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Historisches aus Erding:Gesicht für Gesicht

Tausende Frauen und Männer mussten im Landkreis Zwangsarbeit leisten. Durch Crowdfundig sollen ihre Biografien in die öffentliche Erinnerung rücken

Von Florian Tempel, Erding

Sie alle machen mit: Unterstüzter der Kampagne mit Bildern von Zwangsarbeitern.

(Foto: Falk Messerschmidt/OH)

"Ein Name ist ein Anfang", sagt Giulio Salvati, "ein Bild zu sehen, ist schon mehr, etwas über die Lebensgeschichte zu erfahren, das Ziel." Der in Erding aufgewachsene Historiker hat am 1. Mai dieses Jahres eine Online-Datenbank zu den vielen tausend Männern, Frauen und Kindern freigeschaltet, die von 1940 bis 1945 unter Zwang ihre Heimat verlassen mussten, um im Landkreis Erding in Fabriken und in der Landwirtschaft zu schuften. Die Datenbank auf dem Geschichtsportal www.erding-geschichte.de listet die Namen, Arbeitgeber und Einsatzorte von etwa 4300 Zwangsarbeitern auf, ermöglicht auf diese Weise Recherchen für Forscher und jeden anderen Interessierten. Die Datenbank ist darüber hinaus jedoch auch ein digitales Denkmal. Und die Arbeit an diesem Denkmal ist noch nicht abgeschlossen.

Salvati hat deshalb die Crowdfundingkampagne "Gesicht für Gesicht — Aus dem Archiv in die öffentliche Erinnerung" gestartet. Er und seine Mitstreiter wollen so vielen in der Datenbank auffindbaren Menschen wie möglich mit einem Foto ein Gesicht geben. Die Digitalisierung von etwa 2400 Erkennungsbilder, die es von Zwangsarbeitern aus dem Landkreis gibt, kostet mindestens 2000 Euro. Wenn viele Menschen einen finanziellen Beitrag dazu leisten, sollte die Summe bis Anfang Januar zusammenkommen.

Die Kampagne bedeutet für Salvati den nächsten großen Schritt bei der historischen Aufarbeitung der Zwangsarbeit im Landkreis. Die Digitalisierung der Fotos ermögliche einen noch persönlicheren Zugang zu den individuellen Biografien der verschleppten Menschen.

Im Staatsarchiv München werden seit Jahrzehnten schon die Karteikarten aufbewahrt, die das Arbeitsamt Erding während der NS-Zeit für jeden Zwangsarbeiter angelegt hat. Die Karten sind alphabetisch nach dem ersten Buchstaben der Nachnamen sortiert, in großen Stapeln mit Hanfschnüren zusammengebunden und lagern in Regalen im Keller des Staatsarchivs. Es gibt Karteikarten in drei verschiedenen Farben: grüne Karten für Menschen aus Polen, rote für Männer, Frauen und Kinder aus der Sowjetunion und gelblich-weiße Karten für alle übrigen. Nur die roten und grünen Karteikarten sind mit einem Foto versehen. Von Franzosen, Italienern, Belgiern, Tschechen, Serben oder Griechen wurden keine Fotos gemacht.

Salvati erklärt warum: "Menschen aus dem 'Osten' waren während und nach dem Krieg Sklaven und sie zu kontrollieren das eigentliche Ziel. So spiegelt sich das rassistische Denken in einer Skala auch in der Beschäftigung dieser Menschen im Landkreis wieder." Auf allen Karteikarten sind die üblichen Daten jeder Ausländerbürokratie: Name, Geburtsort, Familienstand, Beruf, Fingerabdrücke, eine Unterschrift. Es gibt ein Feld für die Heimatadresse. Für viele Passfotos hat man den meist im Halbprofil abgelichteten Zwangsarbeitern ein Nummernschild umgehängt. Manche zeigen akkurat gescheitelte Männer in Anzug und Krawatte und frisch frisierte Frauen im Sonntagskleid. Auf anderen hat man ärmlich gekleideten Menschen ein Nummernschild auf die Brust gehängt. Die Registrierung war nicht nur Bürokratie, sondern auch eine erkennungsdienstliche Behandlung wie bei einem Kriminellen.

Die Digitalisierung der Karteikarten mit Foto muss im Staatsarchiv kostenpflichtig von dortigen Mitarbeitern gemacht werden. Die Karten werden komplett gescannt, die Fotos später einzeln für die Datenbank herausgelöst. Jeder einzelne Scanvorgang kostet 60 Cent. Dazu kommen Gebühren für die Veröffentlichungsrechte und Serverkosten. Die Porträts sind danach frei verfügbar und können zum Beispiel für Publikationen oder Ausstellungen verwendet werden.

"Auch über 75 Jahre nach Kriegsende existiert im Landkreis kein Ort, um an die Menschen zu erinnern, die im Landkreis Zwangsarbeit leisten mussten", sagt Salvati. Insbesondere die sowjetischen und osteuropäischen Verstorbenen, deren Gräber in den Gemeindefriedhöfen im Lauf der Zeit aufgelöst wurden, drohen demnach in Vergessenheit zu geraten. Mit der Kampagne soll auch die Frage beantwortet werden, welchen Stellenwert heute das Leid dieser Menschen in der öffentlichen Erinnerung einnimmt und wie daran erinnert werden könnte. Es gehe darum, dass der gesamte Landkreis für die Erinnerung Verantwortung übernimmt. Und nicht zuletzt vernetzt das Projekt die historische Forschung auf lokaler, landesweiter und internationaler Ebene. Auf dem Internetportal gibt es auch Links zu anderen Initiativen und Projekten.

Der Link zur Kampagne: de.gofundme.com/f/gesicht-fr-gesicht-erding-erinnert. Weitere Informationen auf www.erding-geschichte.de und Facebook unter @ErdingerGeschichte.

© SZ vom 17.12.2020
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