lebende Tiere seien zuletzt 2012 gefunden worden. Auch bei den Mühlkoppen bestätigte sich der Sachverhalt: Die Fischereifachberatung Oberbayern hat laut LfU dort in den Jahren 2008, 2012 und 2013 die Isen befischt und dabei bei keinem Fischmonitoring Koppen nachweisen können. "Entweder gibt es tatsächlich keine Koppen", schreibt das LfU, "oder sie sind so unterrepräsentiert, dass sie beim Monitoring nicht entdeckt werden konnten."

Der Grund für das Aussterben dieser beiden Arten in der Isen liegt Fachleuten zufolge im Sedimenteintrag durch die Landwirtschaft. Von den Äckern, die oftmals bis unmittelbar ans Ufer angelegt werden, schwemmt es bei anhaltenden Regenfällen Erdreich in die Bäche ein, die dadurch verschlammen. Daran ersticken die jungen Muschellarven.

Ähnlich verhält es sich bei den Mühlkoppen. Sie graben im Kies unter Steinen ihre Kuhlen, um dort ihre Eier abzulegen. Wenn, wie in der Isen, der Kies durch Sedimente nahezu steinhart verbacken ist, können sie sich nicht mehr fortpflanzen. Nicht die Autobahn, sondern die Landwirtschaft hat die Artenvielfalt der Isen so geschädigt, dass kaum noch etwas davon übrig ist. Die Umsetzung des Managementplans für die Isen sieht im Übrigen vor, dass sich der Erhaltungszustand der Arten nicht verschlechtern darf. Dieses Ziel ist zumindest ungefährdet: Mehr verschlechtern als ausgestorben geht schließlich nicht.

© SZ vom 25.03.2017
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