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Isen:Gezielte Attacke auf Kunstwerke

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Ein unbekannter Täter fährt nachts durch die Gemeinde, um nur Stunden zuvor auf Anschlagtafeln angebrachte Plakatkunst böswillig zu zerstören

Von Florian Tempel, Isen

Allem Anschein nach ist es ein gezielter und böswilliger Angriff gegen die Kunst: Der Kulturverein Isenwerk hatte acht Künstlerinnen und Künstler aus Isen eingeladen, die acht öffentlichen Anschlagtafeln im Gemeindebereich mit eigenen Werken zu bestücken. Am vergangenen Samstag wurden die Plakate in Isen und mehreren Außenorten angebracht. Einen Monat lang sollten sie hängen bleiben, man hätte sie im Vorübergehen oder auf einer kleinen Rundtour betrachten können. Es war Kunst im öffentlichen Raum im besten Sinn. Doch schon in der Nacht auf Sonntag hat ein Unbekannter an sechs Anschlagtafeln die Plakatkunst zerstört. Offensichtlich ist es mehr als ein Fall von hirnlosem Vandalismus. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter nicht im Vorbeigehen gehandelt hat, sondern vorbereitet vorgegangen ist, da er sich die Mühe machte, die über das ganze Gemeindegebiet verteilten Tafeln abzufahren.

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Die Kommune Isen hat acht hölzerne Anschlagtafeln für öffentliche Bekanntmachung, Hinweise und Veranstaltungen aller Art. Wegen Corona war auf den Bretterwänden zuletzt genauso wenig los wie sonst überhaupt. Bis die Architektin, Künstlerin und Musikerin Geraldine Frisch auf die Idee kam, die seit einem Jahr kaum genutzten Informationstafeln eine Zeit lang als Kunstfläche zu nutzen. Um "der Kunst wieder Raum zu geben, dabei Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen, sie wert zu schätzen und sichtbar werden zu lassen", wie sie sagt. Frisch initiierte die Aktion mit dem vor einem Jahr gegründeten Kulturverein Isenwerk, dessen Vorsitzende sie ist. Die Kommune ließ sich überzeugen und stellte die acht Wandtafeln in Isen, Burgrain, Mittbach, Lichtenweg, Pemmering, Weiher und Berging zur Verfügung.

Der Name der Aktion "Kunstanschlag" bezog sich als Wortspiel auf die kommunalen Anschlagtafeln. Peter Cronauer, Beate Liedgens, Thomas Hiemer, Stefan Böld, Stefan Schütz, Renate Ittlinger, Vincent Zehetmeier und Geraldine Frisch lieferten ganz unterschiedliche Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Graffiti, Fotografie und Wortkunst, die auf Plakatpapier groß ausgedruckt und auf die Brettertafeln festgetackert wurden. Nur Peter Cronauer hatte seine Arbeit auf eine eigene Holztafel gefertigt und diese an der Anschlagtafel in Weiher angeschraubt. Sein Beitrag und der von Renate Ittlinger, zentral in Isen auf der Tafel beim Gasthaus Klement, blieben als einzige unbeschädigt.

Die ersten Zerstörungen wurden den Künstlerinnen und Künstlern am Sonntagmorgen per Whatsapp-Nachrichten und E-Mails bekannt. Thomas Hiemer erhielt ein Foto von einer Freundin, die das zerfetzte Plakat von Vincent Zehetmeier aufgenommen hatte. Dazu habe sie geschrieben, "war das der Wind oder waren das Deppen?" Hiemer leitete das Foto an Frisch weiter, die ihm prompt antwortete und andere, ähnliche Bilder zusandte. Damit war klar, dass da keine Naturgewalt am Werk gewesen war, sondern menschliche Bösartigkeit. Beate Liedgens war derweil noch ganz ahnungslos im Auto unterwegs und kam zunächst an der intakten Plakatkunst von Renate Ittlinger am Gasthaus Klement vorbei. Voller Freude fuhr sie weiter nach Lichtenweg, um nach ihrem eigenen Beitrag zu schauen. "Ich dachte, ich seh' nicht richtig" - ihr Plakat war vollständig entfernt - "kein Fusselchen mehr". Ein bitterer Moment. "Es ist für einen Künstler schlimmer, wenn etwas zerstört wird, als wenn es geklaut wird", sagt Liedgens. Frisch ist ebenfalls noch konsterniert: "Wir können es alle immer noch nicht glauben. Aber wir wollen nicht im Frust hängen bleiben." Die zerstörten Plakate werden neu gedruckt und am kommenden Samstag wieder aufgehängt - nun heißt es "Kunstanschlag reloaded".

© SZ vom 05.05.2021

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