In dritter Generation:Im Auftrag des Großvaters

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(Foto: Christian Endt)

Sophie Schweisfurth, 30, leitet die Herrmannsdorfer Landwerkstätten

Von Daniela Gorgs, Glonn

Im Wirtshaus führt eine steile Wendeltreppe hinauf zu ihrem Büro. Von dort überblickt Sophie Schweisfurth den Hof und die Werkstätten. Sie lächelt freundlich und bittet um einen kurzen Moment. Gleich hat sie Zeit, ein wenig von sich zu erzählen. Die Menschen sind neugierig. Wer ist diese Frau, die das Erbe ihres Großvaters antritt, des deutschlandweit bekannten Bio-Pioniers? Karl Ludwig Schweisfurth schuf mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten vor den Toren Münchens einen ökologischen Musterbetrieb, der zeigt, wie sinnvoll und wertvoll Tiere in der Landwirtschaft sein können. Unter der Nachfolge seines Sohns Karl, 22 Jahre lang Geschäftsführer in Herrmannsdorf, blühte das Unternehmen wirtschaftlich auf. Jetzt hat mit Sophie, Karls Nichte, die dritte Generation übernommen. Zusammen mit ihrem Mann Mathias Stinglwagner leitet sie seit Anfang Mai die Herrmannsdorfer Landwerkstätten.

Es ist eine Herausforderung. Sophie Schweisfurth, 30, trägt die Verantwortung für 190 Mitarbeiter. Mehr noch: Sie führt die Vision des Großvaters fort, der auf dem Gut in Herrmannsdorf ein Leben und Arbeiten im besseren Einklang mit der Natur verwirklichte. Die neue Chefin genießt es, unter dem Kastanienbaum mitten im Hof zu sitzen, umringt von einer Schulklasse, die nach der Führung durch die Werkstätten dort Brotzeit macht. Die Kinder plaudern angeregt und Sophie Schweisfurth muss etwas lauter sprechen. Sie trägt das rote Haar mit einer Spange zurückgebunden, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Sie lächelt. Hier zu leben und zu arbeiten sei eine gute Entscheidung gewesen, sagt sie. Eine Entscheidung für die Großfamilie.

Ihr Tag auf dem Hof beginnt mit einem Frühstück in der Speiseküche, mit der gesamten Belegschaft. Etwa 80 Mitarbeiter wohnen auf dem Hof. Man arbeitet zusammen, man lebt zusammen. Sicher, es sei abends nicht leicht abzuschalten, sagt Sophie Schweisfurth. Doch habe das Lebensmodell auch einen entscheidenden Vorteil: "Ich bin zuhause, wo ich arbeite und kann schnell und flexibel reagieren, egal ob privat oder im Betrieb." Abends, wenn die Brote aus dem Ofen kommen, dreht Sophie Schweisfurth noch eine Runde durch die Bäckerei und kontrolliert das Backwerk. Und oft hat sie dabei ihre acht Monate alte Tochter Maja auf dem Arm. Die Zusammenarbeit mit ihrem Mann gefällt ihr: "Wir können uns beide beruflich verwirklichen und haben trotzdem die Zeit, uns die Erziehung von Maja zu teilen." Die Tochter könne so genau in der Welt aufwachsen, die Sophie Schweisfurth schätzt und erhalten möchte. Eine Welt im Einklang mit der Natur, die sie selbst von Kindheit an kennt.

Die junge Mutter wuchs in Glonn auf. Sie hat noch viele Erinnerungen an die Anfangsphase von Herrmannsdorf und dem benachbarten Gut Sonnenhausen, das ihr Vater Georg entscheidend mitprägte. Nach ihrem Abitur erfüllte sie dem Großvater den Wunsch, auf dem Hof sämtliche Werkstätten zu durchlaufen. "Meinem Großvater ist es wichtig, dass Kinder und Enkel etwas Handwerkliches erlernen." Nach einem Jahr Praktikum in Metzgerei, Bäckerei und Küche durfte Sophie Schweisfurth an der Universität Betriebswirtschaft studieren. Ihren Master absolvierte sie in England. Nebenbei half sie ihrer Schwester, ein nachhaltiges Modelabel aufzubauen, und machte dies zum Thema ihrer Masterarbeit. Erste unternehmerische Erfahrungen sammelte Sophie Schweisfurth in Bad Aibling, wo sie die Gründung eines Bio-Cateres mitgestaltete. Nach vier Jahren war die Zeit reif für eine neue Aufgabe: Sophie klopfte bei ihrem Onkel Karl an, ob er in seinem Betrieb ein Plätzchen für sie frei habe. "Dass es gleich der Chefsessel wird, damit habe ich nicht gerechnet", erzählt sie. Zusammen mit ihrem Mann obliegt ihr die Verantwortung für die Produktions- und Vertriebsgesellschaft der Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Ihr Onkel, der mit Rat und Tat zur Seite steht, kümmert sich weiterhin um die Landwirtschaft und die Immobilienverwaltung.

Für die Kunden und Mitarbeiter des Biohofes wird sich erst einmal nicht viel ändern. Auch künftig werden in Herrmannsdorf Tiere artgerecht aufwachsen, Würstel und Brezen von Hand gedreht. Sophie Schweisfurth verspricht, dem Handwerk die gleiche Liebe entgegenzubringen wie ihre Vorgänger. Doch plant sie, mit einer neuen und frecheren Bildsprache verstärkt auch die jüngere Generation anzusprechen. Darüber nachzudenken, ob mal ihre Tochter in ihre Fußstapfen tritt, dazu ist es noch viel zu früh.

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