Holocaust-Überlebenserinnungen Wiedersehen in Isen

Die Münchnerin Hilde Grünberg berichtet, wie sie als jüdisches Kind den Nationalsozialismus überlebte. Mit ihrer großen Erinnerungskraft und Präsenz macht sie deutlich, wie wichtig und wertvoll Zeitzeuginnen sind

Von Florian Tempel, Isen

Hilde Grünberg weiß so viel. Sie kennt die Namen der Menschen, denen sie begegnet ist, in welchen Häusern sie wohnten und wo diese Häuser standen. Wenn die 82-Jährige von einer Begebenheit aus ihrer Zeit als Kind in Isen erzählt, sind es Berichte voller Details und Einzelheiten. Dabei ist alles schon sehr lange her. Sie war nur wenige Monate in den Jahren 1944 und 1945 in Isen.

Toni Reich, ein Jahr jünger als sie, weiß nichts mehr von ihr. Aber er freute sich ungemein, sie kennen zu lernen. Auch wenn er sich nicht erinnern kann, dass sie ein Dreiviertel Jahr lang mit ihm lebte, ein Mädchen aus München, über die Kinderlandverschickung in seiner Familie untergebracht. Einer ehemalige Klassenkameradin geht es kaum anders. Sie sagt, sie und die anderen vom Jahrgang 1936, die noch lebten, hätten gemeinsam und angestrengt nachgedacht. Aber von einer Hilde haben niemandem mehr etwas gewusst. Doch nun kehrten die Erinnerungen zurück, sagt die ehemalige Klassenkameradin. Seit sie das alte Foto von ihr als Mädchen mit Zöpfen gesehen habe und noch mehr, da sie ihr nun gegenüberstehe, sie sich sehen, hören und berühren können.

Vor einer Woche ist Hilde Grünberg zu einem Gesprächsabend nach Isen gekommen. Die Geschichtswerkstatt Dorfen - Schorsch Wiesmaier, Hans Elas, Doris Minet und Heidi Oberhofer-Franz - hatten den Abend organisiert. Wiesmaier war vor einem Jahr in einem SZ-Artikel auf Hilde Grünberg gestoßen und hatte Kontakt zu ihr aufgenommen. Nach einigen Treffen vereinbarte man eine Veranstaltung in Isen und traf sich mit Bürgermeister Siegfried Fischer, der den Rathaussaal zur Verfügung stellte. Als Hilde Grünberg kam, war der Saal mit gut 60 Zuhörern voll.

Es wurde ein bemerkenswerter Abend. Hilde Grünberg machte mit ihrer Präsenz deutlich, wie wichtig und wertvoll Zeitzeuginnen sind. Die Wirkung ihrer Berichte war enorm. Bürgermeister Fischer hatte sehr recht gehabt in seiner Begrüßungsansprache, als er sagte, dass der persönliche Kontakt besonders berührend sei.

Die Episoden aus ihrem Kinderleben, die Hilde Grünberg erzählte, waren nur scheinbar einfache Geschichten. Sie ist ihrer Ermordung als Kind entgangen, weil sie den Nationalsozialisten irgendwie durchgerutscht ist. Das war ein großes Glück, aber eines, dass einen gleichzeitig froh und entsetzt macht.

Die 82-jährige Hilde Grünberg traf bei dem von der Geschichtswerkstatt Dorfen veranstalteten Abend nach 73 Jahren auch Toni Reich wieder, in dessen Familie sie knapp ein Jahr untergebracht war.

(Foto: Stephan Görlich)

Hilde Grünberg ist 1936 in München geboren. Ihr Vater verließ sie und ihre Mutter als sie drei Jahre alt war. Von da an lebte sie mit ihrer Mutter Erika, ihrer Großmutter Hermine und ihrer Tante Eva zusammen in einer Wohnung. Im Juli 1942 wurde ihre damals 67 Jahre alte Großmutter abgeholt und ins KZ Theresienstadt deportiert. Dass ihre Familie jüdisch war, war Hilde Grünberg kaum bewusst. "Ich war bis dahin gar nicht damit konfrontiert." Das änderte sich schlagartig, als "die zwei Gestapomänner in ihren Ledermänteln" in die Wohnung kamen. Unten auf der Straße stand ein Bus, in dem schon viele andere Münchner Juden saßen. Ihre Mutter und ihre Tante wurden als "jüdische Mischlinge ersten Grades" zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ihre Mutter, "die sonst nicht so mutig war", floh aus der Munitionsfabrik, in die man sie verfrachtet hatte, und tauchte bei Bekannten in Bad Wiessee unter. Ihre Tante, eine Bankangestellte, kam dank einer Invention ihres Vorgesetzten nach Isen, wo sie weiter bei der Raiffeisenbank arbeiten konnte. Die siebenjährige Hilde Grünberg aber steckte man, ganz allein, in die Kinderlandverschickung.

Im tiefsten Winter 1943 kam sie zunächst zu einer Bauernfamilie in Schwabbruck bei Schongau. "Die hatten eigentlich einen Buben erwartet." Sie hauste in einer eiskalten Kammer, musste Kühe hüten und bekam in der Schule von der Lehrerin Schläge, weil sie nicht den Arm zum Hitlergruß hochriss. "Das Traurigste war, dass ich mich niemanden mitteilen konnte, ich war mit meinen Ängsten ganz allein." Ihre Tante hielt schriftlich Kontakt und schaffte es, ihre Nichte 1944 bei der Familie Reich in Isen unterzubringen.

"Im Vergleich zu Schwabbruck war es das absolute Paradies." Ihre Erinnerungen an die Zeit in Isen sind weitgehend positiv. "Die Frau Reich war eine so gütige, liebenswerte Frau", der Vater der Familie war umgänglich und der kleine Toni Reich war ihr Spielkamerad. Und dann berichtete sie über viele kleine Begebenheiten, vom heimlichen Himbeerpflücken, den Prügeln, die sie von einem Bauern dafür bekam, von ihrer Angst vor dem strengen Gendarm, von der geizigen Frau des Bankdirektors, vom Besuch des Nikolaus und dem Kriegsende ins Isen am 1. Mai 1945, als es leicht schneite.

Ein Kindheitsfoto von Hilde Grünberg.

(Foto: Stepahn Görlich)

Nach dem Krieg lebten Hilde Grünberg, ihre Mutter, ihre Tante und ihre Großmutter, die die drei Jahre in Theresienstadt überlebt hatte, wieder zusammen in ihrer alten Münchner Wohnung. Sie heiratete spät, bekam einen Sohn, arbeitete bei der Raiffeisenbank und bei der israelitischen Kultusgemeinde.

Vor zehn Jahren kam sie zum ersten Mal nach 1945 wieder nach Isen, jedoch gewissermaßen inkognito. Sie hatte eine Wanderausflug ins Isental gemacht, ging in Isen zum alten Haus der Reichs, sprach mit den Nachbarn und notierte auch eine Telefonnummer. Doch mit einer Kontaktaufnahme sollte es noch etwas dauern.

Was sie in ihrer Kindheit in Isen erlebt hat, war mit ihr vergessen worden. Als Kind war Hilde Grünberg eine Randerscheinung im Ort, nun stand sie im Isener Rathaussaal im Mittelpunkt.