Süddeutsche Zeitung

Im Landkreis:Vor allem Bequemlichkeit schlägt den Umweltgedanken

Grüne scheitern mit Antrag, für die Anschaffung wiederverwendbarer Stoffwindeln einen finanziellen Anreiz zu schaffen

Von Gerhard Wilhelm, Erding

"Der Landkreis Erding bezuschusst die Anschaffung wiederverwendbarer Stoffwindeln und Windelhosen und/oder die Benutzung von Windelwaschdiensten als umweltfreundliche Alternative." Was sachlich im Antrag der Kreistagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen formuliert war, löste in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Klima, Natur, Struktur, Verkehr und Umwelt des Kreistags eine längere Debatte Pro und Contra mehrfach verwendbarer Soff- im Vergleich zur Einwegwindel aus. Letztendlich wurde der Antrag mit 7:5 Stimmen abgelehnt. Begründung: Die Anschaffung von Mehrwegwindeln trage zwar zur Abfallvermeidung bei, ein ökologischer Mehrwert sei jedoch bei vermehrter Nutzung der Waschmaschine nicht eindeutig nachweisbar. Zudem wachse der Markt für ökologisch verträglichere Einwegwindeln. Eine Förderung des wirtschaftlich günstigeren Systems der Mehrwegwindeln erschließe sich darüber hinaus nicht.

Monika Wenger (Grüne), Gertrud Eichinger (SPD) und Stephan Treffler (ÖDP) argumentierten, dass man nicht alleine anhand der Anschaffungskosten und Folgekosten entscheiden dürfe, denn die Bequemlichkeit lasse viele Eltern zur Einwegwindel greifen. Das Abfallamt hatte gar nicht in Zweifel gezogen, dass Mehrwegwindeln zur Abfallvermeidung hilfreich seien. Und in der Anschaffung sogar günstiger. Eltern müssten je Kind rund 1000 Euro für Einwegwindeln ausgeben, ein Stoffwindelset sei bereits für 200 bis 800 Euro zu haben und könne dann auch für weitere Kinder verwendet werden, sagte Andreas Neumaier von der Landkreis-Verwaltung. Die höheren Kosten für Einwegwindeln würden jedoch durch den höheren Energie- und Wasserverbrauch beim Waschen aufgewogen. Hinzu käme ein beträchtlicher Verwaltungsaufwand, der bei der Bezuschussung anfallen würde.

Die Befürworter sahen aber vor allem den Müllvermeidungsaspekt als wichtiger an. Ein Zuschuss für die Eltern solle eher eine Art Prämie, einen Anreiz darstellen, da sie erheblich zur Müllvermeidung beitragen würden. Bis ein Baby "sauber" sei, benötige es etwa 4000 Windeln - laut Abfallwirtschaftsamt sogar 5000. Jedes Baby produziere so in den ersten zwei bis drei Jahren seines Lebens schon rund 1100 Kilogramm Abfall durch die Einwegwindeln. "Diese Abfallmenge muss nicht sein - denn das Wickeln mit modernen Stoffwindelsystemen erfolgt genauso schnell und bequem und ist zudem nicht teurer. Seit der Erfindung der Einwegwindeln werden diese aus Bequemlichkeit überwiegend genutzt", heißt es im Antrag. Zur Herstellung von Wegwerfwindeln würden zudem große Mengen Energie sowie Chemikalien für Bleiche, Transport und Verarbeitung verbraucht. In einigen Landkreisen in der Region würden Mehrwegwindeln bereits gefördert, zum Beispiel in Starnberg oder Dachau. Außerdem gebe es auch inzwischen Windelwaschangebote.

Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) sah die "Gesamtbilanz" auf Seiten der Einwegwindeln: "Wasserverbrauch und die Belastung der Kläranlagen muss man auch sehen. Was aus der Waschmaschine raus geht, ist sicherlich nicht besonders umweltfreundlich." Die große Masse der Eltern greife zur Einwegwindel, obwohl die Alternative günstiger sei, bei einem zweiten oder dritten Kind sogar noch mehr. Da würde eine Bezuschussung wenig ändern.

Sabine Berger (CSU) meinte, die Eltern hätten die doch freie Wahl. Es werde seinen Grund haben, warum die meisten auf Stoffwindeln verzichteten, eher weniger aus finanziellen Gründen. Zum Beispiel sei der Waschaufwand enorm.

Für einen Lacher sorgte der fürsorgliche Hinweis von Manfred Lex (CSU): "Die Windeln, so kenne ich das noch, müssen einzeln gewaschen werden. Die würde ich nicht mit anderer Wäsche waschen."

Um dem Aspekt Abfallvermeidung zumindest teilweise Rechnung zu tragen, regte Bayerstorfer an, dass das Abfallwirtschaftsamt die Bürger über die Alternative Stoffwindeln aufklären soll.

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SZ vom 03.05.2021
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