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Hochwasserschutz in Erding:Aufgestauter Ärger

Das Wasserwirtschaftsamt München kommt zu vier "Stadtspaziergängen" nach Erding. Erste Station ist Bergham, auch dort gibt es Widerstand

Von Regina Bluhme, Erding

Ein Spaziergang an der frischen Luft dient normalerweise der Entspannung. Die vier Touren, die das Wasserwirtschaftsamt München demnächst entlang der Sempt und einiger Gräben in Erding unternehmen wird, versprechen dagegen ziemlichen Stress. Der Besuch gilt dem künftigen Hochwasserschutz - und die Kritik vor Ort an den geplanten Dämmen und Deichen ist groß. Weil Corona eine Bürgerversammlung verhindert hat, bietet das Amt nun "Stadtspaziergänge" mit Anliegern und Interessierten an. Erste Station ist Donnerstag, 8. Oktober, im Stadtteil Bergham/Aufhausen. Dort sorgt nicht nur der geplante 600 Meter lange Deich entlang des Moosgrabens für Ärger.

Mit großen Schritten geht Robert Grimm am Moosgraben los. Bei 15 hört er auf zu zählen und bleibt im Acker stehen. 15 Meter insgesamt würde der geplante Deich entlang des Moosener Grabens an Raum einnehmen, sagt Grimm: 4,5 Meter soll die befahrbare Deichkrone breit werden, zudem sind rechts und links Deichschutzstreifen von je vier bis fünf Meter vorgesehen. Der Deich liegt hinter dem Semptpark und beginnt an der S-Bahnlinie, überquert den Moosgraben, knickt dann um 90 Grad und verläuft bis zur Pretzener Straße. Zudem ist auch noch ein Durchlassbauwerk eingeplant. Ein "Monster" werde hier entstehen, sagt Markus Auerweck von der Bürgerinitiative Naturnaher Hochwasserschutz Erding.

Bergham ist zweifach betroffen: Das Holzgestell beim Wiesengraben verdeutlicht die Ausmaße des von der Stadt geplanten Deichs.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Deich ist eine von mehren Schutzmaßnahmen, die das Wasserwirtschaftsamt entlang der Sempt plant. Jahrelang galt als Lösung ein riesiges Rückhaltebecken bei Wörth, doch 2019 entschieden sich die Planer zur Überraschung der Erdinger für die sogenannte lineare Variante, die anstelle des Beckens jetzt Dämme und Mauern im Stadtgebiet vorsieht. Es geht um den Schutz vor einem Hochwasser, das statistisch einmal in 100 Jahren auftritt, darin enthalten ist ein Zuschlag für den Klimawandel. Hochwasserschutz muss sein - aber nicht so, sagt Auerweck. Und schon gar nicht hier am Moosgraben.

Auch wird die Zuständigkeit des Wasserwirtschaftsamtes angezweifelt: An der Stelle, an der der Damm entstehen soll, komme gar kein Wasser von der Sempt. "Die Sempt ist an dieser Stelle über 800 Meter entfernt und drei Meter tiefer gelegen. Somit kann von der Sempt gar kein Wasser kommen", so Auerweck. Eigentlich sei für den Moosgraben, Hutgraben und Riexingergraben als Gewässer dritter Ordnung die Stadt zuständig. "Aber komischerweise plant hier das Wasserwirtschaftsamt alleine." Diese drei Gräben führen insgesamt sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde, fügt Auerweck hinzu. "Somit müsste man hier bei den Gräben im Einzugsgebiet ansetzen und das Wasser in der Fläche bereits zurückhalten, dann bräuchte man hier auch keinen Damm." Der geplante Deich samt betoniertem Durchlassbauwerk sei "weder schön noch in die Natur integrierbar", sagt Auerweck. Er plädiert stattdessen für die Schaffung von mehreren Mulden entlang des Wassers.

Einen Damm plant auch das Wasserwirtschaftsamt beim Moosgraben.

(Foto: Renate Schmidt)

Bergham ist aber auch noch an zweiter Stelle von Hochwasserschutzmaßnahmen betroffen, nämlich bei der Planung für die Gräben innerhalb des Stadtteils. Zuständig ist die Stadt Erding, geplant werden die Maßnahmen aber auch hier vom Wasserwirtschaftsamt München. Auf einer Anhöhe beim Wiesengraben zeigt die BI mithilfe eines Holzgestells, was dort geplant ist: Ein Damm mit einem Querschnitt, der 25 Meter beträgt, und dessen Kuppe 4,5 Meter hoch ist. Er führt direkt an einem Haus vorbei. Nicht nur für die unmittelbaren Anwohner sei diese Planung "unfassbar" sagt Auerweck. Die Ortschaft werde verdunkelt. Die BI plädiert dafür, ein negatives Gefälle am offenen Wiesengraben anzubringen und zwei natürliche Rückhaltemulden auf dem Grundstück der Stadt Erding, auf dem der geplante Damm liegt, anzulegen.

Harte Kritik wird es für die Besucher aus München auch am 9. Oktober in Altenerding geben. Hier kämpft eine gut präpariere BI gegen die geplanten Schutzwände entlang der Sempt. Weitere Termine sind am Stadtwehr und in Langengeisling angesetzt. "Es wird schwierig", das weiß Thomas Atzenhofer vom Wasserwirtschaft, der schon im Juli im Stadtrat den Unmut über die Planung mitabbekommen hat. Das Interesse an den "Spaziergängen" sei groß, allein für Altenerding liegen 25 Anmeldungen vor, sagt Atzenhofer. Wie die Gespräche dann nach den Corona-Regeln ablaufen können, werde sich zeigen. Er habe schon überlegt, einen Lautsprecher mitzunehmen. Laut könnte es auf jeden Fall werden.

Die Termine: Donnerstag, 8. Oktober, 15 Uhr, Bergham; Freitag, 9. Oktober, 13 oder 16 Uhr in Altenerding, Treffpunkt Parkplatz mit Zufahrt von der Straße "Am Altwasser"; Montag, 12. Oktober, 15 Uhr, in Langengeisling; Montag, 19. Oktober, 15 Uhr, in Erding am Stadtwehr, Treffpunkt ist die Fehlbachstraße. Informationen über die verschiedenen Ausbauvarianten sind auf der Homepage des Wasserwirtschaftsamts München einsehbar unter www.wwa-m.bayern.de/hochwasser/hochwasserschutzprojekte/erding.

© SZ vom 07.10.2020

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